Hurrikan-Katastrophe

Erste „Katrina“-Opfer geborgen

Menschenmasse vor dem Superdome in New Orleans

Menschenmasse vor dem Superdome in New Orleans

01. September 2005 Präsident George W. Bush will an diesem Freitag die Hurrikan-Katastrophengebiete besuchen. Zuerst werde er sich von einem Helikopter aus ein Bild von der Lage in Mississippi und Alabama verschaffen und dann nach New Orleans in Louisiana weiterfliegen, wie ein Sprecher des Weißen Hauses mitteilte. Danach will der Präsident auch einige Orte zu Fuß aufsuchen. „Die Nation wird gestärkt aus dieser Katastrophe hervorgehen“, sagte Bush am Donnerstag im Weißen Haus. Der Präsident will angeblich zehn Milliarden Dollar (acht Milliarden Euro) Soforthilfe für die Opfer von „Katrina“ bereitstellen.

Unterdessen sind nach offiziellen Angaben im Bundesstaat Mississippi die ersten 121 Leichen geborgen worden. Die meisten Toten waren im Bezirk Harrison zu beklagen. Allein in einem Wohnblock in der Kleinstadt Biloxi kamen nach Angaben des Katastrophenschutzzentrums 30 Menschen um. „Wir gehen davon aus, daß Tausende tot sind“, sagte die Senatorin Mary Landrieu aus Louisiana am Donnerstag vor Journalisten in Baton Rouge. Sie gab damit erstmals in der Öffentlichkeit eine Schätzung über die immense Zahl der Opfer durch den verheerenden Hurrikan „Katrina“ ab.

Schüsse auf Militärhubschrauber

In der zu großen Teilen überfluteten Metropole New Orleans eskalierte die Situation. Militärhubschrauber wurden beschossen und mußten daher die Evakuierung des zur Fluchtunterkunft umfunktionierten Superdome unterbrechen. „Ihr solltet lieber meine Familie abholen“, riefen die Schützen. Sanitäter berichteten von bewaffneten Männern in der Sportarena, die Angst und Schrecken verbreiten. Ein Nationalgardist wurde verletzt. Die Nationalgarde versucht mit einem massiven Einsatz die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Der Bürgermeister von New Orleans hat am Donnerstag in einem dramatischen Appell dringend um Hilfe gerufen. „Dies ist ein verzweifelter SOS-Ruf“, sagte Ray Nagin dem amerikanischen Nachrichtensender CNN. „Wir haben keine Hilfsgüter mehr für die 15.000 bis 20.000 Menschen am Kongreßzentrum.“ Die Situation sei völlig außer Kontrolle, die Bedingungen katastrophal. „Wir lassen die Leute jetzt von hier aus losmarschieren“, kündigte der Bürgermeister an. Auf einer Autobahn flehten Hunderte Menschen vorbeifahrende Autofahrer an: „Bitte helft uns!“ Andere bettelten um Wasser.

Die im Superdome festsitzenden Menschen sollen in das nicht mehr genutzte Stadion Astrodome in Houston (Texas) gebracht werden. Dieses liegt zwar 500 Kilometer entfernt, ist aber die nächstgelegene Unterkunft, die schnell für so viele Flüchtlinge eingerichtet werden kann. 500 weitere Busse seien auf dem Weg, hieß es von Regierungsseite. Die Zeitung „Houston Chronicle“ berichtete, daß sich zwischen die „offiziellen Flüchtlinge“ auch andere Hilfesuchenden „gemogelt“ hatten: Sie „kaperten“ zwei Schulbusse und steuerten sie eigenhändig von New Orleans nach Houston. Auf der Strecke sammelten sie weitere Hilfesuchende ein. Das Personal im Astrodome sei zwar schnell mißtrauisch geworden und habe die Ankömmlinge zunächst abgewiesen. Dann erbarmte man sich aber wohl und bot auch diesen Flüchtlingen im Stadion ein Dach über dem Kopf an.

Wiederaufbau wird Jahre dauern

Die von Präsident George W. Bush am Mittwoch versprochene bisher beispiellose Hilfs- und Rettungsaktion läuft nur langsam an. Amerikanische Fernsehsender berichteten über den wachsenden Frust und die Verzweiflung der Betroffenen im Katastrophengebiet.

Der Wiederaufbau in den drei hauptsächlich betroffenen Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama werde Jahre dauern, sagte Bush nach einem Flug über die betroffenen Gebiete. Er kündigte die Entsendung mehrerer Marineschiffe, amphibischer Fahrzeuge sowie Hubschrauber und die Einrichtung Dutzender großer Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten an. Hunderte Lastwagen stünden für Hilfsgütertransporte bereit, etwa für die Lieferung von 5,4 Millionen Paketen Fertignahrung. Bush will zusätzlich 11.000 Nationalgardisten in die Katastrophengebiete schicken, 5000 von ihnen sollen der Polizei helfen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

78.000 Menschen in Notunterkünften

In Louisiana und Mississippi sind ganze Stadtviertel sind im Wasser versunken, in den überschwemmten und zerstörten Häusern werden zahlreiche Todesopfer vermutet. Nach Angaben von Bush befanden sich am Mittwoch insgesamt 78.000 Menschen in Notunterkünften.

In der verwüsteten Küste am Golf von Mexiko sollen noch immer Tausende in ihren überfluteten Häusern gefangen sein. „Die Lage ist schrecklich, es ist heiß und feucht und die Leute haben kein Trinkwasser“, sagte Michael Brown, Chef der Behörde für Katastrophenmanagement (Fema).

„Wir hätten besser vorbereitet sein müssen“

Die amerikanische Regierung rief am Mittwoch bereits vorsorglich für die betroffene Küstenregion den „Gesundheitsnotstand“ aus. Augenzeugen berichteten von zahlreichen im Wasser treibenden Leichen und von Menschen, die wegen ausbleibender Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln zusammenbrechen und sterben würden. „Wir hätten besser auf so eine Katastrophe vorbereitet sein müssen“, gestand die demokratische Senatorin Mary Landrieu aus Louisiana gegenüber dem Sender CNN ein. Zudem wächst die Sorge, daß sich Seuchen wie Typhus und Cholera ausbreiten könnten. „Die Bedingungen verschlechtern sich rapide“, warnte ein Gesundheitsexperte von der Louisiana State University.

Auch die Plünderungen nehmen offenbar zu. Nach Fernsehberichten räumten am Mittwoch „ganze Horden von Menschen“ Läden aus, und Plünderer benutzten in einem Fall sogar einen Gabelstapler, um Fensterscheiben in einem höheren Stockwerk einzudrücken.

Deutschland bietet Hilfe an

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesaußenminister Joschka Fischer haben den Vereinigten Staaten Unterstützung angeboten. „Die Bundesregierung ist zu jedweder Hilfeleistung und Unterstützung bereit, um dieser entsetzlichen Naturkatastrophe Herr zu werden“, erklärte Fischer am Donnerstag in Berlin. Auch bei der Beseitigung der Folgeschäden bot der Minister Hilfe an. Den Familien der Opfer des Hurrikans sprach er sein Beileid aus. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der zahlreichen Opfer“, erklärte der Grünen-Politiker.

Nach bisherigen Erkenntnissen ist nichts über deutsche Todesopfer oder Vermißte bekannt. Die deutsche Botschaft in Washington sowie die Generalkonsulate in Houston (Texas) und Atlanta (Georgia) stehen nach Angaben des Auswärtigen Amts im engen Kontakt mit den Notstandsbehörden in Washington und den Krisenregionen. Mitarbeiter der Konsulate wurden in die zerstörten Gebiete geschickt.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa, Reuters, AFP
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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