Sportler des Jahres 2006

Das Jahr des Biathlon?

Von Anno Hecker, Baden-Baden

Strahlende Sieger: Kati Wilhelm und Michael Greis

Strahlende Sieger: Kati Wilhelm und Michael Greis

18. Dezember 2006 Sie sind so gerne gekommen. Es war ihr Abend. Sie standen im Mittelpunkt, die Sportler des Jahres 2006. Kati Wilhelm und Michael Greis, das Athleten-Duo aus dem Biathlon, gewählt von deutschen Sportjournalisten. Wenn das kein Treffer war, ein ehrenvoller Nachschuß für die vielen präzisen Schüsse der beiden während der Olympischen Winterspiele in Turin.

Wer so viel Edelmetall sammelte, Greis allein drei Goldmedaillen, Wilhelm eine Gold- und zwei Silbermedaillen, der hat sich die Auszeichnung verdient. Vielleicht auch erhofft. Jedenfalls strahlten zwei Hochdekorierte voller Dankbarkeit vom Podium im Kurhaus zu Baden-Baden ins Publikum, wo sich selbst Franz, der Fußball-Kaiser, zur Feier des Tages niedergelassen hatte. Großer Sport trifft den kleinen? Die Reichen feiern ausgelassen mit den Armen? Dazu ist es dann doch nicht gekommen. Nein, dem Klub der Sportelite verweigerten sich am Sonntag wieder einmal die, denen es angeblich an nichts fehlt, schon gar nicht an Aufmerksamkeit.

Beckenbauer rüffelt die Fußballer

Michael Schumacher, Zweiter im Ranking von 1.500 Sportjournalisten, bat in einer spröden Video-Botschaft um Verständnis für seine Absage aus familiären Gründen. Verbale Ausweichmanöver sind ihm selten unfallfrei gelungen. Beulen trug auch die Mannschaft des Jahres, das Klinsmann-Ensemble, davon. Immerhin fanden Oliver Kahn, Miroslav Klose und Per Mertesacker den Weg ins Kurhaus. Aber neben diesem Trio auf der Bühne machte die zweite Wahl der Sportjournalisten die einzig erstklassige Figur. Nämlich Bernhard Peters und sein Hockey-Nationalteam, die mitreißenden Weltmeister auf dem Feld, raubten den Weltmeistern der Herzen Sympathiepunkte, weil sie in Mannschaftsstärke Feierlaune verbreiteten. Da wirkte Beckenbauer wie im Stich gelassen: „Der Fußball“, rief er in der vom ZDF aufgezeichneten und zeitversetzt gesendeten Feier ins Auditorium, „kann vom Hockey noch was lernen.“ Respekt vielleicht?

Wer durch Abwesenheit glänzte, verlor in jedem Fall. Da reagiert der Sport empfindlich wie ein Seismograph. Es gab durchaus höflichen Applaus für Schumacher, den erfolgreichsten Formel-1-Piloten der Geschichte, den neben NBA-Profi Dirk Nowitzki einzigen Weltstar des Sports. In Wahrheit aber dachten die versammelten Olympiasieger, Weltmeister und Champions aus den vergangenen fünf Jahrzehnten an die Kleinigkeit, die gereicht hätte, eine grandiose Karriere mit einer versöhnlichen Geste zu verzieren. „Vielleicht hat man mir mehr applaudiert, weil ich da war“, sagte Michael Greis, der beim Rennen um dem großen Preis der Sportjournalisten den Chefpiloten - nach Punkten - mehrfach überrundete (3126:1645). „Vielleicht hat man mich gewählt“, fügte der Olympionike hinzu, „weil mit Schumacher hier nicht zu rechnen war.“ Vielleicht.

Stütze für ein fragiles System

Entscheidungshilfe gab es. Im Verbandsblatt der Sportjournalisten stand schon vor der Wahl zu lesen, warum der zurückgetretene Chefpilot nur einmal, 1995, der Einladung folgte, 2004 der Ehrung aber fern blieb: Rache war's angeblich. Rache für verweigerte Liebesbeweise in früheren Jahren, als Schumacher für seine Erfolge mit Ferrari wie ein Berserker strampelte, dafür im Ausland gefeiert wurde, in der Heimat aber Jan Ullrich Rang zwei bei der Tour de France zur Wahl reichte.

Eines stimmt. Schumacher wäre auch als Nummer eins nicht nach Baden-Baden gereist. Also war es doch die richtige Wahl. Eine, von der viele profitieren: Die Biathleten, der Verteidigungsminister als Förderer der beiden Feldwebel, der organisierte Sport als Protagonist eines breitgefächerten Spitzensportangebotes und der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ZDF/ARD) als Biathlon-Promoter. Ein halbstaatliches, in Zeiten knapper Kassen fragiles System, das ständig gestützt werden muß, mit Medaillen und Medienpräsenz. Wem also hätte ein Sieger Schumacher geholfen?

Einblicke in die Unterwelt

Wer als Wähler nicht nur nach der Bedeutung und Erfolgen, sondern nach dem Nutzen fragt, der hätte noch einen Schritt weiter gehen können. Denn das Jahr 2006 bot nicht nur ein deutsches Wintermärchen in Turin, Tischtennis-Weltniveau in Bremen, den Sommernachtstraum des Fußballs, herausragende Weltreiterspiele in Aachen und Hockey zum krönenden Finale. Es gab auch: Die Doping-Verfolgungsjagd bei Olympia, die Affäre Fuentes mit der Verstrickung von Jan Ullrich oder die Enttarnung eines Dopingnetzwerkes, zu dem der verurteilte Trainer Thomas Springstein Kontakt hatte. ZDF-Moderator Wolf-Dieter Poschmann sprach in einem kurzen Moment der Besinnlichkeit von der „bitteren Wahrheit“.

Andere, wie Deutschlands Sportführer Thomas Bach oder Innenminister Wolfgang Schäuble, läuten längst die Alarmglocken: Sie sprechen zumindest von einer „Existenzbedrohung“. Eine junge Sportlerin hat das nicht nur erkannt. Sie hat auch gehandelt, ohne Rücksicht auf die Karriere. Die Leichtathletin Ann-Katrin Elbe zeigte Springstein wegen der Vergabe von Dopingmitteln an und verschaffte der Öffentlichkeit damit tiefe Einblicke in die Unterwelt des Spitzensports. Solche Leistungen helfen, Athleten des Jahres auf Dauer die Freude am Sport zu erhalten. Zweifellos sind sie preiswürdig.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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