Wellenreiten

Eiszeit in Thurso - oder Hawaii auf Schottisch

Von Michael Eder, Thurso

12. Mai 2008 Thurso ist ein Ort, der so sehr am Rande liegt, so weit entfernt von allem, dass er Menschen auf ganz eigenartige Gedanken bringt. Zum Beispiel haben die Briten hier 1955 ihre erste atomare Versuchsanlage gebaut, mit der kaum verschwiegenen Absicht, im Falle eines Scheiterns der neuen Technik und einer Katastrophe hier oben an der Nordspitze Schottlands, sechs Autostunden von Edinburgh entfernt, möglichst wenige Opfer zu haben. Thurso hatte damals dreitausend Einwohner, die vorwiegend vom Fischfang lebten. Heute sind es 7500, Hauptarbeitgeber ist noch immer die 1994 stillgelegte Reaktoranlage, deren Rückbau 2032 abgeschlossen sein soll.

Auch Sportler kamen in Thurso auf eigenartige Ideen. Sie begannen zu surfen, und weil der Ort am 59. nördlichen Breitengrad liegt, kann man nicht sagen, dass die See hier wirklich mollig wäre. Im Winter surfen lokale Größen wie Andy Bain oder Chris Noble schon mal zwischen jenen dicken Eisschollen, die der Thurso River ins Meer drückt, manchmal türmen sich die Wellen so hoch wie an der Nordküste von Hawaii, und die einzigen Zuschauer sind Robben, Seeotter und Delphine. Manchmal sitzt auch Lord Thurso am Fenster seines Anwesens hinter dem Fernrohr und schaut den Wellenreitern zu. Ihm gehört das meiste Land, auch das Felsenriff, vor dem die Wellen brechen, doch die Surfer sind ihm willkommen; seine Familie, sagt er, pflege seit Jahrhunderten "die schöne Tradition, Volksvergnügen nicht zu stören".

Wie Tiefseetaucher ohne Sauerstoffflasche

Man könnte sagen, das Meer ist relativ kühl in Thurso, im Frühjahr beträgt die Wassertemperatur um die sechs Grad, und das sind die Bedingungen, unter denen die Highland Open stattfinden, ein Surf-Event der World Qualifying Series (WQS). Weil die Großsponsoren Swatch und O'Neill dafür nicht nur 135.000 Dollar Preisgeld bereitgelegt haben, sondern auch jede Menge Punkte für die Weltrangliste zu gewinnen sind, stürzen sich im Feld der 150 Starter neben Lokalgrößen auch Weltklassesurfer ins eiskalte Wasser.

Die Highland Open finden in diesem Frühjahr zum drittenmal statt, die meisten Teilnehmer wissen, was sie erwartet, sie haben die passende Ausrüstung dabei, das war im Premierenjahr noch anders gewesen. Damals hatte mancher weit gereiste Schönwettersurfer einen veritablen Klimaschock erlitten, die ein oder andere Erfrierung inbegriffen. Jetzt reisen sie mit sechs Millimeter dicken Neoprenanzügen an, mit Schuhen und Handschuhen, manche auch mit Kapuzen aus wärmendem Kautschuk. Wenn sie von den glitschigen Felsen ins Wasser springen, sehen sie aus wie Tiefseetaucher, denen ein verrückter Highlander die Sauerstoffflasche abgenommen und dafür ein Surfbrett in die Hand gedrückt hat.

Sunny Garcia sucht Anschluss

Wer die bizzare schottische Surfszene verstehen will, schaut sich am besten Andy Bain an. Er betreibt in Thurso eine Surfschule, bei den Highland Open arbeitet er als "Beach Marshall", er weiß, wo die Wellen sind, wo die gefährlichen Felsen lauern, er kennt hier, sagen sie, jeden Wassertropfen. Und Andy Bain ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was man sich unter einem Wellenreiter vorstellt. Er ist weder braungebrannt noch sonnengegerbt, weder blond noch blauäugig, er hat weder eine Modelfigur noch steht er auf seichte Sonnenuntergangsmusik. Er hat die Figur eines Türstehers, Oberarme wie ein Walfänger, trägt großflächige Tätowierungen und Haare bis über die Brust. Mit der passenden Lederjacke gäbe er einen veritablen Hells Angel ab, aber Andy steht nicht auf Motorräder, er ist Surfer, Thurso-Surfer, und für eine Woche im Jahr schickt er die Stars der Wellenreitszene in schottische Gewässer.

Einer von ihnen ist Sunny Garcia. Der schon 38 Jahre alte Hawaiianer war 2000 Weltmeister und hat im vergangenen Jahr durch eine viermonatige Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung den Anschluss an die erste Liga des Wellenreitens verloren. Nach Thurso ist er gekommen, weil er hier, beim Sechs-Sterne-Event der WQS-Serie, die Weltranglistenpunkte zu gewinnen hofft, die er braucht, um am Ende des Jahres wieder in die ASP World Tour aufzusteigen, die Champions League der Surfer, die aus 46 Fahrern besteht. Jedes Jahr steigen aus ihr 16 Surfer ab, sie werden von den 16 besten Startern der WQS-Tour ersetzt, und deshalb ist Garcia nach Schottland gereist, und mit ihm viele Weltklassefahrer aus eindeutig wärmeren Regionen: Hawaii, Australien, Südafrika, Brasilien, La Réunion.

Deutschlands Bester scheidet früh aus

Die Konkurrenz ist stark, das bekommt auch Sunny Garcia zu spüren, im Viertelfinale ist Schluss für ihn. Gegen die jungen Australier - das Finale gewinnt Adam Robertson vor seinem Landsmann Andy Melling - hat er keine Chance. Doch Garcia macht weiter. Aus dem kalten Schottland fliegt er zurück nach Hawaii. Er werde an seiner Fitness arbeiten, kündigt er an. Und wie immer wird er dies im Boxring tun, sein Trainer ist Rob Garcia, der auch Box-Weltmeister Oscar de la Hoya betreut. "Boxen", sagt Sunny Garcia, "trainiert alles, was beim Surfen wichtig ist: Ausdauer, Balancegefühl, Koordination, Schnellkraft."

Auch Marlon Lipke, der einzige deutsche Surfer in Thurso, verabschiedet sich früh aus dem Wettbewerb. Lipke, 24 Jahre alt, ist in Portugal aufgewachsen, wo sein Vater am Strand von Lagos eine Surfschule betreibt. Die Bedingungen in Thurso sind seine Sache nicht. "Es ist sehr schwer hier", sagt er, "weil die Welle sehr schnell ist und direkt auf Stein knallt." Dennoch ist Lipke in dieser Saison auf dem Sprung.

„Die Wellen müssen auch zu einem kommen“

In der WQS-Rangliste liegt er trotz des schwachen Abschneidens in Thurso auf Rang 27, das bedeutet: Wenn er bis Jahresende noch elf Plätze vorrücken könnte, was durchaus möglich ist (es zählen die sieben besten Saisonergebnisse), wäre der Aufstieg in die Weltliga der Surfer perfekt - und sein sportlicher Traum erfüllt. Bis jetzt gab es noch keinen einzigen deutschen Wellenreiter auf der World Tour, erst vor sechs Jahren schaffte mit dem Engländer Russell Winter der erste Europäer die Qualifikation, aktuell vertreten zwei Franzosen, ein Portugiese und ein Spanier das europäische Element im elitären Kreis der 46 weltbesten Surfer, von denen allein 33 aus Australien und den Vereinigten Staaten kommen.

"Beim Surfen ist mehr Glück dabei als bei anderen Sportarten", sagt Lipke. "Die Wellen müssen auch zu einem kommen." In Schottland taten sie das nicht, aber die Eiszeit in Thurso war auch nur eine kurze Episode in Lipkes Tour-Kalender: Von Nord-Schottland aus flog er in die Sonne: auf die Mentawai-Inseln vor der Küste von Sumatra, dann geht es auf die Malediven, nach Südafrika, Kalifornien und Japan.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Al Mackinnon O'Neill, Michael Eder, Poullenot/ASP Europe, Roger Sharp O'Neill, Timo Jarvinen O'Neill

 
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