Von Frank Heike
30. März 2008 Es gab genügend Phasen in diesem Spiel, in denen man dachte, der HSV Hamburg würde das Pokalfinale für sich entscheiden – doch mit seiner unnachahmlichen Siegermentalität kämpfte sich der durch Verletzungen und Hinausstellungen dezimierte THW Kiel immer wieder zurück. Am Ende gewann Kiel am Sonntagnachmittag 32:29 gegen die ebenfalls ersatzgeschwächten Hamburger und holte wie im Vorjahr den deutschen Handball-Pokal.
Es war schon der fünfte Triumph der Kieler im Pokalwettbewerb. Die Hamburger, Sieger von 2006, verloren vor knapp 13.000 Fans, weil außer Torsten Jansen am Ende auch Kyung-shin Yoon und Bertrand Gille, die sich verletzt hatten, nicht mehr mitspielen konnten. Vor allem das Fehlen von Abwehrchef Gille schmerzte. Beim THW, der während der Partie durch ein wahres Wechselbad der Gefühle ging, überzeugte wieder einmal Nikola Karabatic – ihm gelangen neun Treffer. Auch Torwart Thierry Omeyer zeigte in der zweiten Halbzeit seine gewohnte Leistung. Am Ende steuerte auch Börge Lund wichtige Treffer bei. Beim HSV, der zur Halbzeit noch führte, war die Angriffsleistung zu schwach, um vor heimischer Kulisse zu siegen: nur Yoon war stets gefährlich und traf zehn Mal. Voller Stolz reckte der Kieler Kapitän Stefan Lövgren später den Pokal in die Höhe – Lövgren ist 38 Jahre alt, für seine Mannschaft war er an beiden Tagen wieder unverzichtbar.
Vorverkauf nach sieben Minuten beendet
Mitten im Kieler Jubel, dem Konfettiregen und der Champagnerdusche, stand Frank Bohmann. Für ihn ist die Pokalendrunde immer ein Festtag. Der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL) hat sein liebstes Produkt über die Jahre immer weiter ausgebaut, etwa, was die Präsenz ausländischer Fernsehsender, den Rechteverkauf ins Ausland und vor allem die Prämien für die beteiligten Klubs angeht. Mehr als 120.000 Euro Einnahme sind den vier Teilnehmern inzwischen garantiert für das Handball-Wochenende. Doch auf einigen Feldern sind die Grenzen des Wachstums erreicht. Den Vorverkauf mussten wir nach sieben Minuten beenden“, sagt Bohmann. Dann waren die 6.400 freien Tickets verkauft. An beiden Tagen war die Halle mit 12.800 Zuschauern voll besetzt. Bohmann sagt: Wir hätten für jeden Tag 60.000 Karten verkaufen können.“
Natürlich war es ein Teilnehmerfeld mit Klubs, die ausgeprägte Fanstrukturen haben: der THW Kiel, die Hamburger als Heimmannschaft, und die Rhein-Neckar Löwen und die HSG Nordhorn hatten auch in den vergangenen Jahren schon Farbtupfer und Sangeskraft geliefert. Doch selbst wenn einmal vier Klubs aus den unteren Regionen der Bundesliga das Final Four“ erreichen sollten, wäre Bohmann um die Stimmung bei seinem wichtigsten Turnier nicht bange: Auch die würden genug Fans mitbringen.“ Es hat sich ein Wettbewerb entwickelt in lautstarker Unterstützung der Teams.
Vorfreude auf die Königsklasse
Dieser Preis ging in diesem Jahr an die Anhänger der HSG Nordhorn. An ihnen lag es nicht, dass die HSG am Samstagnachmittag 32:34 gegen den HSV Hamburg verlor. Zwar warf der überragende Holger Glandorf 13 Tore, Peter Gentzel ließ lange Zeit kein Tor zu, doch am Ende setzte sich der größere Kader der Hamburger gegen den kleinen, feinen der Nordhorner durch. Manager Bernd Rigterink sagte: Ich bin nicht unzufrieden mit unserem Spiel. Aber um endlich richtig wahrgenommen zu werden, fehlt uns einfach ein Titel.“ Ähnliches hätten für die Rhein-Neckar Löwen auch Trainer Juri Schewzow und Manager Thorsten Storm sagen können. Doch sie waren noch zu sehr mit der schwachen Leistung ihrer Mannschaft beim 34:38 im ersten Halbfinale gegen den THW Kiel beschäftigt. Wir haben nun zum vierten Mal in dieser Saison gegen den THW verloren, insofern kommt die Niederlage nicht überraschend.“ Die Rhein-Neckar Löwen verzichteten später wegen einiger verletzter Spieler auf das Spiel um Platz drei, so dass die HSG Nordhorn für den Europapokal der Pokalsieger qualifiziert wäre, sollten der HSV und Kiel in der Bundesliga die Qualifikation für die Champions League schaffen.
Der THW geriet auf dem Weg ins Finale nie wirklich in Gefahr. So konnte Kapitän Stefan Lövgren die Atmosphäre genießen: Auf nationaler Ebene ist das Final Four das Größte, was ein Handballer erleben darf.“ Das empfindet wohl auch der mit einem Bänderanriss pausierende Kieler Filip Jicha so. Wenn ich das sehe, was hier abgeht, will ich sofort wieder spielen“, sagte er. Doch bei aller Feststimmung dachten sowohl Hamburger als auch Kieler schon weiter. Für beide stehen am kommenden Wochenende die Halbfinalpartien in der Champions League gegen BM Ciudad Real (HSV) und den FC Barcelona (Kiel) an. So wurde weder in Kiel lange gejubelt noch in Hamburg getrauert, denn bei aller Wertschätzung für den deutschen Pokal – der Triumph in der Königsklasse wäre für beide Klubs bedeutender.
THW Kiel - HSV Hamburg 32:29 (17:18)
Tore: Karabatic (9), Kavticnik (8/2), Ahlm (5), Lund (4), Lövgren (3), Klein (1), Anic (1), Lundström (1) für Kiel - Yoon (10/3), Lindberg (5/1), Hens (4), Lijewski (2), Souza (2), G. Gille (2), Grimm (2), B. Gille (1), Ursic (1) für Hamburg
Zuschauer in Hamburg: 12.700 (ausverkauft)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa