Von Iris Gutierrez

Die Erleichterung ist der Dritten des Ironman in Frankfurt 2009 ins Gesicht geschrieben: Nicole Leder
06. Juli 2009 Sekunde um Sekunde kommt sie näher. Die Verfolgte bleibt abermals an einer der Wasserstellen stehen, greift nach einem Becher, den ihr ein Helfer entgegen streckt, sie geht und setzt dann wieder zum Laufen an. Das Gesicht von Yvonne van Vlerken ist schmerzverzerrt. Schwämme, vollgesogen mit Wasser, drückt die Niederländerin auf ihren muskulösen Oberschenkeln aus. Und doch schleppt sich die 30 Jahre alte Weltmeisterschaftszweite von 2008 auf der Ironman-Distanz vor Nicole Leder ins Ziel.
Die 37 Jahre alte Darmstädterin wird Dritte - mit der schnellsten Marathonzeit der Frauen (3:02 Stunden). Sandra Wallenhorst gewinnt den Europameistertitel mit einer Gesamtzeit von 8:58 Stunden, vor Yvonne van Vlerken (9:02) und Leder (9:05). Aus dem Langener Waldsee ist Nicole Leder als zweite Frau gestiegen, nach den 180 Kilometer Radfahren war sie mit 10 Minuten Rückstand auf die erste Frau auf Platz fünf, mit für ihre Verhältnisse einer eher bescheidenen Zeit. Was war passiert? Irgendwann vor etwa Kilometer 30 saß ich im Tiefparterre. Ihr Sattel war nach vorne gekippt. Zum Glück fixierte der Rennservice an der Strecke den Sitz wieder, die Position von vorher hatte er zwar dadurch nicht, aber ein Weiterfahren wurde möglich.
28 Grad und fast Windstille
Nach dem eher unglücklich gelaufenen Radrennen, setze die Mutter einer 10-jährigen Tochter daher auf volles Risiko beim Laufen. Bei schwülen 28 Grad und fast Windstille macht die eher zierliche, 168 Zentimeter große Nicole Leder im schwarzem Einteiler und weißer Kappe auf dem Kopf Platz für Platz gut. Bei Kilometer 27 überholt sie Andrea Brede, mit der sie 2007 in Frankfurt noch ein packendes Duell gezeigt hat. Auf der schmalen asphaltierten Laufstrecke am Main kämpft sie sich unbeirrt durch männliche Altersklassen-Athleten durch, die alle einen Kopf größer als sie zu sein scheinen. Der Abstand zu van Vlerken schmilzt auf drei Minuten. Für Platz zwei reicht es nicht. Trotzdem bricht frenetischer Jubel aus, als sie ins Ziel läuft. Dort angekommen umarmt sie Kai Walter, Mitveranstalter des Ironman in Frankfurt; ein Helfer hängt ihr die Bronzemedaille um. Doch nach kurzer Verschnaufpause dreht sie um und geht zu ihren Fans im Zieleinlauf zurück. Sie lässt sich feiern, klatscht Hände ab und umarmt Freunde im Publikum.
Den Zieleinlauf am Römer kennt die Lokal-Matadorin gut. 2007 wurde sie hier Europameisterin, ein Jahr lief sie als zweite ins Ziel. Obwohl es dieses Jahr nur für einen dritten Platz reichte, ist sie super glücklich mit dem Rennen. Ich dachte, der Abstand auf die Gewinnerin würde größer sein. In Hinblick auf Hawaii konnte Nicole Leder ohnehin recht entspannt in den Wettkampf gehen: Für die Weltmeisterschaft auf Hawaii 2009 hat sie sich bereits durch einen zweiten Platz beim Ironman in Malaysia qualifiziert.
Vytrisal beim Laufen durchgereicht
Obwohl der Eberbacher Timo Bracht der große Gewinner des Tages war, gab es einen weiteren Triathleten aus der Region, der abermals von seinen Fans am Main gefeiert wurde: Frank Vytrisal. Wie Nicole Leder startet der 43-Jährige für den DSW Darmstadt. Noch vor etwa zwei Wochen war unklar, ob Vytrisal in Frankfurt überhaupt starten würde. Eine Erkältung hatte ihn heimgesucht. Ein ungünstiger Zeitpunkt - und außerdem weckte das Erinnerungen aus dem letzten Jahr: 2008 musste er krankheitsbedingt aus dem Wettkampf aussteigen. Dieses Jahr kam es zum Glück anders: Frank Vytrisal stürzte sich in den 24 Grad warmen Langener Waldsee, stieg als Neunter aus dem Wasser und legte die zweitschnellste Radzeit hin. Er fuhr nur wenige Sekunden langsamer als Eneko Llanos, zu diesem Zeitpunkt noch an der Spitze des Athletenfeldes, nämlich 4:24:44 Stunden, auf 180 Kilometer versteht sich.
Auf der Laufstrecke wurde Vytrisal allerdings durchgereicht. Mit 3:08:32 Stunden lief er den langsamsten Marathon von allen Profitriathleten. Für einen siebten Platz (8:25 Stunden) vier Minuten hinter Faris Al-Sultan, dem Sechstplazierten, reichte es aber. Damit erreichte er nicht seine Form von 2007, als er mit 8:13 Stunden als drittplazierter Überraschungstriathlet gefeiert wurde. Für zwei Jahre hat sich Vytrisal von seinem Beruf als Berufsschullehrer in Darmstadt beurlauben lassen, um sich als Triathlet unter den Profis zu etablieren. Zweimal hatte er diese Chance auf Hawaii schon und ein drittes Mal kommt dieses Jahr dazu.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kretzer, Michael Kretzer