13. November 2004 Drei Tage vor seinem 30. Geburtstag tauchte Sven Hannawald am vergangenen Samstag in der Alten Oper in Frankfurt auf, im Smoking, das lange Haar mit einer Spange gebändigt. Werner Heinz, sein Manager, hatte ihn und Formel-1-Pilot Nick Heidfeld zum Deutschen Sportpresseball mitgebracht.
Keine Frage, als Olympiasieger, Weltmeister, Gewinner der Vierschanzentournee und ehemaliger Sportler des Jahres gehört Hannawald in den Kreis der Sportgrößen. Aber nachdem er sich über ein halbes Jahr völlig zurückgezogen hatte, um sich wegen eines Burn-out-Syndroms behandeln zu lassen, war sein Auftritt bei einer Gala mit dreitausend Gästen doch ein überraschender Schritt.
"Ich will mich langsam wieder unter die Leute mischen
Er blieb nicht allzu lange und wirkte distanziert; da hatte einer nur aus seinem Schneckenhaus herausgelugt, es aber noch nicht ganz und gar verlassen. "Ich will mich langsam wieder unter die Leute mischen und versuchen, in ein normales Leben zurückzukehren", sagte der zweimalige Skiflugweltmeister in Frankfurt. Das normale Leben fand im Festsaal nun nicht gerade statt. Zu den geladenen Stars kamen diejenigen, die sich solch ein teures Vergnügen leisten können. "Jede Woche würde ich das nicht machen, aber jetzt war es eine schöne Abwechslung", so der Sieger der Vierschanzentournee von 2002.
Wann hat Hannawald letztmals Normalität erlebt? Jetzt, in der Phase der Krankheit - mit nach wie vor ungewissem Heilungserfolg - nicht und zuvor als Skispringer im Rampenlicht erst recht nicht. "Was wir erleben, die großen Stadien, die verrückten Fans, das hat doch mit Skispringen nichts mehr zu tun. Ich würde dabei auch durchdrehen", hat der Franzose Pierre Heinrich kürzlich festgestellt. Als Manager des Skiherstellers Rossignol war er viele Winter Hannawalds Begleiter.
Skispringen ist Streß
"Von Sven haben wir lange Zeit nichts gehört. Im Februar wollte er vom Skispringen einfach nichts mehr wissen", sagt Heinrich. "Er war lange Zeit der König von Deutschland. Dann blieben die Erfolge aus. Jetzt ist er in einer schwierigen Situation, die er noch nie erlebt hat. Da herauszukommen ist furchtbar schwer." Heinrich war früher selber Springer. Dann hörte er auf - und wagte nach zwei Jahren einen Neuanfang. "Ein Albtraum, das sollte man nie machen. Der Sport ist so riskant und tückisch."
Soll nur niemand glauben, daß die Profis auf der Schanze nicht auch Furcht verspürten, Respekt vor dem Sprung in die Tiefe. Es kostet sie Überwindung, besonders bei schwierigen Wetterverhältnissen. Skispringen ist Streß, auch und gerade für die Stars der Branche. Das "Angstbächlein" am Fuß der Schanze ist keine Erfindung, sondern Folge eines kaum mehr kontrollierbaren Harndrangs wegen der mentalen Belastung.
Grenzbereich zwischen Himmel und Erde
Durch Fernsehen und Sponsoren ist Skispringen verändert worden: vom Sprunglauf, wie man einst sagte, zu einem Ereignis. Vielleicht brauchten die Springer vor knapp fünfzig Jahren, als die Vierschanzentournee erfunden wurde, mit Bommelmütze statt mit Integralhelm ausgestattet, mehr Mut als heute, sich in diesen Grenzbereich zwischen Himmel und Erde zu wagen. Dafür dürfen die Springer von heute sich vor den Medien nicht fürchten.
Nach der Philosophie des Fernsehsenders RTL ist Skispringen die "Formel 1 des Winters". Wettbewerbe sind für den früheren Informationsdirektor Hans Mahr "Events, die jeder gesehen haben will und über die am nächsten Tag die ganze Nation spricht". Hannawalds sportliche Erfolge bis 2002 trieben die Quoten auf bis zu sechzig Prozent Marktanteil und länderspielreife 13 Millionen Zuschauer.
Teil einer bedenklichen Medieninszenierung
Der Boom in Deutschland setzte erst ein mit den olympischen Goldmedaillen 1994 in Lillehammer. Es waren ARD und ZDF, die Jens Weißflog als "Floh vom Fichtelberg" und Dieter Thoma, den heutigen RTL-Fachkommentator, als "Feuerkopf aus dem Schwarzwald" mit ihren stundenlangen Live-Übertragungen fast so populär machten wie Serienstars. RTL hat dann ein bekanntes und beliebtes Produkt verfeinert.
Auch die Printmedien drehen heftig am Rad, und zwar gleichermaßen Boulevardzeitungen wie andere Blätter. Auch in Zeitungen und Zeitschriften werden Stars "gemacht", Trainer "abgeschossen", Sportarten "in Szene gesetzt". Darauf reagiert das Fernsehen, dann sind wieder die gedruckten Medien an der Reihe, ein nicht aufzuhaltendes Wechselspiel. Medienwissenschaftler sprechen von einer "Lawine" oder einer "Kettenreaktion". Da kann einer schon mal unter die Räder geraten.
Hannawald war Teil einer bedenklichen Medieninszenierung mit öffentlicher Suche nach einer Freundin, die dann ebenso wie seine Eltern und seine Schwester einbezogen wurde in die bunte Berichterstattung. Die Trennung von der Freundin wurde während seiner Therapie öffentlich - kommuniziert vom Manager per Internet. Willkommen in der Skisprung-Soap.
"Geier Sturzflug" oder "Supervogel"
Seine Trainer, Reinhard Heß, später Wolfgang Steiert, sollten vor Mikrofonen und Kameras über sein Innenleben und das seiner Kollegen psychologisieren: mit Sätzen, die einen mitunter der Lächerlichkeit preisgeben. "Die Schanze springt nicht, das tut der Athlet. Es gibt keine schlechten Schanzen, nur unvollkommene Athleten." Es wurde über mentale Schwächen lamentiert, Blockaden im Kopf und ähnliche Malaisen. Eine einzige Bloßstellung eines fehlbaren Menschen und Athleten. Dieses öffentliche Sezieren gehört zum TV-Business, aber Hannawald hat es vor allem Heß übelgenommen.
Anders als die Generation Hannawald durfte Weißflog noch verlieren, ohne fürchten zu müssen, gleich als "Gummiadler" oder "Geier Sturzflug" medial abgewatscht zu werden. Läuft es schlecht, ist der Boulevard mit diesen Wertungen genauso schnell bei der Hand wie im Erfolgsfall mit Übertreibungen a la "Supervogel". Bevor Skispringen zum Beruf wurde, gab es noch Sportler zum Anfassen. Inzwischen würden die Besten überrannt, ließe man den Fans freien Lauf. Leibwächter begleiten die Athleten, was deren Popularität noch zu steigern scheint.
Er hat sich die Tortur lange genug angetan
Georg Thoma, Olympiasieger von Squaw Valley 1960 und Onkel von Dieter Thoma, war bis Lillehammer 1994 acht Jahre lang als Skisprung-Kommentator für das ZDF tätig. Dann hörte er auf, weil "das ganze Drumherum zu stressig" geworden sei. RTL-Moderator Günther Jauch dagegen gehört selbst zur von Fans verfolgten Star-Kategorie. Er habe immer nur Öffentlichkeitsarbeit für seinen Sport betreiben wollen, sagt Georg Thoma, Skispringen "einfach auch dem Opa im Ruhrpott mit fachlichen Kommentaren näherbringen". Sein Neffe Dieter hat an der Seite Jauchs längst andere Aufgaben. Fachwissen hin oder her: Er ist Teil einer RTL-Show.
"Er feiert, er flirtet. Wann fliegt er wieder?" schrieb "Bild", die seit Jahren Doppelpaß spielt mit RTL und anderen Sendern, nach Hannawalds Frankfurter Stippvisite auf dem Ball. Soll, kann, darf er überhaupt wieder fliegen? Sollte sein "Weg zurück ins Leben", vom dem "Bild" schreibt, nicht vielleicht ganz anders aussehen? Er ist nun schon viele Monate raus aus dem Zirkus und gehört mit dreißig eher zu den Oldies seines Sports. Hannawald hat sich die Tortur lange genug angetan.
Therapie ist zur Zeit das Wichtigste
Skispringen, das heißt Verzicht: auf Freizeit und Freunde, auf Heimat und Ruhe, auf Essen und Genuß. Hannawald wurde schon nach seinem ersten WM-Sieg im Skifliegen, 2000 in Vikersund in Norwegen, als kranker, bedauernswerter Held dargestellt. Das mag übertrieben gewesen sein, krankhaft ehrgeizig war der dünne Mann wohl schon. Der Internationale Skiverband (FIS) hat immer wieder seine Regeln angepaßt, um gegen "Kampf-Hungern" und Magersucht-Tendenzen vorzugehen. Doch absolute Disziplin ist immer noch Voraussetzung für einen Springer. Das kann auch über die Kräfte gehen.
"Ich bin wieder relativ gesund", sagte Hannawald in Frankfurt. "Ich fühle mich ganz gut, aber die Therapie ist zur Zeit das Wichtigste in meinem Leben. Der Sport ist noch weit weg." Obwohl er nahe der Hinterzartener Adler-Schanze wohnt, muß er sich andere Ziele setzen. Es war nicht einfach für ihn, zur Einsicht zu gelangen, daß er aussteigen mußte, zumindest auf Zeit. Monate quälte er sich durch den Weltcup, bevor er dann im vergangenen Februar die Saison abbrach und sich wenig später auf Anraten von Mannschaftsarzt Ernst Jakob in stationäre Behandlung begab.
Springer und Trainer scheiterten
Er halte sich fit, hat Manager Heinz über seinen Klienten gesagt. Das bedeutet Laufen, Tennis, Radfahren, Schwimmen - aber nichts, was als Basis für ein Comeback auf der Schanze zu deuten wäre. Inoffiziell äußern Betreuer und andere deutsche Springer heftige Zweifel an der Fortsetzung von Hannawalds Karriere. Martin Schmitt sprach gegenüber "Bild am Sonntag" von einem "riesigen Berg an Problemen" für Hannawald, von dessen extrem hohem Anspruchsdenken, der negativen Einstellung und der Abkapselung vom Team. Erkennbares Problem in der vergangenen Saison war, daß Wolfgang Steiert nach seinem Aufstieg zum Bundestrainer weniger Zeit für eine individuelle Betreuung seines Zöglings Hannawald hatte. Für den höchst sensiblen Springer, den geringe Veränderungen in seiner Routine aus der Fassung bringen können, keine Kleinigkeit. Beide, Springer und Trainer, scheiterten schließlich in ihren Rollen.
Der Deutsche Skiverband hält, auch mit dem neuen Bundestrainer Peter Rohwein als Nachfolger von Hannawalds Vertrautem Steiert, an dieser Sprachregelung fest: Die Regeneration Hannawalds sei das Wichtigste, er habe alle Zeit der Welt und entscheide selber über eine Rückkehr. Eine Hilfe im Sinne einer Lebens- und Berufsberatung sind solche Worte von Sportdirektor oder Sportlichem Leiter keineswegs. Wenn alles offen ist, ist gleichzeitig nichts geklärt. Alles ist möglich. Auch für Hannawald? Wer berät ihn? Läßt er sich denn helfen?
Die Richtung ist noch nicht erkennbar
Da scheint es fahrlässig, ihm, Fans und Medien Hoffnung zu machen, mit Äußerungen wieder dieser: "Viele sind nach einer langen Verletzung auch wieder zurückgekommen" (Bundestrainer Rohwein). Und es wirkt geradezu gefährlich, wenn das Management den Eindruck aufrechterhält, Hannawald könnte beim WM-Heimspiel in Oberstdorf im kommenden Februar doch noch wie Phönix aus der Asche auftauchen. Ein bißchen verständlich ist die hinhaltende Taktik von Verband und Management, ginge ihnen mit Hannawald doch der letzte große gewinnbringende Star verloren.
Der Springer hatte nicht ein gebrochenes Bein oder eine ausgerenkte Schulter, sondern er leidet unter vielfältigen Symptomen. Sie können sich als Versagensangst äußern, als Überforderung, Verunsicherung, Gereiztheit, Teilnahmslosigkeit. Was sind ihm die schuldig, die mit ihm über Jahre gute Geschäfte gemacht haben? Die Maschine hat den Menschen verbraucht. Hannawald hat zweifellos sehr viel Geld verdient. Aber seine Wegbegleiter können sich aus der Verantwortung nicht freikaufen.
Es ist eine Geschichte mit mehr Fragen als Antworten - und ein einsames Schicksal. Hannawald ist nicht Sebastian Deisler. Leider, muß man sagen. Ein Fußballprofi kann sich in der Gruppe, an den Kollegen aufrichten. Skispringer sind Einzelkämpfer.
Sven Hannawald hat in Frankfurt einen Schritt gemacht. Die Richtung seines Weges ist überhaupt noch nicht erkennbar.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb