Boxen

Das Hoch für Österreichs Faustkämpferverband

Von Hartmut Scherzer

Kein Schmäh: Weltmeister Walujew (li.) trifft auf den einstigen Champion Holy...

Kein Schmäh: Weltmeister Walujew (li.) trifft auf den einstigen Champion Holyfield

20. November 2008 Der Herr „Kommerzial Rat“ Willibald Palatin sitzt ganz vorne am Boxring und kämpft gegen die Müdigkeit. Der 64 alte Wiener Pensionär mit dem weißen Haarkranz und dem weißen Backenbart ist kürzlich direkt aus Chengdu nach Bamberg gereist. „Ich hatte drei Nächte kaum Schlaf“, sagt er gähnend. Wie schon in China, so ist seine Anwesenheit auch in Oberfranken unerlässlich: In Chengdu, um sich beim Konvent des World Boxing Council (WBC) für weitere vier Jahre als Mitglied in den Vorstand wählen zu lassen; in der Kunst- und Kulturstadt, um als oberster Aufseher über den Boxabend mit der Mittelgewichtsweltmeisterschaft Abraham gegen Marquez zu wachen.

Willibald Palatin ist seit fast zwölf Jahren Präsident des Faustkämpferverbandes Austria (FVA). Und die Austrian Boxing Federation, so die internationale Verbandsbezeichnung, ist durch den Beitritt des deutschen Promoters Wilfried Sauerland mit seinen Kämpfern gewissermaßen über Nacht aus völliger Bedeutungslosigkeit zu einer der führenden nationalen Organisationen in der Welt des Berufsboxsports aufgestiegen. Die Konstellation ist kurios. Mit der Lizenz eines Verbandes, der gerade einmal einen einzigen Staatsmeister und nicht einmal ein halbes Dutzend Boxer mit österreichischer Staatsbürgerschaft vorzeigen kann, kämpfen zwei ausländische Weltmeister: der in Deutschland eingebürgerte Armenier Arthur Abraham und der Russe Nikolai Walujew.

Sauerland hat Palatin exekutive Machtfülle aufgetragen

Walujew kämpft mit österreichischer Lizenz

Walujew kämpft mit österreichischer Lizenz

Im Anti-Doping-Kampf gilt der FVA mittlerweile als führend in Europa, was angesichts der österreichischen Skandale bei den Olympischen Winterspielen und Turin und bei der Tour de France mit dem des Dopings überführten Bernhard Kohl höchst verwunderlich erscheint. Die Wiener Boxbehörde lässt seit September 2007 durch die in Bayern ansässige Firma Physical Work Control (PWC), die im Auftrag der Nationalen Anti-Doping-Agentur im deutschen Leistungssport die medizinischen Tests vornimmt, Kämpfer im Training kontrollieren – auf die Gefahr hin, dass ein Fernsehabend „Boxen im Ersten“ wegen eines positiven Befundes bei einem der beiden Hauptkämpfer kurzfristig abgesagt werden muss.

Hinter den strengen Anti-Doping-Maßnahmen des österreichischen Verbandes stehen die ARD und Sauerland. Der 68 Jahre alte Manager trat Anfang 2004 nach ständigen Querelen aus dem Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) aus. Seit dem Wechsel seines Unternehmens „Sauerland Event“ nach Österreich – was nach europäischem Recht möglich ist – füllt der deutsche Promoter nicht nur die Wiener Kasse mit rund 80.000 Euro im Jahr an Genehmigungs- und Mitgliedsgebühren von seinen Veranstaltungen und Boxern. Sauerland hat Palatin auch exekutive Machtfülle aufgetragen. „Der FVA ist keine Notlösung mehr“, sagt Christian Meyer, der Geschäftsführer von „Sauerland Event“. „Wir haben einen Partner gefunden, der uns auf der Welt federführend begleitet. Vor allem in Sachen Doping.“

„Es droht unangemeldeter Hausbesuch“

Der deutsche Veranstalter übernimmt die Kosten für die in den „Doping-Verordnungen“ des FVA regulierten Kontrollen. Bis zu vier unangemeldete Tests im Jahr müssen Boxer aus dem Sauerlandstall über sich ergehen lassen. „Alles klappt schnell und unbürokratisch“, sagt der für beide Verbände tätige Ringarzt Walter Wagner über die Zusammenarbeit mit den Österreichern.

Marion Palatin, die Tochter des Präsidenten, wurde wegen der anfallenden Mehraufgaben als zusätzliches ehrenamtliches Mitglied in den Vorstand gewählt. Die 31 Jahre alte Büroangestellte in der Familienfirma für EDV und Labortechnik schmeißt den Laden in der Wiener Waldgasse. Beim BDB gibt es noch keine Trainingskontrollen, Doping-Kontrollen allgemein aber schon seit 1980. Markus Bott, Graziano Rocchigiani, Willi Fischer und zuletzt Timo Hoffmann sind die bekanntesten Fälle überführter Boxer.

Die herkömmlichen Kontrollen nach Titelkämpfen erfordern beim FVA mittlerweile sogenannte Eilanalysen in den vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditierten Labors von Köln und Kreischa. Denn in den Verträgen mit Sauerland steht, dass ein bestimmter Prozentsatz der Börse bis zum Ergebnis der Doping-Tests einbehalten wird. „Ab Vertragsunterschrift“, sagt Meyer, „droht unseren Hauptkämpfern und deren Gegnern unangemeldeter Hausbesuch von Doping-Kontrolleuren. Der österreichische Verband setzt das konsequent um.“ Diese Konsequenz bedeutet ein erhöhtes Risiko für den Veranstalter.

„Wir riskieren das für das positive Image des Sports“

Holyfield fiebert dem Duell am 20. Dezember entgegen

Holyfield fiebert dem Duell am 20. Dezember entgegen

Meyer schildert das schlimmste mögliche Szenario: „Man stelle sich vor: A-Probe zwei Wochen vor dem Kampf beim Training genommen. Vier Tage vor der Veranstaltung bekommen wir das Testergebnis: positiv. Wir haben uns für diesen Fall das Recht ausbedungen, dem Kämpfer dann abzusagen, obwohl er keine Chance hat, in der Kürze der Zeit sich zu verteidigen. Für uns als Promoter wäre das eine ganz dumme Situation. Für diesen Ausfall tritt auch keine Versicherung ein, weil ja kein Unglück passiert ist. Aber wir riskieren das für das positive Image des Sports.“

Auch Evander Holyfield hat diesen Passus in seinem Vertrag für die Weltmeisterschaft im Schwergewicht am 20. Dezember in Zürich gegen Walujew. Der 46 Jahre alte einstige Champion geriet vor anderthalb Jahren in den dringenden Verdacht, Kunde einer Internet-Apotheke zu sein.

Umso emsiger sind die Herren Kampfrichter

Box-Promoter Wilfried Sauerland (li.) mit seiner Frau Jochi

Box-Promoter Wilfried Sauerland (li.) mit seiner Frau Jochi

Im österreichischen Berufsboxsport selbst tut sich wenig. „Leider ergreifen nur wenige Österreicher den professionellen Boxsport“, klagt Marion Palatin. Umso emsiger und zahlreicher sind die Herren Kampfrichter, sieben Österreicher sind regelmäßig beschäftigt, darunter der 72 Jahre alte pensionierte Wiener Eisenbahner Wilhelm Vogel.

Viele Reisen nach Deutschland, Vier-Sterne-Hotels, Spesen plus 300 Euro Honorar. „Das macht Spaß. Ich bin sehr glücklich darüber“, sagt der Mann über sein aktives Seniorenleben. Mit Aktivitäten in Österreich kann der Faustkämpferverband Austria auf seiner Website kaum dienen. Der letzte Nachrichteneintrag stammt von Anfang September und verkündet die Beerdigung des ehemaligen Europameisters Edip Sekowitsch in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof. Er wurde im Alter von 50 Jahren erstochen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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