Von Stephan Sahm
30. März 2006 Die Behandlung eines Krebsleidens erfordert einen Spezialisten mit Weitblick. Denn ihr Erfolg hängt davon ab, ob es gelingt, aus der Fülle moderner Therapieverfahren die für jeden Patienten geeignete Behandlung auszuwählen. Das ist leichter gesagt als getan. Sollen die Patienten effektiv behandelt werden, müssen die jeweiligen Experten eng zusammenarbeiten.
Gerade in dieser Hinsicht bestehen hierzulande gravierende Mängel in der Versorgung von Krebspatienten. Das zeigen Untersuchungen über die Qualität der Krebstherapie. So wird mehr als der Hälfte der Patienten mit Mastdarmkrebs eine Strahlentherapie vorenthalten, obgleich sie nachweislich davon profitieren könnten. Und immer noch erhalten viele Betroffenen mit fortgeschrittenem Dickdarmkrebs nicht alle wirksamen Medikamente, die die Symptome lindern und die Lebenszeit verlängern können. Bei der Behandlung anderer Tumorleiden sieht es nicht besser aus.
Gemeinsame Beratung
Die Deutsche Krebsgesellschaft sieht die Lösung in der Einrichtung von Organzentren. In solchen Institutionen arbeiten Spezialisten aller Fachrichtungen Hand in Hand. Der Chirurg und der Fachmann für die Strahlen- oder Chemotherapie untersuchen und beraten die Patienten gemeinsam. In regelmäßigen Konferenzen werden die Krankheitsverläufe mit Röntgenärzten und Gewebsspezialisten diskutiert. Wie die Struktur von Organzentren aussehen sollte, war Schwerpunkt einer Reihe von Symposien auf dem 27. Deutschen Krebskongreß in Berlin.
Viele Krebspatienten fürchten, daß wichtiges Wissen verlorengehen könnte, wenn sie von einer Institution zur anderen weitergereicht werden. Christoph Straub, Hamburg, berichtete als Vertreter einer Krankenkasse über Befragungen von Patienten. Der Wunsch, Ärzte sollten eng kooperieren, rangierte weit vor der Erwartung, bestimmte Serviceleistungen im Krankenhaus, wie etwa komfortable Zimmer, in Anspruch nehmen zu können. Die Patienten seien bereit, um der Qualität willen auch eine weitere Entfernung vom Wohnort in Kauf zu nehmen.
Experten verschiedener Fachdisziplinen
Die Forderung der Krebsgesellschaft, Patienten mit Krebserkrankungen überwiegend in Organzentren zu behandeln, basiert auf den guten Erfahrungen mit den Brustkrebszentren. Diese gelten inzwischen als eine Erfolgsgeschichte. Seit einigen Jahren können Kliniken und Verbünde mehrerer Institutionen, an denen auch niedergelassene Ärzte beteiligt sind, das Zertifikat eines Brustkrebszentrums erhalten. Sie müssen sich verpflichten, eine Reihe von Qualitätskriterien einzuhalten. So muß auch die Beteiligung von Experten verschiedener Fachdisziplinen gewährleistet sein. Vor kurzem wurde das einhundertste Zentrum zertifiziert.
Nach Ansicht von Diethelm Wallwiener, Spezialist für Brustkrebs aus Tübingen, ist diese Art der Qualitätssicherung in der Welt bislang ohne Beispiel. Alleine die Versorgung in einem Brustkrebszentrum habe die Sterblichkeit der Patientinnen um achtzehn Prozent gesenkt. Eine wichtige Aufgabe der Zentren sei die Dokumentation. Alle Beteiligten sind verpflichtet, über ihre Behandlungsergebnisse zu berichten. Erst seit es Brustkrebszentren gebe, wisse man etwa, wie oft die Brust bei der Operation erhalten werden kann.
Durch ein Gütesiegel gekennzeichnet
Michael Bamberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, ist davon überzeugt, daß die Therapie von Geschwülsten des Dickdarms, der Prostata, der Lymphdrüsen und der Lunge in Zentren weitaus effektiver vorzunehmen sei. Voraussetzung sei aber, daß sie durch ein Gütesiegel gekennzeichnet seien. Der Patient müsse sich auf die Qualität der Versorgung verlassen können.
Wolff Schmiegel aus Bochum hat dazu schon einige Vorarbeit geleistet. Krankenhäuser der Ruhruniversität haben jetzt zusammen mit umliegenden Kliniken und niedergelassenen Ärzten als erste Einrichtungen in Deutschland das Gütesiegel Darmzentrum von der Krebsgesellschaft erhalten. Die Urkunde wurde auf dem Kongreß überreicht. Im Darmzentrum Ruhr arbeiten Spezialisten für Magen-Darm-Erkrankungen und Chemotherapiebehandlung, Chirurgen, Pathologen und Strahlentherapeuten zusammen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, daß alle Patienten eine Therapie nach den modernen Leitlinien erhalten. Dabei müssen alle Beteiligten klar definierte Vorgaben beachten. Sie betreffen die Art der Operationen, die Anforderungen an die Gewebsdiagnostik, die Sicherheit der Chemotherapie und die Technik der Spiegelungen am Magen-Darm-Trakt. Dabei kommt es nicht nur auf die Anzahl der behandelten Fälle an. Die Beachtung der Therapiestandards sei noch wichtiger, sagte Schmiegel. Die Berichte über die Behandlungsergebnisse wird das Darmzentrum Ruhr künftig veröffentlichen.
Nur von Krebstherapie kann keine Klinik leben
Die Experten in Berlin waren sich einig: Organzentren sind eine unabdingbare Voraussetzung, die Krebstherapie zu verbessern. Dennoch bleiben Zweifel, ob sie sich so leicht werden durchsetzen können. Denn Qualität kostet Geld. Und ob das Geld der Qualität folgen kann, muß angesichts des Dschungels der Finanzierung im Gesundheitswesen zumindest bezweifelt werden - trotz gegenteiliger Beteuerungen der Kostenträger. Matthias Beckmann, Frauenarzt der Universität Erlangen, hat beispielhaft eine Kostenrechnung für das Brustkrebszentrum Franken aufgestellt. Dabei zeigt sich, daß nach der Umstellung der Kostenerstattung im Krankenhaus auf Fallpauschalen den Kliniken ein gewaltiges Defizit verbleibt, wenn sie ihre Patientinnen nach dem Stand der Kunst behandeln. Andere Bereiche im Krankenhaus müßten quersubventionieren, behauptet Beckmann. In den gynäkologischen Abteilungen sind dies meist die Abteilungen für Geburtshilfe. Wenn aber eine Institution sich ausschließlich mit der Krebstherapie befasse, könne sie nicht überleben.
Vertreter der Krankenkassen wiesen noch auf weitere Schwierigkeiten hin. Wenn denn Krebspatienten ausschließlich in dazu berechtigten Zentren behandelt werden sollen, sei nicht klar, was mit den übrigen Krankenhäusern geschehen solle. Auch sei die Ausbildung für die nachwachsende Ärztegeneration gefährdet. Nur junge Ärzte, die in den spezialisierten Zentren ausgebildet würden, hätten überhaupt eine Chance, den Verlauf von Krebserkrankungen kennenzulernen.
In Berlin war man sich einig, daß all diese Einwände zu bedenken sind. Aufzuhalten dürfte die Einrichtung weiterer Organzentren damit aber wohl kaum sein.
Text: F.A.Z., 29.03.2006, Nr. 75 / Seite N2
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