Sport und Medien

Bloß nicht den Journalisten gefallen

Von Olaf Sundermeyer

Erste Ausgabe mit Jürgen Klopp: An diesem Mittwoch startet das Fußballmagazin „Rund”

Erste Ausgabe mit Jürgen Klopp: An diesem Mittwoch startet das Fußballmagazin „Rund”

20. Juli 2005 Der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund gilt als dicker Kumpel des „Kicker“-Chefredakteurs Rainer Holzschuh, der heute lesen darf, daß Calmund auch bei seinen neuen jungen Kollegen vom Fußball-Magazin „Rund“ eine wichtige Rolle spielt - als Protagonist in einem Bundesligaskandal über angeblichen Transfer-Betrug. Die anderen Auftretenden heißen Uwe Rapolder, Frank Pagelsdorf und Roger Wittmann und dürften Lesern, die sich für Fußball interessieren, wohlbekannt sein.

„Rund“ heißt das neue Fußballmagazin, das im Nürnberger Olympia-Verlag erscheint, ebenso wie der „Kicker“, dem Fachblatt der Branche, das davon lebt, Spieltage vor- und nachzubereiten. Nun also „Rund“: Die kleine Redaktion sitzt in einem sandfarbenen Klinkerflachbau in Hamburg-Eimsbüttel, der die Ästhetik einer Grundschule der siebziger Jahre versprüht. „Natürlich wollen wir als Monatsmagazin vor allem eigene Themen setzen“, sagt Chefredakteur Reiner Schäfer, der seinen sechs Redakteuren dafür auch wochenlang Zeit gibt. Sie sollen umfassend recherchieren und Qualitätsjournalismus liefern, nicht schnell Texte „kalt“ schreiben, sich nicht den Sportakteuren anbiedern und mit der Branche gemeinsame Sache machen.

„Unser Risiko ist gering“

Die bisher größte Eigenleistung von „Rund“ war eine Geschichte über Schwule im Profifußball, die in der Nullnummer des Heftes erschien. Das Thema inspirierte auch andere Medien. Der Text erschien, bevor es „Rund“ an den Kiosk schaffte, im vergangenen Winter bei „Spiegel-Online“. „Dabei haben wir mit 300.000 Zugriffen glatt die Berichte über den Tod Arafats verdrängt“, sagt der „Rund“-Redakteur Oliver Lück. Mit dem Online-Dienst hat „Rund“ eine Vereinbarung über zwei monatliche Veröffentlichungen getroffen, mit denen die Hamburger Fußballredaktion für sich wirbt. So wie es die „11 Freunde“ aus dem Berliner Intro-Verlag bereits tun - in einer eigenen Internet-Kolumne. Das als klassisches Fanzine entstandene Monatsheft besitzt bei seinen Lesern zwar einen besonderen Status, wird aber um seine Position kämpfen müssen.

„Ich gehe davon aus, daß es langfristig eng wird für zwei“, sagt Jens Kirschneck, der stellvertretende Chefredakteur der „11 Freunde“, die er in derselben Marktnische angesiedelt sieht wie das neue Magazin „Rund“, das 2,80 Euro und damit zwanzig Cent weniger als sein eigenes Blatt kostet. Von ihrer gedruckten Auflage von 70.000 Exemplaren verkaufen die Berliner nach eigenen Angaben 40.000 Stück. Und auch wenn der Olympia-Verlag keine Zahl nennt, dürfte diese Marke etwa das betriebswirtschaftliche Mindestziel für „Rund“ sein. Die gedruckte Auflage liegt zunächst beim Dreifachen, bei 120.000 Exemplaren. „Unser Risiko ist gering“, sagt der Verlagsgeschäftsführer Dietrich Puschmann. „Rund“ ist eine ausgelagerte GmbH & Co. KG, an der fünf Redakteure als Gesellschafter beteiligt sind. Das Kapital kam vom Olympia-Verlag, der „Rund“ eine dreijährige Anlaufzeit gewährt.

Auf dem Niveau überregionaler Zeitungen

Die Fußballverleger nennen ihr neues Objekt „originell, frech und unkonventionell“ und wirken dabei ein wenig wie die Volksbank Dortmund-Hörde bei dem Versuch, mit einem Jeanssparbuch neue Zielgruppen zu erschließen. Das Heft selbst liest sich zum Glück nicht so gezwungen locker: Die Texte sind stilistisch auf dem Niveau überregionaler Zeitungen, für die sämtliche Autoren geschrieben haben und an deren Leser „Rund“ sich immer noch richtet. Fotos, Bildschnitte und Layout erinnern an das Zeitgeist-Wirtschaftsmagazin „brand eins“. Porträts, Interviews und Hintergründe mischen sich mit satirischen Spitzen (“Die elf größten Pflegefälle des deutschen Fußballs“) und Gastbeiträgen. Regelmäßig schreiben der Fußballtrainer Hans Meyer und der Moderator Jörg Thadeusz.

„Wir glauben einfach, daß ,Rund' eine Nische besetzt, die der ,Kicker' weder leisten kann noch will“, sagt der Verlagsmanager Puschmann, und „Rund“ sagt: „Wir glauben einfach, daß die Olympia-Leute etwas von Fußball verstehen.“ Der Betrachter ahnt, daß hinter dem Aufgebot für eine vermeintliche Liebesheirat eine nüchterne Zweckehe zwischen Redaktions-GmbH und Verlag sich verbergen könnte. Die Redaktion hat bis vor zwei Jahren das Hamburger Fußballmagazin „Viertel nach Fünf“ produziert, das sich der ehemalige Bundesligist FC St. Pauli leistete, bis er sportlich abfiel. „Rund“ ist nun eine bundesweite Weiterentwicklung von „Viertel nach Fünf“.

Weltmeisterschaft soll Auftrieb geben

Anderen Verlagen, wie zum Beispiel Bauer, erschien das Risiko für ein Nischen-Fußballmagazin offenbar zu hoch. „Sicherlich gibt uns die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr Auftrieb für dieses Projekt“, sagt der Olympia-Geschäftsführer Puschmann, „aber auch ohne die WM hätten wir ,Rund' gemacht.“ Im Büro der Chefredaktion heißt es derweil: „Vor allem wollen wir nicht nur den Journalisten gefallen, denn das ist der erste Schritt fürs Scheitern.“ Doch sollten wir deshalb jetzt noch ein paar schlechte Worte über dieses neue Magazin verlieren?

Text: F.A.Z., 20.07.2005, Nr. 166 / Seite 38
Bildmaterial: Olympia-Verlag

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