Von Lena Bopp
17. Juli 2007 Wenn Anna Bader von ihrem Sport erzählt, ist das, als säße man im Kino. Sie redet, steht auf, reckt ihre kurzen Arme in die Luft, streckt ein Bein vor und spreizt den Fuß vom Körper. So, der erste Salto, dann eine halbe Schraube, gestreckt und dann sieht man schon das Wasser. Was so einfach klingt und am Boden vorgeturnt irgendwie unbeholfen aussieht, ist in der Luft ein athletisches Spektakel. Anna Bader ist Europameisterin im Klippenspringen und will am kommenden Wochenende auf den malerischen Felsen von Ponte Brolla im schweizerischen Kanton Tessin ihren Titel verteidigen.
Sie freut sich darauf, das ist ihrer kurzen Performance anzusehen. Und sie ist ehrgeizig, das spürt man. Im Jahr 2005, als sie ihren Titel gewann, waren nur zwei Frauen am Start, ein Mädchen aus Tschechien und Anna Bader. Ihre Gegnerin hatte Respekt vor der Tiefe, sie hat Anna erzählt, sie fürchte um die Gesundheit ihres Körpers, und hinzugefügt, sie wolle schließlich eines Tages mal Kinder haben. Da wirkten die 15 Meter, die es für die Frauen zu springen galt, zu bedrohlich. Sie ist dann ein viel leichteres Programm gesprungen als ich, erzählt die 23 Jahre alte Studentin aus Mainz.
Tiefe Stimme und kräftige Schultern
Drei Sprünge mit frei wählbarem Schwierigkeitsgrad dürfen die Teilnehmer zeigen. Anderthalb Salto rückwärts mit einer Schraube war der komplizierteste Sprung, den Anna präsentierte. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie überhaupt von einer Klippe gesprungen ist. Ich habe sofort Feuer gefangen. Ein befreundeter Turmspringer aus Luxemburg hatte ihr vom Springen in freier Natur erzählt und angeboten, sie mit in die Schweiz zu nehmen. Spontan sagte sie zu.
Anna Bader ist eine kleine Frau mit einer überraschend tiefen Stimme und kräftigen Schultern. Als Kind hat sie geturnt, ihre Mutter Angelika Kern ist für die deutschen Turner bei den Olympischen Spielen in Mexiko und München gestartet. Sie hat uns immer mit in die Halle genommen, das hat Riesenspaß gemacht. In dem Dorf im Hunsrück, in dem sie lebten, wurde aus dem Spaß am Turnen bald Ernst. Der russische Trainer, erzählt Anna, hat sich mit den deutschen Trainingsgepflogenheiten nicht anfreunden können. Er hat die Kinder getriezt, sie nach jedem Training auf die Waage gestellt, sie hatten Angst, fühlten sich zu dick, es gab Tränen. Deswegen hat sie sich einen anderen Sport gesucht und ist beim Turmspringen gelandet. Als sie 16 Jahre alt wurde, zog sie von zu Hause aus und in ein Wohnheim der Mainzer Trainerschule und hat sich im Turmspringen bis in den B-Kader der Nationalmannschaft vorgearbeitet. Dabei gibt es in Mainz gar keinen Zehnmeterturm.
Turnen als Grundlage
Anna sagt, sie habe beim Turnen viel gelernt, das ihr beim Turm- und auch beim Klippenspringen nützlich ist. Den harten, kurzen Absprung von den Klippen kennt sie von den Bodenübungen. Wer einen Handstand auf einem zehn Zentimeter breiten Schwebebalken beherrscht, kann ihn auch auf einem Felsen zeigen. Am Stufenbarren trainiert sie immer noch regelmäßig, um die Muskeln in Schultern und Armen so zu kräftigen, dass sie einen Kopfsprung aus 15 Metern abfangen können. Und schließlich hat ihr die Vielseitigkeit des Mehrkampfturnens ein Körpergefühl geschenkt, das ihr erlaubt, in jeder Phase des Sprungs genau zu wissen, wo sie ist.
Das ist wichtig, weil die Athleten ihre Sprünge so kontrollieren müssen, dass sie möglichst gerade eintauchen. Das Risiko beim Klippenspringen liegt genau darin - im Aufprall auf dem Wasser. Je größer die Höhe, aus der die Sportler abspringen, desto schneller stoßen sie auf die Wasseroberfläche. Bei einem Sprung, der zwei Sekunden dauert, tauchen sie mit einer Geschwindigkeit von 90 Stundenkilometern ein. Dabei wirken auf den Körper Kräfte wie bei einem mittelschweren Verkehrsunfall, so formulieren es die deutschen Klippenspringer auf ihrer Homepage. Der kleinste Fehler wird zumindest schmerzhaft, kann aber auch zu schweren Verletzungen führen.
Es hat mir einen ordentlichen Schlag verpasst
Anna hat einmal einen Fehler begangen. Im vergangenen Jahr ist sie im chinesischen Ort Liancheng das erste Mal aus einer Höhe von 22 Metern gesprungen. Aus dem Handstand - das ist ihre liebste Absprungposition - wollte sie anderthalb Salto rückwärts gestreckt zeigen. Sie hat in der letzten Phase des Sprungs die Distanz zum Wasser falsch eingeschätzt, vorsichtshalber die Knie angewinkelt, dadurch zu viel Rotation bekommen und ist in Rücklage geraten. Es hat mir einen ordentlichen Schlag verpasst, sagt sie. Unter Wasser blieb ihr die Luft weg, die Ärzte haben sie rausgezogen und versorgt. Sie hatte Prellungen und Rückenschmerzen und musste den Wettkampf absagen.
Die Erfahrung hat ihr nicht die Lust am Klippenspringen genommen. Ich bin nicht lebensmüde, sagt sie, aber ich fürchte mich auch nicht. Es ist so angenehm, das Adrenalin. Wenn sie so redet, zieht sie die letzte Silbe des Wortes in die Länge, das Adrenaliiin. Sie singt fast, wenn sie den Reiz, den ihr Sport auf sie ausübt, beschreibt: Die Vorfreude, der Sprung, die angenehme Angst.
Sie liebt und beherrscht den Sport
Die Angst, sagt sie, nun wieder ernst, bewirke schließlich auch, dass man sich noch besser konzentriert. Es gibt Menschen, auch in Annas Umfeld, die meinen, den Klippenspringern mangele es weniger an Angst als an Phantasie: Sie vermögen sich nicht vorzustellen, was alles passieren kann. Anna kann das, aber sie will es nicht. Sie liebt diesen Sport, und sie beherrscht ihn. Sie weiß, dass man körperlich topfit sein, sich langsam an die Sprünge herantasten muss und sich nicht überheblich verhalten darf. Das Schwierigste in Ponte Brolla in der Schweiz sei aber ohnehin das Hochklettern auf den Felsen. Sie lacht.
In diesem Jahr möchte Anna Bader bei der Europameisterschaft wieder einen Sprung aus 20 Metern wagen - wie in China. Aus dieser Höhe ist es nicht mehr möglich, kopfwärts ins Wasser zu tauchen, weil die Muskeln des Rumpfes das Skelett beim Aufprall nicht halten können. Deswegen gibt es unter den Klippenspringern sogenannten Barani, eine Bewegung, mit der alle Sprünge aus großer Höhe abgeschlossen werden. Man orientiert sich in der letzten Phase zum Wasser, macht eine Halbschraube und kann so mit den Füßen zuerst die Wasseroberfläche berühren. Anna hat das vom Zehnmeterturm in Frankfurt geübt und ist guter Dinge, dass sie es in Ponte Brolla wird zeigen können. Ihr Ziel ist es aber, höher zu gehen. 20 Meter sind nur das Minimum, denn sie möchte im nächsten Jahr beim Weltcup der Männer teilnehmen. Und die Männer springen nur aus Höhen zwischen 22 und 28 Metern. Einen Weltcup für Frauen gibt es noch gar nicht. Noch immer trauen sich zu wenige. Am Wochenende wird sie es bei der Europameisterschaft nur mit zwei Konkurrentinnen zu tun haben.
Good dive - guter Sprung
Wie reagieren die Männer auf eine Frau, die mit ihnen auf den Felsen steht? Sie unterstützen mich, sagt Anna. Vor zwei Wochen hat Anna einige der Sportler bei einem Showspringen in Zürich wiedergetroffen. Zwanzig Mal ist sie an dem Wochenende von einem 15 Meter hohen Turm gesprungen, das sei das Maximum, das man dem Körper zumuten könne, sagt sie. Der Europameister von 2005, Andreas Marchetti aus Basel, war auch dabei und hat ihr vor jedem Sprung zugeraunt: Good dive - guter Sprung.
Sie spürt die Bewunderung, sie hört den Applaus der Zuschauer, der vor jedem ihrer Sprünge besonders anschwillt, und sie genießt ihn, ohne dabei überheblich zu wirken. Schließlich ist das Springen nicht ihr ganzes Leben. Anna studiert Englisch, Spanisch und Geographie und möchte später vielleicht in der Entwicklungshilfe arbeiten. Sie kann sich nicht vorstellen, ihr Leben noch einmal dem Sport unterzuordnen, wie sie es mit 16 Jahren getan hat. Niemals würde sie wegen besserer Trainingsbedingungen an einen anderen Ort ziehen. In Mainz fühle ich mich das erste Mal zu Hause, sagt sie. Manchmal, wenn sie sich entspannen will, legt sie sich in ihrem Garten in die Hängematte, die aus den Nationalfarben Kolumbiens gewebt ist.
Aus Kolumbien kommt Annas Freund. Er ist noch nie von einem Turm gesprungen, aber er begleitet sie manchmal nach Frankfurt und zeichnet ihre Sprünge auf Video auf, damit sie zu Hause sehen kann, was sie verbessern muss. Er bewundert, was ich tue, und hilft mir, erzählt sie. Aber manchmal, da sagt er: Anna, ich verbiete dir das! Es ist zu gefährlich. Spricht's, lacht und freut sich auf das Wochenende.
Text: F.A.Z., 17.07.2007, Nr. 163 / Seite 31
Bildmaterial: privat