Ironman

Zwischen Eremitendasein und Entspannung

Von Michael Eder, Kailua-Kona

Hawaii ist für die Leders eine Reise wert

Hawaii ist für die Leders eine Reise wert

13. Oktober 2005 Wer so frühstücken kann, sollte sich nicht beklagen. Die Terrasse des Royal Kona Hotels ist auf schwarzem Lava gebaut und bietet einen atemraubenden Blick auf den Pazifik und auf den Pier, wo am kommenden Samstag kurz nach Sonnenaufgang der Ironman-Triathlon gestartet wird. Wer Glück hat, sieht beim Frühstück nicht nur die Athleten vorbeischwimmen, die jeden Morgen noch ein Stündchen trainieren, sondern auch Delphine. Hier wohnen in der Woche vor dem ultimativen Saisonhöhepunkt viele deutsche Triathleten, der Organisator des Frankfurter Ironman und Reiseveranstalter Kurt Denk hat sie hier untergebracht.

Und wie jedes Jahr hocken sie beim Frühstück dicht beisammen: die aufgeregten Rookies, die zum erstenmal hier sind und sich einen Traum erfüllen, und die Stars der Szene wie Lothar Leder und seine Frau Nicole. Es herrscht eine eigenartige Stimmung in den Tagen vor dem Wettkampf. Es gibt nur ein paar wenige Aberwitzige, die fünf Tage vor der großen Strapaze noch einmal auf dem glühendheißen Highway hinaus zum Energy Lab laufen und wieder zurück, das ist eine Strecke von fast dreißig Kilometern. Die meisten aber wissen, was sie zu tun haben: möglichst wenig. Wenn die Form jetzt nicht stimmt, dann ist es zu spät.

„Ich drehe hier durch ohne Stress“

Nun könnte ein Athlet wie Lothar Leder die Natur genießen und den Blick hinaus auf den tiefblauen, sich sanft kräuselnden Pazifik richten. Er könnte die Schildkröten bestaunen, die sich im Hafenbecken an den Steinen reiben, so etwas ist daheim in Darmstadt-Eberstadt doch eher selten. Er könnte auch den halben Tag im Lava Java sitzen, dem angesagtesten Cafe am Alii Drive, und abends nebenan im Lulu's noch einen Schlaftrunk nehmen. Doch Leder ist nicht nach easy living, nach aloha, zumute, Leder fällt der pazifische Himmel auf den Kopf. Kein Training, keine Belastung, nur ein bißchen Bewegungstherapie, das ist nichts für einen, dessen Motor gewohnt ist, jeden Tag mit Vollgas zu fahren. Im Leerlauf funktioniert er nicht. "Ich drehe hier durch ohne Stress", sagt Leder. "Ich fühle mich wie ein Eremit." Er kann den Samstag nicht erwarten.

Es geht auch anders. Nicole Leder genießt die beschaulichen Tage in Kona, die sie wie Urlaub empfindet. "Die weiße Massai" hat sie ruck, zuck ausgelesen, die Ruhe vor dem Sturm am Samstag ist eine seltene Erfahrung. Sonst hat sie nicht nur mit Training zu tun, mit Sponsoren, sondern auch mit der Familie, mit Tochter Mia, die diesmal, weil schulpflichtig, daheim bei der Oma geblieben ist.

Mitten durch die Lavafelder

Zwei Tage noch, dann hat auch Lothar Leder wieder etwas zu tun, dann geht es nach 3,8 Kilometer Schwimmen im offenen Meer mit dem Rad 180 Kilometer durch die Lavafelder in den äußersten Norden der Insel nach Hawi und wieder zurück, ehe der abschließende Marathonlauf die letzten Kräfte kostet. Nicole Leder ist zum siebtenmal auf Hawaii, ihr Mann startet zum dreizehnten Mal. Im vergangenen Jahr hat er verletzt gefehlt, eine gute Voraussetzung, wie er findet, denn nach einem Dutzend Jahren war auch der Ironman Hawaii zur Routine, zur Gewohnheit geworden. Jetzt aber ist der Reiz wieder da, er fühle sich "richtig motiviert", sagt Leder.

Vor der Abreise in Deutschland hatte er "einen Platz zwischen zehn und zwanzig" als realistisches Ziel ausgegeben, jetzt hört sich das schon optimistischer an. Ein Platz unter den Top ten sollte es schon sein, sagt er, die Form sei gut, und wer weiß, vielleicht sei er für eine Überraschung gut. Insgesamt sind das immer noch zurückhaltende Prognosen für einen Star der Szene, der über ein Jahrzehnt lang immer zu den Favoriten auf Hawaii gezählt wurde. Leders neue Bescheidenheit hat ihre Gründe, das vergangene Jahr ging ihm durch Verletzungen verloren, und mit 34 Jahren kommt man so schnell nicht wieder in Tritt. Leder, ein glänzender Läufer, dessen Marathonbestzeit auf Hawaii bei 2:44 Stunden liegt, konnte über Monate neben Radfahren und Schwimmen nur Aquajogging betreiben, und die ganz große Laufform läßt noch immer auf sich warten. Die Saison 2005 begann mit Siegen auf der Kurzstrecke verheißungsvoll, doch beim Langstreckenklassiker in Roth enttäuschte der Darmstädter - auch sich selbst. "Ich hatte zuviel gemacht vor Roth", sagt er im Rückblick. "Ich hatte überrissen, ein Anfängerfehler." Danach hat er es ruhiger angehen lassen, sechs Wochen ließ er ohne Wettkampf verstreichen und nutzte die Zeit für lange Trainingsläufe. Das Ergebnis, sagt er, sei erfreulich, er fühle sich in Form.

Alle Weltklasseleute am Start

Was ihn am Samstag erwartet, ist leicht zu beantworten: "Es wird heiß und windig, wie immer." Und es werden wieder alle Weltklasseleute am Start sein. Viel mehr ist zum Urvater aller Triathlons nicht zu sagen, vielleicht noch dies: "Wie immer werden die kleinsten Schwächen gnadenlos bestraft werden." Auch Nicole Leder weiß um die Unbarmherzigkeit dieses Wettkampfes. Wenn es einem anderswo auf der Strecke schlechtgeht, kann man das überstehen, ohne alle Chancen einzubüßen. Hawaii verzeiht das nicht, es ist zu heiß, der Wind zu stark, die Radstrecke zu schwer. Nicole hat das schon oft erfahren müssen. Die zierliche Darmstädterin, die gegenüber mancher muskelbepackten Konkurrentin erfreulich fraulich geblieben ist, hat als Leichtgewicht auf Hawaii beim Radfahren keine Chance. Ihr Rennen beginnt, wenn sie die Laufschuhe an den Füßen hat. Wo immer sie nach dem Radfahren liegt, sie weiß, daß sie zu Fuß noch viel aufholen kann, ihre Marathonbestzeit auf Hawaii liegt bei 3:08 Stunden - eine glänzende Zeit. Ihre Taktik ist einfach: "Auf dem Rad gescheit durchkommen und dann sehen, was passiert."

Vieles kann passieren, auch bei den Männern. Lothar Leder ist einmal als 25. mit dem Rad angekommen und war am Ende Dritter. Diesmal hat er sich vorgenommen, mit dem Rad vorn dabeizusein, irgendwo in der Gruppe hinter Titelverteidiger Normann Stadler, der wohl wieder auf und davon fahren wird, wie alle annehmen. Und dann wird man sehen, wie es weitergeht. "Alle, die vom Rad steigen, sind kaputt", sagt Leder. "Das gibt es nur auf Hawaii." Der Rest ist eine Frage der Beine und des Willens.

Wenn alles vorbei ist, wird Leder sechs Wochen nach Australien gehen und mit dem ehemaligen Radprofi Kai Hundertmarck trainieren. Für den Western Australia Ironman hat er sich vorsorglich schon einmal angemeldet. Dort kann er sich für Hawaii 2006 qualifizieren, falls er es am Samstag in Kona nicht schaffen sollte. Die ersten zehn bekommen das Startrecht für nächstes Jahr. Der Rest muß einmal mehr durch die Knochenmühle.

Text: F.A.Z., 13.10.2005, Nr. 238 / Seite 67
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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