08. März 2008 Das Durcheinander wird immer größer, der Profiradsport steht endgültig vor einer Zerreißprobe: Das Rennen Paris - Nizza, das als Fahrt zur Sonne gilt, wird weiterhin überschattet vom erbitterten Streit zwischen dem Internationalen Radsportverband (UCI) und der Amaury Sport Organisation (ASO), die dieses Rennen ausrichtet. Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) sollte in dieser Auseinandersetzung eine Entscheidung treffen - doch am späten Freitagnachmittag teilte der Cas mit, für diesen Fall nicht zuständig zu sein.
Das Gremium war von der Vereinigung der Profiteams (IPCT) angerufen worden und um einen Dringlichkeitsbeschluss gebeten worden. Die UCI droht Mannschaften und Fahrern mit Sanktionen, sollten sie an dem Rennen teilnehmen, das an diesem Sonntag beginnen soll. Die ASO, die auch für die Tour de France zuständig ist, stellte die Fernfahrt unter die Aufsicht des französischen Radsportverbandes. Die UCI spricht deshalb von einem illegalen Wettbewerb. Sie beharrt darauf, das Rennen nach internationalen Regeln auszutragen.
McQuaid ließ abermals die Muskeln spielen
Obwohl die UCI Strafen angekündigt hat, wollen die Teams bei Paris - Nizza antreten, das nicht mehr zur ProTour der UCI gehört - der von dem Iren Pat McQuaid geführte internationale Verband muss dies als einen schweren Rückschlag empfinden. Die UCI steht somit als vorläufiger Verlierer im Machtkampf mit der ASO da. Einige Profis allerdings machten doch einen Rückzieher, um ihre Starts bei Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen in diesem Jahr nicht zu gefährden. So erklärten die beiden Briten Mark Cavendish und Bradley Wiggins vom High-Road-Team, dem T-Mobile-Nachfolger, ihren Verzicht auf Paris-Nizza. Cavendish klagte: Wir sind Gefangene der Politik.
McQuaid ließ am Freitag wieder die Muskeln spielen und versuchte, Macht zu demonstrieren. Rennställen, die nicht der Linie der UCI folgten, müssten gar mit dem Ausschluss aus der UCI rechnen, sagte der Ire. Wenn sie mit der ASO gehen wollen, dann ganz, sagte McQuaid, sie können nicht den Fuß in zwei Türen haben. Er spielte damit auch auf Hinweise an, dass die ASO eine eigene Rennserie plane - möglicherweise nach dem Vorbild der Formel 1.
McQuaid: Die UCI ist eine demokratische, supranationale Organisation
Im Zwist mit den Franzosen leitete die UCI am Freitag neue Schritte ein: Sie eröffnete Disziplinarverfahren gegen den französischen Radsportverband und dessen Präsidenten Jean Pitallier sowie gegen Eric Boyer, den Chef der IPCT. Sieben Teams der IPCT, darunter das Team Milram, sowie die Fahrer-Vereinigung hatten beim Cas ein Eilverfahren zur Schlichtung angestrengt. Der Sportgerichtshof ließ nun zumindest die Möglichkeit offen, bei mehr Zeit grundsätzlich ein Urteil zu fällen. Allerdings hatten sowohl UCI wie auch ASO erklärt, dass der Cas sich mit dieser Angelegenheit nicht befassen könne. Der französische Verband und Pitallier tragen aus Sicht der UCI eine Mitverantwortung an dem aktuellen Konflikt. Der Weltverband wirft Boyer vor, er habe die Profiteams dazu ermutigt, bei Paris - Nizza mitzumachen und damit gegen UCI-Regeln zu verstoßen.
Gegen die ASO fuhr McQuaid nun auch in einem in der französischen Zeitung Le Monde veröffentlichten offenen Brief schweres Geschütz auf. Der Ire sprach gar von Erpressung. Die Teams fühlten sich aus finanziellen Gründen zu einer Teilnahme an der Tour verpflichtet und würden deshalb auch zu Paris - Nizza kommen. Anderenfalls riskierten sie, nicht zur Tour zugelassen zu werden. Die ASO, so McQuaid, wolle lediglich an Macht im Radsport gewinnen. Die ASO ist ein Unternehmen, das nur seinen Aktionären berichten muss. Die UCI ist eine demokratische, supranationale Organisation.
Hat Sinkewitz Klöden und Kessler belastet?
McQuaid setzt nun auf eine Einigung in letzter Minute: Ich hoffe, dass sich der gesunde Menschenverstand durchsetzt. Er hatte die ASO auch scharf kritisiert, nachdem das Team Astana wegen der Dopingskandale im vergangenen Jahr keine Einladung zur Tour erhalten hatte. Die UCI hatte der kasachischen Equipe eine neue ProTour-Lizenz erteilt und ihr neues Anti-Doping-Programm gelobt. Ob tatsächlich aber jeder Profi vom Team Astana sauber ist?
Vor wenigen Tagen hatte der geständige Dopingsünder Patrik Sinkewitz wieder vor dem Bundeskriminalamt aussagen müssen - dabei soll er auch Andreas Klöden und Matthias Kessler belastet haben. Es ging um den Abstecher von angeblich mehreren T-Mobile-Profis während der Tour 2006 zu einer Blutbehandlung in der Freiburger Uniklinik. Klöden, inzwischen bei Astana unter Vertrag, betonte stets, nie gedopt zu haben.
Viele Brandherde also im Radsport, einer zerrütteten Branche mit ungewisser Zukunft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP