Eishockey-WM

Ist das Mutterland Kanada gut genug für den Heimsieg?

Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax

16. Mai 2008 Vielleicht geht mit der Abreise aus Halifax zugleich der Abschied vom Erfolg einher. Die kanadische Eishockey-Nationalmannschaft zieht bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land jedenfalls um. Von der überschaubaren Provinzhauptstadt von Nova Scotia im Südosten des Landes rund tausend Kilometer weiter gen Westen in die Großstadt Québec.

Dort ist es dann garantiert vorbei mit dem Turnier als Spaziergang für den Titelverteidiger. Im ersten Halbfinale im Colisee trifft er dort an diesem Freitag auf die Defensivspezialisten aus Schweden (23.00 Uhr / Live im DSF und im FAZ.NET-Liveticker). Die Skandinavier sind ein Musterbeispiel an Konstanz. Zum nunmehr achten Mal in Folge haben sie das Halbfinale der Weltmeisterschaft erreicht und nebenbei Tschechiens Eishockey-Nationaltrainer Alois Hadamczik nach dem 3:2-Viertelfinalsieg nach Verlängerung zum sofortigen Rücktritt bewogen.

Ein kanadisches „Mir san mir“

Oft genug schon haben auch die Kanadier die Schweden als Spielverderber empfunden. Vielleicht gibt es am Sonntag ja sogar ein Finale unter Nachbarn: Schweden gegen Finnland, sofern sich Finnland im anderen Halbfinale gegen Russland durchsetzt.

Ernsthafte Gegenwehr hatte Kanada bislang nur beim 5:4-Sieg in der Vorrunde g... Stolperstein: Im Halbfinale warten die selbstbewussten Schweden auf Kanada Kantersieg: Im Viertelfinale durften die Kandier beim 8:2-Sieg häufig jubeln Armes Deutschland: Mit der DEB-Auswahl spielte Kanada beim 10:1-Sieg Katz und... Sbornaja als Mitfavorit: Die russische Mannschaft zog mit einem 6:0-Sieg gege... Finnland wahrte mit einem 3:2-Sieg gegen die Vereinigten Staaten die Titelcha...

Aber mit solchen Gedankenspielen mochte sich keiner der kanadischen Sieger vom Mittwoch befassen. Gerade hatte man die Norweger locker und leicht mit 8:2 in die Schranken gewiesen. Was die Profis anschließend von sich gaben, würde man in Bayern sinngemäß mit „Mir san mir“ übersetzen – was schert uns der Rest der Welt? Kein Wunder, sind die Kanadier bei dieser WM doch erst einmal so richtig gefordert worden – von den Vereinigten Staaten.

„Ich habe das Gefühl, wir holen Gold“

Das Team von Cheftrainer Ken Hitchcock hat beschauliche Tage hinter sich. Gut 24 Stunden vor dem Viertelfinale etwa stand statt des Trainings ein Familientag auf dem Programm. Für ein Werbefoto durften Spielerfrauen, Freundinnen, Kinder, Eltern, Großeltern aufs Eis. John McClymont, der 74 Jahre alte Opa des Torjägers Rick Nash, posierte mit seinem Enkel und sagte mit breitem schottischen Akzent: „Ich habe das Gefühl, wir holen Gold.“ Natürlich, etwas anders kommt ja auch überhaupt nicht in Frage, wenn man wie schon im Vorjahr in Moskau von Sieg zu Sieg kurvt.

Das 8:2 über Norwegen bestärkte zudem das womöglich trügerische, durch Zahlen unterlegte Gefühl, sich enorm verbessert zu haben. Schließlich hätte man sich in der Zwischenrunde beim 2:1 über Norwegen noch beinahe blamiert. Wieder und wieder hatte sich da der norwegische Torhüter Pal Grotnes den Puck geschnappt.

Norwegen als stolzer Verlierer

Doch am Mittwoch stand er schon von der ersten Minute an auf verlorenem Posten. So wie alle im Team der Mannschaft mit dem Eisbären als Wappentier auf dem Trikot. Die norwegische Auswahl ist eine Ansammlung von Profis, Halbprofis und Amateuren. Einen hatten sie dabei, der schon bei den Colorado Avalanche in der nordamerikanischen Profiliga NHL mitgewirkt hat: Verteidiger Anders Myrwold. Aber das ist auch schon acht Winter her.

Mit einem Lächeln verließen die Verlierer das Eis, stolz, überhaupt bis ins Viertelfinale gekommen zu sein. Rund um das Duell David gegen Goliath sind ein paar Zahlenbeispiele erhellend: In Norwegen gibt es 6423 Hockeyspieler, in Kanada sind 545 363 registriert. Das jährliche Budget des norwegischen Verbandes für seinen Nationalkader bewegt sich unterhalb der Summe von 800 000 Euro. Das Jahreseinkommen von NHL-Star Dany Heatley, der am Mittwoch sein zehntes WM-Tor erzielte, ist in etwa um das Zehnfache höher als der norwegische Etat.

Seit 22 Jahren kein Gastgeber-Sieg

Die Norweger kokettieren mit ihrer Abstammung als unerschrockene Wikinger. Sobald sie das Eis verlassen, halten sie sich mit ihren Berufen als Lehrer, Verkäufer, Tapezierer oder Elektriker für lebenstüchtiger als die kanadischen Weltmeister. „Wenn Sie einen Handwerker brauchen, Anruf genügt“, ließ Myrwold schmunzelnd wissen. „Aber rufen Sie niemanden von der kanadischen Truppe an, die können nur Eishockey.“

Das können sie allerdings so gut, dass sie gegen Norwegen spielend auf Eric Staal verzichten konnten. Beim 10:1 über Deutschland hatte dieser allein vier Treffer erzielt. Er fehlte entschuldigt. Staal war zur Beerdigung seines Großvaters John in seine Geburtsstadt Thunder Bay geflogen. Die Mannschaftskameraden hatten zuvor versprochen, dass sie auch für Eric spielen und siegen werden, damit es ein Wiedersehen in Québec gebe. Auf dass die Tour zum Gold für alle weitergehe.

Dabei ist es seit 22 Jahren keinem WM-Ausrichter mehr gelungen, den Titel zu holen. Für Kanada wäre es der fünfundzwanzigste im hundertsten Jahr des Bestehens des Internationalen Eishockey-Verbandes. Wegen des Jubiläums ist die Eishockeywelt ausnahmsweise in der Neuen Welt zu Gast. Die Europäer sind entschlossen, die WM-Trophäe mitzunehmen. „Wir müssen erst noch unser Meisterstück machen“, warnt Mr. Hitchcock seine Profis. Für sie war die WM bisher ein Kinderspiel. Sie werden sich umstellen müssen. Eine andere Stadt, eine andere Zeitzone, ein Gegner von einem anderen Kaliber.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

 
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