Von Hans-Joachim Waldbröl
17. Oktober 2006 "Dr. Steinmüller" steht auf einem Dopingkontroll-Formular, das am Sonntag, 8. Januar, bei den deutschen Crossmeisterschaften der Radprofis in Hamburg ausgefüllt wurde. Ein Freudscher Verschreiber des Protokollanten? Tatsächlich stehen der Hamburger Arzt Tilman Steinmeier und der damalige Titelgewinner Johannes Sickmüller, deren Namen auf sinnige Weise verquickt wurden, unter dem dringenden Verdacht, eine betrügerische Doping-Allianz eingegangen zu sein. Fotobelege für diese Vermutung hatte ein Hamburger Kollege und früherer Angestellter Steinmeiers an die Presse vermittelt (Siehe auch: Doping: Hamburger Arzt schwer belastet).
Gemeinsam sollen Steinmeier und Sickmüller auch die Urinprobe bei den diesjährigen Titelkämpfen verfälscht haben. Die kurzfristige Einwechslung Steinmeiers als Verantwortlicher für die Wettkampfkontrollen an jenem Sonntag stützt jedenfalls die These der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), daß es beim fraglichen Test zur Täuschung mit Fremdurin gekommen sein muß. Nicht zuletzt deshalb hat die Nada in der vergangenen Woche den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) gebeten, die Kontrollresultate von Johannes Sickmüller, Fabian Brzezinski, Malte Urban und Jens Schwedler aus den Jahren 2004, 2005 und 2006 herauszusuchen. Zusätzlich wurden auch die Probennummern und das analysierende Labor abgefragt. Die Nada braucht diese Angaben, um durch den Vergleich von Namen und Daten Aufschlüsse über etwaige Abweichungen und Unregelmäßigkeiten zu ermitteln.
Das erledigt der Kollege
Für die Dopingkontrollen in Hamburg war vom dortigen Landesverband Dr. H. vorgesehen, der seine Arbeit am Samstag auch tat. Als der Mediziner sich am Abend mit der Bemerkung verabschiedete, man sehe sich ja morgen wieder, habe man ihm - nach eigener Aussage - mitgeteilt, er brauche am Sonntag keine Dopingkontrollen mehr vorzunehmen. Das erledige ein Kollege. Kollege Steinmeier. Dieser Tausch ging auf Drängen des Stevens Racing Teams zurück, für das Sickmüller fährt. Nach übereinstimmender Zeugenaussage ist Sickmüller nach dem Rennen mit seinem persönlichen Kontrolleur Steinmeier auf die Toilette gegangen: Tür auf, Tür zu, kein Dritter dabei. Die Forderungen der Dopingbekämpfer, daß die Kontrollkabine zwei Fenster haben oder die Tür offenstehen müsse, sind noch nicht verwirklicht.
Der ausgeladene Dr. H. schöpfte keinen Verdacht; er nahm zum ersten Mal eine Dopingkontrolle vor. Zudem kreuzten so einige Mediziner, zum Beispiel die beiden Rennärzte Dr. B. und Dr. Sch., seinen Weg. Schließlich kannte er Steinmeier, der übrigens als medizinischer Betreuer des Stevens Racing Teams vom BDR nicht als Teamarzt lizenziert war oder ist, gar nicht. Folglich konnte er ihn auch nicht erkennen. Die Belege für den Verdacht, daß Steinmeier in die Dopingpraxis verwickelt sein könnte, lagen ja noch nicht auf dem Tisch. Vertreter von Nada und BDR treffen sich an diesem Donnerstag in Frankfurt. Sie wollen die Ergebnisse ihrer jeweiligen Nachforschungen vergleichen.
Text: F.A.Z. vom 18. Oktober 2006
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