
Haile Gebrselassie ist schon 21 Mal so schnell gelaufen wie noch niemand vor ihm, zuletzt über 20 und 25 Kilometer (55:48 Minuten und 1:11:37 Stunden) sowie auf der Halbmarathon-Distanz (58:55 Minuten). Unter den Läufern ist er der Weltmeister der Weltmeister. Unvergessen ist der 33 Jahre alte Äthiopier als Olympiasieger über 10.000 Meter (Atlanta 1996 und Sydney 2000). Viermal wurde er Weltmeister. Haile Gebrselassie im F.A.Z.-Interview.
So kann man das sagen. Der Grund, daß ich hier laufe, ist, eine sehr gute Zeit zu erreichen. Viele meiner Freunde sind hier in Berlin sehr schnell gelaufen.
Ja, das wäre schön. Das wäre etwas ganz Besonderes, wenn es passierte. Im Moment ist meine Vorbereitung wunderbar. Wenn alles perfekt ist, könnte ich den Rekord brechen.
Beides. Ich habe auf der Bahn viel erreicht. Was noch zu tun bleibt auf der Straße, nachdem ich die Rekorde über 10 Kilometer, 10 Meilen, 20 Kilometer, Halbmarathon gebrochen habe, ist eines: der Marathon-Rekord. Er ist sehr wichtig. Vielleicht erreiche ich ihn eines Tages.
Keine Frage: Das ist die Königsstrecke.
Die nach mir zu besiegen, das ist schwierig. Wer weiß, was es in zehn Jahren für Athleten geben wird. Die vor mir zu besiegen, darum geht es wirklich. Aber jeder Athlet hat seine eigenen Fähigkeiten. Die Läufer vor vierzig Jahren haben ihren Job ja nicht schlecht gemacht. Für mich ist Abebe Bikila immer noch der Stärkste: der Mann, der den Marathon ohne Schuhe laufen konnte. Er war bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom der Schnellste von allen. Ohne Schuhe. Unglaublich!
Mit Schuhen.
Ich glaube, er macht sich keine Sorgen. Er ist erfahren, er weiß alles über Marathon. Wie alt ist er? 36? Er kann seine Zeit selbst verbessern.
Die Leute wollen Rekorde sehen. Athleten wollen etwas Besonderes leisten. Nicht viele können Rekorde laufen. Wenn wir an Rekorde denken, müssen wir darüber sprechen, wer wir sind. Ich kann jedem sagen, wie ich mich vorbereitet habe: perfekt. Man fängt nicht am Tag vorher mit einem Weltrekord an.
Wenn jemand Weltrekord läuft, sagen die Leute: Er hat bestimmt etwas genommen.
Ja, im Moment. Für den Sport ist es nicht schlecht herauszufinden, wer unschuldig ist.
Ich kann tausend Leute betrügen. Ich kann die ganze Welt betrügen. Aber ich kann nicht mich selbst betrügen. Athleten müssen das bedenken. Es geht nicht nur darum, daß der Leichtathletik-Verband herausfindet, wer schuldig ist und wer nicht. Vergiß es! Ob sie Sperren von drei oder vier Jahren verhängen, ist ganz egal. Es geht um den Athleten, der sich selbst für immer sperrt. Wenn er sich klar wird, daß er betrügt, ist das das Schlimmste, was ihm passieren kann. Er ist von sich selbst gesperrt, aus seinem eigenen Leben ausgesperrt.
Darüber denke ich nie nach. Ich gehe immer davon aus, daß mein Konkurrent genauso trainiert hat wie ich. Selbst wenn ich glauben würde, daß sie etwas nehmen - mir ist das egal. Wenn ich gewinne, bin ich noch froher, daß ich sie besiegt habe.
Wenn Doping erlaubt wäre, würden alle nehmen, was sie für wirkungsvoll hielten. Und kein Athlet würde siegen, sondern der Arzt. Vielleicht würde eine Freigabe dazu führen, daß sich alle mit hohen Dosierungen selbst umbringen.
Ich fühle mich wie vor einem Neubeginn. Wenn ich den Rekord brechen kann, fange ich wirklich an, über noch mehr nachzudenken.
Come on!
Das Gespräch führte Michael Reinsch.
Text: Das vollständige Interview lesen Sie in der F.A.Z. vom 22.09.2006, Nr. 221 / Seite 32
Bildmaterial: AP