Britta Steffen

Angekratzt und abgesagt

Von Bernd Steinle, Berlin

Britta Steffen und das Ziel Olympia

Britta Steffen und das Ziel Olympia

20. April 2008 Erst hatte Britta Steffen ja noch Hoffnung wegen ihres Weltrekords. Bei der Europameisterschaft in Eindhoven schrammte die Niederländerin Marleen Veldhuis knapp an der Bestmarke der Berliner Schwimmerin über 100 Meter Freistil vorbei. Glück gehabt, dachte Britta Steffen. Leider nur kurze Zeit. Denn die Australierin Lisbeth Trickett drückte wenig später den Rekord von 53,30 Sekunden bei der Olympia-Qualifikation in Sydney auf 52,88 Sekunden. Immerhin: Britta Steffens Weltrekord, aufgestellt bei der EM 2006, hatte fast zwei Jahre gehalten. In diesen rekordträchtigen Zeiten ist das im Schwimmsport eine halbe Ewigkeit.

Dass die 24 Jahre alte Berlinerin von der SG Neukölln nun ihre Bestzeit los ist, und das ziemlich deutlich, überrascht ihren Trainer keineswegs. "Mit dieser Leistungssteigerung musste man in der Olympiasaison rechnen", sagt Norbert Warnatzsch. "Das ist sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange." Er glaubt, dass neben Marleen Veldhuis und Lisbeth Trickett auch die Amerikanerin Natalie Coughlin noch für viel Aufsehen sorgen wird. "Ich gehe davon aus, dass man bei Olympia für eine Medaille unter 53 Sekunden schwimmen muss", sagt Warnatzsch. Unter 53 Sekunden: Das ist für Britta Steffen im Moment noch "ein Traum".

Wie kann Steffen Ruhe und Zuversicht wahren?

„Wir machen uns in die Hosen”

„Wir machen uns in die Hosen”

Wie also umgehen mit der Tatsache, dass auf ihren beiden Hauptstrecken 50 und 100 Meter Freistil international derzeit die Post abgeht, wie auch die jüngsten Weltrekorde von Marleen Veldhuis (24,09) und Lisbeth Trickett (23,97) über die kürzere Sprintstrecke zeigen? Wie Ruhe und Zuversicht bewahren in einem Olympiajahr, in dem Britta Steffen das wohl wichtigste Rennen ihrer Karriere bevorsteht, und das sich nun so unselig anließ: erst mit der lästigen Schulterverletzung, mit der daraus resultierenden EM-Absage, nun mit dem Verlust des Weltrekords und obendrein auch noch mit einer lebhaften Diskussion darüber, dass die Konkurrenz allein schon wegen des schnelleren Anzugs enteilt sei? Wird es da nicht langsam eng für Deutschlands größte Schwimmhoffnung bei den Olympischen Spielen in Peking?

Britta Steffen sagt, die Leistungssteigerungen ihrer Hauptgegnerinnen seien ihr zusätzliche Motivation, ein weiterer Anreiz, "noch besser zu werden". Sie hätten "ihr inneres Ego angekratzt". Der Trainingsintensität kann das nur guttun, zumal auch ihre Schulterverletzung laut Trainer Norbert Warnatzsch überwunden ist, sie im Training nicht mehr behindert.

Das Hauptziel heißt Olympia

Dass Britta Steffen inzwischen auf dem richtigen Weg ist, zeigte jüngst ihre 50-Meter-Freistil-Zeit von 24,53 Sekunden, erzielt vor zwei Wochen in Berlin, in derselben Halle an der Landsburger Allee, in der es nun um die Tickets nach Peking geht. Es war - neben den 1:46,59 Minuten über 200 Meter Freistil von Paul Biedermann bei seinem EM-Sieg - einer von gerade mal zwei deutschen Rekorden, die die Athleten des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) bislang im Olympia-Jahr erzielten.

Der große Gegenschlag der Britta Steffen aber ist bei den Meisterschaften in Berlin dennoch nicht zu erwarten. Eine Zeit unter 54 Sekunden über 100 Meter Freistil und eine weitere Verbesserung des deutschen 50-Meter-Rekords hat sie sich für die Titelkämpfe vorgenommen. Das Hauptziel aber, der Punkt, auf den das Training ausgerichtet ist, heißt Olympia. Auf eine klassische Taperingphase, also das deutliche Herunterfahren des Trainings zugunsten einer Spitzenleistung im Wettkampf, verzichtete Warnatzsch daher, um nach den deutschen Meisterschaften "nicht wieder von vorn anfangen zu müssen" und schnell wieder an den gewohnten Trainingsrhythmus anknüpfen zu können. Und weiter an der Top-Form für Peking feilen zu können.

„Nervös wie ein Rennpferd“

Ihren ersten Auftritt bei der Olympia-Qualifikation in Berlin hatte Britta Steffen über 200 Meter Freistil vorgesehen, für die sie neben den kürzeren Kraulstrecken gemeldet hatte. Natürlich geht jeder davon aus, dass Britta Steffen den Sprung nach Peking schaffen wird. Sie weiß das, und es stört sie, denn: "Wenn man den Wettkampf nicht mehr so ernst nimmt, verliert man ganz schnell die Konzentration." Und das kann leicht gefährlich werden: eine verrutschte Brille, ein verpatzter Halbfinallauf, und der Traum von Olympia ist vorbei.

Doch spätestens seit der WM 2007 in Melbourne, als sie in Deutschland als große Gold-Hoffnung galt und in Australien als "Doping-Monster aus Ostdeutschland" hingestellt wurde, wie sie sagt, weiß Britta Steffen mit Druck umzugehen. Sie zieht sich zurück, nimmt sich aus dem Trubel heraus, so gut es geht. Und versucht, die Anspannung positiv umzusetzen. Sie könne es nicht mehr erwarten, sagte Britta Steffen in Berlin, sich mit den Besten der Welt zu messen: "Ich bin nervös wie ein Rennpferd." Den Start über 200 Meter Freistil am heutigen Sonntag hat sie abgesagt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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