Von Martin Krauss
16. November 2009 Rabbiner und Boxer – kann man das miteinander verbinden? Immer wieder musste Yuri Foreman diese Frage beantworten. Und immer wieder gab der Neunundzwanzigjährige die gleiche Antwort: Nein, das ist kein Widerspruch. Seit letztem Samstag ist diese Frage Vergangenheit. Jetzt heißt es: Rabbiner und Box-Weltmeister – passt das überhaupt zusammen? Denn der gebürtige Weißrusse mit israelischem Pass ist nicht mehr nur Boxer. Seit Samstag ist der angehende Rabbi der erste israelische Boxweltmeister.
Es ist ein spektakulärer Kampf, den die Zuschauer am Samstagabend in der MGM Grand Garden Arena von Las Vegas geboten bekommen: Herausforderer Foreman gegen den Superweltergewichts-Weltmeister der WBA, Daniel Santos. Schon in der zweiten Runde schickt Foreman den Titelträger auf den Ringboden. In der dritten Runde drängt er den Weltmeister aus Puerto Rico in die Ringseile, Santos kann sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Als Foreman in der vierten Runde mit einer harten Schlagkombination nachsetzt, scheint ein schnelles Kampfende nah. Doch Santos übersteht die volle Kampfdauer von zwölf Runden. Die Ringrichter sind sich in ihrem Urteil jedoch einig: Foreman siegt deutlich nach Punkten.

Boxweltmeister ist Foreman also bereits, Rabbiner wird er wohl erst in zwei Jahren. Der orthodoxe Jude absolviert schon seit längerem am Iyyun-Institut in New York eine Ausbildung zum jüdischen Geistlichen. Morgens studiere ich die Tora, beschreibt er seinen Tagesablauf. Und nachmittags gehe ich in das Gleason’s Gym in Brooklyn. Im Gleason’s haben schon einige große Box-Weltmeister trainiert: Jake La Motta, Mike Tyson und sogar Muhammad Ali am Anfang seiner Karriere.
Ich kann mich besser konzentrieren, zu mir zu finden
In dieser Reihe steht nun auch Foremans Name. Er ist zwar nicht der erste jüdische Weltmeister, aber der erste israelische. Und der erste Rabbiner in spe. Diese Kombination drückt er mit einem Symbol aus, das auf seine Boxhose gestickt ist und das er als Motiv auf T-Shirts und Basecaps vertreibt: ein Löwe, der listig und angriffslustig aus einem Davidstern schaut.
Der boxende Rabbi – das macht Foreman für die Öffentlichkeit interessant, doch er selbst tut so, als gäbe es da keinen Grund zur Nachfrage. Mit leicht genervtem Unterton sagt er: Ich schlage ja nicht wild um mich, sondern ich betreibe meinen Sport sehr ernsthaft. Es ist vielmehr so, dass mir mein Judentum bei meinem Sport hilft. Ich kann mich besser konzentrieren, zu mir zu finden.
Aber warum will er nicht bloß ein religiöser Boxer bleiben, warum muss es der Beruf des Rabbiners sein? Das Rabbinatsstudium ist für mich die ganz große Chance, das Judentum zu studieren. Das gibt mir sehr viel. Dass die Regeln, die für einen orthodoxen Juden gelten, ihn bei der Ausübung seines Sports behindern könnten, glaubt er nicht. Den Schabbat beispielsweise, den wöchentlichen Ruhetag, hat er bislang immer gehalten. Die Kampfabende sind ja nicht samstags tagsüber, sondern abends.
Vater gefällt es, dass ich Rabbi werde und dass ich Boxer bin
Erst seit er in Amerika lebt, beschäftigt sich Foreman mit dem Judentum. Mit Boxen hat Foreman angefangen, als er sieben Jahre alt war und die Familie noch im weißrussischen Gomel lebte. In Israel hat er dann weitergeboxt, mit 21 Jahren wanderte er nach Amerika aus, und ein Jahr später wurde er Profi. Sein Vater, der seit dem Tod der Mutter alleine in Haifa lebt, sei zwar säkularer Jude, aber es gefällt ihm, dass ich Rabbi werde und dass ich Boxer bin.
Neben Foreman hat auch Dmitriy Salita, ein in New York lebender Ukrainer, als weiterer Jude in diesem Jahr die Chance auf einen WM-Titel. Er könnte im Kampf gegen den Briten Amir Khan am 5. Dezember Superleichtgewichts-Weltmeister der WBA werden. Auch der in Moskau geborene Schwergewichtler Roman Greenberg wird immer wieder als jüdische Hoffnung gehandelt. Er hat einen israelischen Pass und lebt in London.
Wir müssen viel mehr gegen antisemitische Stereotype tun
Foreman, Salita und Greenberg sind gut befreundet, leben religiös und sind sich bewusst, dass sie in einer großen Tradition stehen. Anfang des 20. Jahrhunderts stammten in Amerika sehr viele Boxer aus jüdischen Familien, sagt Foreman. Zu ihnen gehöre auch sein Vorbild Benny Leonard, der bekannte Leichtgewichtler aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Der Sporthistoriker Mike Silver, der eine Ausstellung über jüdisches Boxen kuratiert und gerade ein Standardwerk zu diesem Thema vorgelegt hat, sieht gar eine Renaissance des jüdischen Boxens: Durch die drei werden sich mehr Leute über diese jüdische Erfahrung im Boxen bewusst, und das sollte auch gelehrt werden als Teil des jüdischen Immigrationserlebnisses. Foreman wünscht sich mehr jüdische Boxer. Wir müssen viel mehr gegen antisemitische Stereotype tun: zum Beispiel, dass Juden schwächlich seien.
Ich möchte noch fähig sein, mich mit meinen Kindern zu unterhalten
Dabei ist Foreman sportlich nicht unumstritten. In Internetforen wird er als Yuri Boreman gehandelt, als Langweiler. Er boxe zu defensiv, ohne nennenswerten Punch. Gerade acht seiner 29 Siege hat Foreman durch K.o. gesichert, der letzte K.o. liegt schon dreieinhalb Jahre zurück. Dem Fachblatt The Ring gilt er als stick-and-move specialist, als einer, der nach jedem Schlag wieder abtaucht. Daher hat das einflussreiche Blatt Foreman bislang nur auf Platz zehn seiner Weltrangliste geführt.
Auch sein Weltmeisterschaftskampf gegen Daniel Santos wurde nicht als Hauptkampf präsentiert, sondern war lediglich im Vorprogramm angesiedelt – Quote macht man mit dem orthodoxen Juden (noch) nicht. Yuri Foreman ist das gleichgültig. Wohl zu Recht, denn mit seiner Art zu boxen wurde er immerhin Weltmeister. Beinahe trotzig fügt er hinzu: Ich denke auch an meine Zukunft, und da möchte ich noch fähig sein, mich mit meinen Kindern zu unterhalten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP