Markus Fothen

Radeln, bis die Lichter ausgehen

Von Michael Eder, Kaarst

04. April 2008 Gegenüber liegt der elterliche Betrieb, braune, dunkle Ziegelsteine, ein schöner alter Hof. Schweineerzeugung. Markus Fothen hat dort seine Lehre gemacht. Und vermutlich würde er heute dort arbeiten, dem Vater helfen, wäre er nicht Radprofi geworden. So aber schlagen sich die Eltern hier in Kaarst in der niederrheinischen Tiefebene alleine durch. Viel Arbeit. Sie kennen nichts anderes, sagt Fothen, sie sind zufrieden damit.

Markus Fothen hat mit seiner Frau Jessica auf der anderen Straßenseite ein Haus gebaut, weiß und hell, mit freiem Blick auf die Felder.

Die Gegend ist Fußball-Land. Berti Vogts kommt aus dem nächsten Dorf, fast alle hier sind Anhänger von Borussia Mönchengladbach. Als Kind ist Markus Fothen verrückt nach Fußball. Mittelfeld, Mannschaftskapitän, er ist schnell, hat ein gutes Auge. Und er ist Bayern-Fan, der Vater sieht es ihm nach. Bruder Thomas, anderthalb Jahre jünger, radelt lieber, die Eltern besorgen ihm im Einkaufsmarkt ein Mountainbike, melden ihn beim VfR Büttgen an, einem Verein mit eigener Bahn. 1997, mit fünfzehn, steigt auch Markus in den Ferien aufs Rad, um fit zu bleiben für den Fußball.

Die Jugendlichen treffen sich an der Radsporthalle und fahren neun Kilometer raus auf eine alte Raketenstation, dann drehen sie auf asphaltierten Wegen Runden auf dem Feld, vier Kilometer sind das, sie fahren sie zehnmal, es ist wenig Verkehr, ein bisschen hügelig, ein gutes Trainingsquartier. Markus ist ein Talent, heimlich bestellt der Verein eine Rennlizenz für ihn.

„1996 bin ich mein erstes Rennen gefahren, in Köln, um die Gesamtschule, ich bin Siebter geworden und habe meine ersten zehn Mark verdient. Ich war fürchterlich stolz.“

Auf den siebten Platz oder auf die zehn Mark?

„Auf die zehn Mark. Mein erstes verdientes Geld. Ich habe gedacht: Das macht Spaß. Den Umschlag aufmachen, gucken, was drin ist, die zehn Mark rausziehen.“

Junior Fothen spielt samstags Fußball und fährt sonntags Rennen, schließlich muss er sich entscheiden. Die Wahl fällt auf den Radsport.

„Der Grund war, dass beim Fußball einige Mitspieler den Sport in der Pubertät nicht mehr so ernst nahmen. Sie haben angefangen zu rauchen, kamen nicht mehr konsequent zum Training. Ich weiß noch: Das hat mich gestört. Ich habe mir gesagt: Im Radsport bist du für dich selbst verantwortlich, du kannst trainieren, so viel du willst, du kannst die Früchte deiner Arbeit einfahren. Im Fußball konnte man immer leicht sagen: Die anderen sind schuld. Im Radsport ist man immer selbst schuld, wenn es nicht läuft.“

Er zieht seine Lehre durch auf dem Bauernhof, geht zur Bundeswehr, Sportfördergruppe, fährt in der U-23-Nationalmannschaft und weiß, er hat vier Jahre Zeit, dann muss es geklappt haben. Und es klappt. 2003 wird er Europa- und Weltmeister im Zeitfahren der U 23, bekommt einen Vertrag bei Gerolsteiner, 2004 ist sein erstes Profijahr.

„Das erste Jahr ist ein Schnupperjahr, man kann schauen, welche Rennen einem liegen. Die Sportlichen Leiter können zunächst schlecht einschätzen, welches Potential ein Neuprofi hat. Sie haben nicht die Zeit, sich ganz genau in den Jugendklassen umzuschauen. Sie wissen zwar, da kommt ein Rennfahrer mit gewissen Fähigkeiten, aber wie er letztlich in den Rennen einzuschätzen ist, das muss man im ersten Jahr erst einmal sehen.“

Auch ein U-23-Weltmeister beginnt als Flaschenholer?

„Ja, aber Flaschen holen - das machst du dein ganzes Radfahrerleben, wenn du nicht gerade der Siegfahrer bist. Du unterstützt im Radsport immer den, der gerade besser ist. Das ist ein Prinzip, das auf Gegenseitigkeit beruht.“

Fothen beeindruckt seine Teamchefs auf Anhieb. In seinem ersten Profijahr fährt er die Tour de Suisse und kann den Kollegen auch auf den schwersten Alpenetappen lange helfen. 2005 meldet er sich für den Giro d'Italia. Die Chefs wollen sehen, ob er nicht nur für zehn Tage Tour de Suisse, sondern auch für drei Wochen Giro geeignet ist. Fothen fährt überragend, wird Zwölfter. Damit ist die Richtung klar: Der junge Deutsche hat das Zeug zu einem großen Rennfahrer.

„Ich wusste, dass mir Rundfahrten liegen, aber dass sie mir so sehr liegen ... ich hatte das immer gehofft, aber gewusst hatte ich es nicht.“

2006 dann die Tour de France. Totschnig und Leipheimer starten bei Gerolsteiner als Kapitäne, Fothen, so die Absprache, darf sich hinter beiden „frei bewegen“. Er wird Fünfzehnter - beim bedeutendsten Radrennen der Welt. Fothen ist nicht aufzuhalten, so scheint es, doch 2007 wird zum Rückschlag. Leipheimer und Totschnig haben Gerolsteiner verlassen, Fothen ist zum Kapitän aufgestiegen, doch er kann - zum ersten Mal - die Erwartungen nicht erfüllen. Woran es lag? Die private Belastung, das kleine Kind - Tochter Maxime ist im April 2006 geboren - der Hausbau.

„Wir haben das unterschätzt“, sagt Jessica. „Wir sind nie fertig geworden. Das war alles zu viel in diesem Jahr.“ Dazu kamen eine falsche Trainingsgestaltung, ein zu spätes Trainingslager in der Höhe, eine zu kurze Regeneration, dann der Einbruch bei der Tour.

„Du merkst, wie der Akku leer wird. Die Beine sind, ich nenne das: porös. Wenn du das auf einer schweren Bergetappe nach zwei Kilometern Anstieg merkst und noch 28 Kilometer zum Galibier vor der Brust hast, denkst du: Puh, wo soll das hinführen? Bei einem 30-Kilometer-Berg ist die kleinste Schwäche ein Multiplikator, das ist ein Wahnsinn. Du drehst dich um, und da sind nicht mehr viele; vor dir fahren siebzig Mann und hinter dir noch dreißig. Das ist sehr bitter, auch weil du weißt, hinter dir fährt im Auto der Teamchef, und der hat auch etwas ganz anderes erwartet von dir.“

Gibt es Vorwürfe über Funk in einer solchen Situation?

„Nein, gar nicht. Außer Hans Holczer sind alle Sportlichen Leiter bei Gerolsteiner Rennfahrer gewesen; alle können es einschätzen, alle sehen, wenn einer sein Letztes gibt.“

Und die Teamkollegen?

„Sie fahren vorbei, geben dir eine Flasche und sehen, wie erschöpft du bist. Ich kam oben am Galibier an und hatte vom Kreislauf her das Gefühl, es kann noch weitergehen, aber die Beine waren leer. Ich hatte nicht zeigen können, was ich kann, das war das Schlimmste.“

Als Fothen klar ist, dass er in der Gesamtwertung der Tour keine Rolle spielt, versucht er, auf den schweren Abschnitten Kraft zu sparen und wenigstens eine Etappe zu gewinnen, was ihm knapp misslingt, er wird Zweiter. Dann fährt er noch die Spanien-Rundfahrt, beendet die Saison und heiratet Jessica. Macht fünf Wochen Pause, Bürokram, Steuern, zehn Tage Urlaub auf Fuerteventura. Die fünf Wochen vergehen im Fluge. Dann steigt Fothen wieder aufs Rad. 2008 will er wieder zeigen, was er kann. Alles, was zählt, ist die Tour de France. Die Familie wird wieder zu kurz kommen, das weiß Fothen, wieder wird er die Hälfte des Jahres unterwegs sein. Bis Oktober wird er, wenn alles gutgeht, mit seiner Rennmaschine 31 000 Kilometer gefahren sein.

„Ich habe nur noch zehn Jahre Zeit, um meinen Sport auszuüben, dann gehen die Lichter aus. Diese Zeit sollte ich nutzen. Jessica und ich wissen, dass wir sie nutzen wollen. Der Zeitraum ist überschaubar.“

Jessica weiß, was sie verpasst: „Die Regelmäßigkeit“, sagt sie, „das geordnete Leben, feste Arbeitszeiten. Wir haben keine Wochenenden. Es ist ja nicht wie beim Fußball, wo man als Frau auch mal mit hinkann, um zuzuschauen. Das ist eine harte Probe. Ich verlasse mich gar nicht so sehr auf Markus. Ich muss als Frau selbständig sein. Sonst wäre es ein zu großes Auf und Ab, wenn er da ist und wenn nicht. Ich bin quasi eine alleinerziehende Mutter. Ich muss auch ohne Markus zurechtkommen. In anderen Familien hat der Vater, der Mann viel mehr feste Pflichten, im Alltag, mit den Kindern.“

Wenigstens muss er nicht mehr in die Stadt in ein Studio fahren, wenn er Krafttraining machen will. Im neuen Haus hat er im Keller einen Raum eingerichtet, sein Trainingsreich, wie er sagt. Es ist ein großzügiger Raum, vollgepackt mit Hanteln, Bändern, Matten, Kraftgeräten - eine professionelle, durchdachte Ausrüstung. Laufräder hängen an der Wand, der neue Zeitfahr-Bolide steht in der Ecke, sein Lenker ist so tief montiert, dass Fothen die Finger, wenn sie den Griff umschließen, kaum nach unten bewegen kann - sonst berühren sie das Laufrad. Mitten im Raum steht ein Rennrad-Ergometer, in einigem Abstand ein kleiner Fernseher und dahinter ein riesiges Poster an der Wand, „damit man weiß, wofür man sich quält“ - es zeigt den Eiffelturm. Paris, das Ziel aller Rennfahrerträume.

Gerolsteiner steigt am Ende der Saison als Sponsor aus, das heißt: Probleme und Sorgen radeln mit. Auch ein Star wie Fothen muss Ergebnisse produzieren, um sich und das Team im Gespräch zu halten.

„Holczer hat bei der Suche nach einem neuen Sponsor unser volles Vertrauen. Er vertraut mir, ich vertraue ihm, aber das Feld, das er beackert, ist ein sehr steiniges.“

„Schlimm ist, dass es allgemein nicht gut aussieht im Radsport“, sagt Jessica.

„Er erscheint leider nicht mehr so glaubwürdig, das ist schade“, antwortet ihr Mann, „das ist unser Problem. Aber was sollen die Leute anderes denken, ich kann es ihnen nicht einmal verübeln.“

Womit wir beim Thema Doping wären. Wie oft werden Sie kontrolliert?

„Die Häufigkeit der Kontrollen hat noch einmal extrem angezogen. Aber ich bin froh, dass kontrolliert wird, weil das meine Chancen steigert. Deshalb muss ich mich mit diesem Aufwand auseinandersetzen. Er dient der Sache, und deshalb ist es in Ordnung. Das gehört mittlerweile zum Sport. Unangenehm ist, dass bei jeder Kontrolle diese Mentalität von Räuber und Gendarm gepflegt wird.“

„Ja“, sagt Jessica, „die stehen manchmal den halben Tag mit dem Auto vor der Tür und machen einen auf Geheimdienst.“

Fothens Haltung zum Thema Doping ist eindeutig. Wenig Freunde in der Szene hat er sich im vergangenen Jahr gemacht, als er sich in einem Interview vehement gegen die Rückkehr der geständigen Doper Jaksche und Sinkewitz in den Radsport aussprach. Bei einer definitiven Doping-Überführung gebe es nur eine Konsequenz: „Schluss, aus, Ende!“ Wer so etwas mache, habe im Radsport nichts mehr zu suchen.

Fothen wirft den Computer an und ruft im Internet das „Adams“- Programm der internationalen Anti-Doping-Agentur auf, wählt sich ein. Drei Monate im Voraus muss er darin Tag für Tag eintragen, wann er von den Doping-Fahndern wo anzutreffen ist.

„Dass sie mich nicht beschatten“, sagt er, „wundert mich.“

Er hofft auf die neu eingeführten Blutprofile. Sein Hämatokritwert, sagt er, sei hoch, zwischen 45 und 48 Prozent, und weil im Radsport ab einem Wert von 50 eine Schutzsperre gilt, balanciert er in jedem Höhentrainingslager am Rande einer Sperre. Nun könnten die regelmäßigen Blutbilder den natürlichen Hämatokritwert sichtbar machen und auch, dass er ihn im Höhentrainingslager steigern kann. Darauf hofft er. Und darauf, dass der Anti-Doping-Kampf international zuverlässiger wird.

„Es wäre wünschenswert, dass nicht nur Deutsche Deutsche kontrollieren, sondern zum Beispiel auch Deutsche Spanier - und umgekehrt.“

Das würde den Spaniern wahrscheinlich weniger gefallen als den Deutschen.

„Da brauchen wir nicht drüber zu reden.“

Wäre Fußballer vielleicht nicht doch besser gewesen?

Fothen lacht: „Es ist jetzt so, wie es ist.“

„Es ist alles schon sehr extrem“, sagt Jessica. „Ich denke, jeder normale Mensch käme sich sehr transparent vor.“

„Es geht nicht anders“, sagt Fothen. „Wenn sie mir eine elektronische Fußfessel anlegen wollten, ich weiß zwar nicht, ob das menschenrechtlich zulässig wäre, aber ich würde es machen.“

Aber es gibt Grenzen. Vor zwei Wochen wurde der belgische Radprofi van Impe in einem Krematorium, wo er die Einäscherung seines kurz nach der Geburt gestorbenen Sohnes organisierte, zu einem Doping-Test aufgefordert. Fothen und seine Kollegen haben deshalb vor einer Etappe von Tirreno-Adriatico fünf Gedenkminuten eingelegt.

„Wir müssen uns viel gefallen lassen“, sagt er, „aber irgendwo hört es auf.“ Im Mai erwarten er und Jessica ihr zweites Kind, einen Sohn.

Radprofis haben „Gesundheitspässe“, in denen Medikamente verzeichnet sind, die auf der DopingListe stehen, die Fahrer aber nehmen dürfen, weil dies medizinisch angeblich notwendig sei. So ist Floyd Landis vergangenes Jahr mit Hüftschmerzen zur Tour angereist und durfte ganz offiziell Cortison nehmen. Dies wurde zufällig bekannt, in der Regel wird über den Inhalt der nicht öffentlichen „Gesundheitsbücher“ geschwiegen.

Fothen holt seinen Gesundheitspass. Blättert um, Seite um Seite. Es gibt keinen einzigen Eintrag.

„Ich bin stolz darauf, dass meine Hefte leer sind. Da sagen dann die Kontrolleure: Oh, da steht ja gar nichts drin! Dann sage ich: Ja, warum sollte da was drinstehen? Ich bin kerngesund. Ich brauche keine Medikamente, ich brauche nicht einmal Asthmaspray. Mein Heft kann jeder sehen, ich habe nichts zu verbergen.“

Sportler, die von sich behaupten, sauber zu sein, sprechen oft von der Angst, Opfer von Anschlägen zu werden. Kennen Sie dieses Gefühl?

„Es gibt in Restaurants diese Wasserkaraffen, daraus trinke ich nichts. Ich möchte immer eine verschlossene Flasche haben. Die Leute schauen mich dann an, als hätte ich Verfolgungswahn, aber es geht nicht anders. In letzter Konsequenz aber kann man sich nicht schützen. Wenn man irgendwo im Hotel ist und der Koch tut irgendetwas ins Essen, davor kannst du dich nicht schützen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken, sonst könnte ich diesen Sport nicht mehr ausüben. Wenn es einmal dazu kommen sollte, dass irgendetwas nachgewiesen wird, was nicht sein kann, was ich absolut nicht erklären und deshalb auch nicht widerlegen kann, weil mir irgendeiner was ins Essen getan hat, dann muss ich sagen: Dann ist es so. Dann muss ich mit den Konsequenzen leben, weil ich nicht aufgepasst habe oder nicht aufpassen konnte. Dann packe ich meine Sachen und sage: Wenn es so weit ist, dann reicht es und es ist genug.“



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 24
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
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