Eishockey-WM

Kanada gewinnt das Bruderduell

Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax

07. Mai 2008 Viel hätte nicht gefehlt und der „Lunch mit Legenden“ wäre jenen, die dabei waren, auf den Magen geschlagen. Aber es ist ja noch mal gut gegangen. Weil Kanada in letzter Minute gegen die Vereinigten Staaten gewonnen hat. 5:4 zeigte der Videowürfel im Metro Centre an, als die Schlusssirene das nordamerikanische Bruderduell beendete.

Wer kanadischen Eishockeyprofis nur lange genug zuhört, gewinnt den Eindruck, dass sie bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zum Siegen verdammt sind. Und wenn es auf dem Weg zum Titel wider Erwarten dennoch zu einer Niederlage kommen sollte, dann bitteschön auf keinen Fall gegen den Nachbarn aus dem Süden. Man fühlt sich ja schon dadurch hinreichend gedemütigt, dass diesen Winter wieder mal kein Team aus dem Mutterland dieses Sports die erste Runde der Play-offs in der National Hockey League (NHL) überstanden hat. Es wird abermals ein Klub aus einer Region das Rennen machen, in dem das entsprechende Kapital zu Hause ist. Unter tätiger Mithilfe kanadischer Staatsbürger, die sich dort verdingen.

47 Sekunden trennten die Teams vor einer Verlängerung

Die Kräfteverhältnisse ändern sich grundlegend, sobald das Nationaltrikot übergestreift wird. Bei Weltmeisterschaften lautet die Bilanz 45:4. 45 Siege für Kanada, vier für die Vereinigten Staaten. Am Dienstag trennten beide Teams lediglich 47 Sekunden von einer Verlängerung. Aber dann war es Dany Heatley, der mit seinem Treffer dem bunten Treiben doch noch ein Ende setzte. In der 21. Minute waren die Kanadier nach Treffern von Brent Burns, Heatley sowie Jonathan Toews bereits mit 3:0 auf und davon.

Das Publikum in der Halle juchzte bei jedem krachenden Check gegen die Bande auf, bejubelte die Rettungstaten von Torhüter Cam Ward, als feierte es ein Tor nach dem anderen. Doch dann zeigten die jungen, ambitionierten Amerikaner, warum sie ein heißer Tipp sind - wenn es darum geht, Teams auszudeuten, die das Potential zum Spielverderber kanadischer Feiertage haben.

Zach Parise, Patrick O' Sullivan und Jason Pominville glichen zum 3:3 aus. Ausgerechnet Pominville von den Buffalo Sabres. So mancher in der dreißig Jahre alten Arena Halle stöhnte leidvoll auf. Der Fünfundzwanzigjährige Stürmer, aufgewachsen in der Provinz Quebec, hat sich entschieden, unter dem Banner von Stars & Stripes aufzulaufen. Weil er, so der Mann mit zwei Staatsbürgerschaften, nie vom Radarschirm der Talentsichter geortet worden sei.

Seitdem er für die Vereinigten Staaten spielt und trifft, steht er im Heimatland unter Rechtfertigungszwang. Sie hätten ihn haben können, aber sie hätten ihn übersehen. Flurschaden hat Pominville mit seinem Tor letztlich doch nicht angerichtet, weil Heatley auch gegen die Vereinigten Staaten wie entfesselt auftrumpfte. Mit inzwischen 29 Treffern (sechs in Halifax) hat der in Freiburg geborene Heatley bei seinen fünf WM-Teilnahmen den bisherigen kanadischen WM-Rekordschützen Steve Yserman überholt. Der Sturmreihe mit Rick Nash, Dany Heatley und Ryan Getzlaf haben die hiesigen Gazetten den Beinamen „towers of powers“ verpasst. Eine Anspielung auf das Gardemaß der Profis von den Columbus Blue Jackets, Ottawa Senators und Anaheim Ducks.

Turbulente Szenen, Kampf um jeden Zentimeter

Die letzte Minute der Partie verdichtete sich zu dem, wofür Eishockey in Nordamerika steht: Turbulente Szenen vor beiden Toren. Kampf um jeden Zentimeter. Ein Trainer (Ken Hitchcock), der per Auszeit versuchte, mit seiner Strategie ohne Torhüter, dafür zusätzlichem Feldspieler die Wende zu erzwingen. Ein Trainerkollege (John Tortorella), der seinerseits in der Auszeit auf die neue Herausforderung reagierte. Zum krönenden Abschluss bekamen die 10.000 in der Halle noch eine Rauferei zwischen vier Kanadiern und drei Amerikanern geboten.

In der Ehrenloge dürften die zur Feier des Tages nach Halifax eingeladenen Berühmtheiten von einst feuchte Augen bekommen haben. Alles wie in den guten alten Zeiten, als wir und Eishockey noch jünger waren! Wir, das waren Bobby Orr, Bobby Hull, Bobby Clarke, Darryl Sittler, Danny Gare, Lanny McDonald, Denis Potvin, Bill Barber, Reggie Leach, Jimmy Watson und Peter Mahovtich. Jene Kameraden, die 1976 den Canada Cup gegen die Staatsamateure der Tschechoslowakei gewonnen hatten, wurden vor Publikum als die „beste kanadische Mannschaft aller Zeiten“ zur Mannschaftsbank des Jahrgangs 2008 gebeten.

Stunden nach dem Lunch. Legendem zum Nachtisch aus einer Zeit, als sich der Kalte Krieg aufs Eis begab und zugleich der Wandel durch Annäherung begann. Die 10.000 im Metro Centre erhoben sich von ihren Plätzen. Manche hatten sich ihre Eintrittskarte auf dem Schwarzmarkt ein Vielfaches als den mittleren Ticketpreis (57 Dollar) kosten lassen. Ungefähr der Preis für einen Hummer. Aber einen im WM-Format. Made in Kanada. Groß, größer, am größten.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

 
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