Von Daniel Schäfer
12. November 2005 Es geschieht nur dreimal im Jahr - doch wenn sich die zwei reichsten Männer Amerikas treffen, gehört ein Ausflug auf den Golfplatz dazu. Dann lassen sich die lebende Investmentlegende Warren Buffet und der Microsoft-Gründer Bill Gates nicht lumpen: Zuletzt knöpfte Gates seinem Spielrivalen im sonnigen Idaho ganze 2 Dollar Wetteinsatz für seinen Sieg ab.
Die Vorstellung von den auf exklusiven Golfplätzen der Welt per Handschlag besiegelten Milliardenabschlüssen ist denn auch mehr hollywoodreife Mär als Wirklichkeit. Obwohl Golf hierzulande mit einer halben Million Spielern im schnöden Reich der Massensportarten angekommen ist, ist er unter Managern vielmehr als elitärer und Netzwerke bildender Stressausgleich beliebt.
Lieber auf dem Rasen als im Büro?
Da auch in der Welt der Tees, Fairways und Sandbunker die Maxime Übung macht den Meister ihre Berechtigung hat, setzt sich ein golfender Manager mit einem allzu guten Handicap in Deutschland leicht dem Verdacht aus, er verbringe seine Zeit lieber auf dem Rasen als im Büro. In den sechziger Jahren hat der damalige Chef der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, noch einen Bewerber für den Vorstand abgelehnt, weil dieser ein zu gutes Handicap hatte. Und der Deutschland-Chef der britischen Beteiligungsgesellschaft Permira, Thomas Krenz, wird schon einmal mit der Aussage zitiert: Wer ein einstelliges Handicap hat, macht etwas falsch.
Allmählich setzt sich aber auch in Deutschland eine andere Sichtweise durch, die in Amerika längst etabliert ist. Zwar gibt es immer noch Uneinsichtige wie den Schauspieler Dennis Quaid, der mit einem Handicap von 1,1 die Hollywood-Rangliste des Magazins Golf Digest anführt und für den Satz Zeige mir einen Schauspieler mit einem niedrigen Handicap, und ich zeige dir einen arbeitslosen Schauspieler bekannt ist. Doch generell steht Erfolg im Golfsport für Tugenden, die auch für geschäftliches Fortkommen essentiell sind: Disziplin, Gelassenheit und Konzentration. In Amerika gibt es gar Ranglisten der besten eisen- und holzschwingenden Manager und eine Studie, die aufzeigt, daß die Vorstandschefs mit den besten Golf-Handicaps höhere Renditen erzielen als ihre beim Abschlagen und Putten mit weniger Talent gesegneten Kollegen.
Streng geheime Handicaps
Hierzulande bedarf es beim Indiziensammeln für obige These dagegen fast schon geheimdienstlicher Fähigkeiten. Denn das Handicap eines Vorstands ist gemeinhin ein weitaus besser gehütetes Geheimnis als so manche noch unveröffentlichte ad-hoc-pflichtige Tatsache. Der Vorstandschef der Frankfurter DZ Bank, Ulrich Brixner, umschrieb dies dereinst so: Mein Golf-Handicap und mein Kontostand sind meine Privatsphäre - aber beide machen mir keine Sorgen. Als Boogie-Golfer, der mit einem Handicap von aktuell 18 im Schnitt nur einen Ball je Loch mehr benötigt als die Platzvorgabe, kann er sich in der Tat unbesorgt zurücklehnen. Doch der beste Kronzeuge für die These, daß sich beruflicher Erfolg und ein gutes Handicap nicht widersprechen, ist Christian Strenger, Aufsichtsrat der Fondsgesellschaft DWS und einst deutscher Meister im Golf. Selbst mit mehr als 60 Jahren verfehlt er mit einem Handicap von zwei die Platzvorgabe nur um zwei Schläge. Auch der für sein Golffaible bekannte Linde-Chef Wolfgang Reitzle kann ein einstelliges Handicap vorweisen.
Nicht selten stehen Manager vor dem Dilemma, daß das Zeitbudget um so mehr abschmilzt, je mehr der Geldbeutel anschwillt. Da ist es nur konsequent, sich das Anstehen am Green und lästige Aufnahmeprozeduren in exklusiven Golfclubs zu ersparen, indem man flugs ein eigenes Golfresort erwirbt. Beispiele dafür gibt es zuhauf, das prominenteste ist wohl SAP-Mitgründer Dietmar Hopp. Er besitzt nicht nur den auch bei Golfprofi Bernhard Langer beliebten Platz St. Leon-Rot, sondern hat 2004 aus der Konkursmasse einer schwedischen Bank noch ein zweites Golf-Resort im Hinterland der Cote d'Azur erstanden. Der spanische Golfclub, in dessen unmittelbarer Nähe er ein Haus besaß, erschien ihm nämlich zu überlaufen. Mir liegt es nicht, sechs Stunden auf dem Platz zu stehen und zu warten, sagte der Softwareunternehmer, dessen Handicap zwischen 8 und 10 schwankt, kürzlich in einem Interview. Sein SAP-Gründungskollege Hasso Plattner besitzt das südafrikanische Resort Fancourt, das als eines der renommiertesten der Welt gilt. Beim Handicap (um die 15) kann er Hopp dafür nicht ganz Paroli bieten.
Discountmilliadäre golfen auf Privatterrain
Klaus Conrad muß da nicht ganz so weit reisen. Er hat den 18-Loch-Meisterschaftsplatz gleich direkt neben der Konzernzentrale von Conrad Electronic angelegt. Ebenso Karl Albrecht (Handicap 15), Gründer von Aldi Süd und einer der reichsten Männer der Republik. Auch sein Golfplatz ist vom Aldi-Hauptquartier im schwäbischen Donaueschingen zu Fuß leicht erreichbar. Ein Neuling im erlauchten Kreis der Golfclub-Besitzer ist Hans-Dieter Cleven. Der ehemalige Finanzchef der Metro hat sich erst in diesem Jahr an Deutschlands größtem Golfresort in Bad Griesbach beteiligt.
Eine Rangliste, welche das Können der deutschen Manager im Umgang mit Holz und Eisen im internationalen Vergleich aufzeigt, existiert nicht. Doch wenigstens ein Indiz dafür liefert die World Corporate Golf Challenge, bei der Manager aus 30 Nationen, die sich in ihrem Heimatland qualifizieren mußten, im Juli auf dem spanischen La Manga Club um die Wette golften. Dort erreichte die deutsche Mannschaft den fünften Platz. Doch vielleicht ist eine allzu hohe Plazierung auch gar nicht so wünschenswert. Die deutschen Manager sollten ihre Energie weniger auf den kleinen weißen Hartgummiball als vielmehr auf das Gemeinwohl konzentrieren, schalt erst kürzlich der Inhaber des schwäbischen Laserherstellers Trumpf, Berthold Leibinger, seine Kollegen. Es kann doch nicht das Lebensziel eines Managers sein, das Handicap beim Golf zu reduzieren.
Text: F.A.Z., 12.11.2005, Nr. 264 / Seite 18
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