Eishockey-WM

Ein neuer amerikanischer Traum

Von Hans-Joachim Leyenberg, Bern

Mittelklasse und Superstar: Lee Stempniak (l.) neben Weltklasse-Stürmer Jason Blake

Mittelklasse und Superstar: Lee Stempniak (l.) neben Weltklasse-Stürmer Jason Blake

08. Mai 2009 Jung, talentiert, lernfähig, zudem gern zwischen 1,80 und 1,90 Meter groß. Wer es in das Team von Ron Wilson geschafft hat, entspricht seiner Idealvorstellung von einem Eishockeyspieler in den Diensten der Vereinigten Staaten. Es sind beileibe nicht die von ihrer Vita her besten Profis des Landes, die an diesem Freitag im Halbfinale der Weltmeisterschaft in Bern die Russen herausfordern, doch sie sind allemal ambitionierter als die Stars mit den großen Namen.

Am Mittwoch haben die Finnen das am eigenen Leibe erfahren. Nach dem 2:3 bleibt ihnen, die bei den Titelkämpfen 2007 und 2008 die Amerikaner jeweils im Viertelfinale ausschalteten, nur die vorzeitige Heimreise. Da half all die Routine der Skandinavier nicht mehr weiter. Im Schlussdrittel waren sie nur noch müde, kaum in der Lage, ein Powerplay aufzuziehen. Nachwehen ihres Kraftakts ihrer letzten Zwischenrundenpartie, als sie den Ehrgeiz hatten, den Kanadiern zu zeigen, was man als gestandener Finne aufs Eis bringt.

Gewünscht: ein Remake vom Winter 1960

Der Mann mit der russischen Erfahrung: Torwart Robert Esche

Der Mann mit der russischen Erfahrung: Torwart Robert Esche

Sie haben ihre Energie zur falschen Zeit am falschen Objekt verpulvert. Die in die Jahre gekommenen Petteri Nummelin und Sami Kapanen, beide in der Mitte ihres vierten Lebensjahrzehnts, denken nun darüber nach, ob es noch Sinn macht, auch künftig die Schlittschuhe für Finnland zu schnüren. 1995 wurde der Traum vom WM-Gold für beide Realität, doch seitdem blieb Rang zwei 1998, 1999, 2001und 2007 das höchste der Gefühle.

Eine Plazierung, die für die Vereinigten Staaten schier Ewigkeiten außer Reichweite ist. An den Triumph in Squaw Valley über die Sowjetunion erinnern sich nur noch ältere Semester. Ein Team, zusammengestellt aus jungen und talentierten Collegespielern, schaffte 1960 das Wunder, die als unschlagbar geltenden Sputniks zu bezwingen. Aber danach reduzierte sich das Interesse der Nation am Eishockey wieder auf die National Hockey League (NHL), weil es international nichts zu feiern gab. Vielleicht ist dieser Freitag wie geschaffen für ein Remake der Story vom Winter 1960.

Den Russen läuferisch Paroli bieten

Für Trainer Wilson lautet das Rezept: Die Strafbank meiden, den Russen läuferisch Paroli bieten, deren spielerischer Klasse den Enthusiasmus vergleichsweise hungriger Spieler entgegensetzen. Es ist mit Ausnahme von Stürmer Jason Blake nicht die erste Garde der NHL, die in der Schweiz zum Zuge kommt. Es sind die Arbeitsbienen von Klubs, die es in der Meisterschaft nicht sonderlich weit gebracht haben. Die Mittelschicht der Liga, die es auf ein Jahressalär von 700.000 bis 800.000 Dollar bringt. Blake, nur mal zum Vergleich, verdient fünf Millionen Dollar.

Es ist somit eine abgespeckte Version amerikanischer Eishockey-Fertigkeiten auf dem Berner Eis, die die Russen herausfordert. Allerdings ist Wilsons Auswahl besessen von der Idee, auch mal im Rampenlicht zu stehen. „Dies ist euer Stanley Cup“, hat der Trainer seinen Männern die Chance ihres Lebens verdeutlicht. Zuvor hatte er durchgezählt, wie viele aus seinem Kader jemals in einem Play-off-Spiel ihres Klubs eingesetzt wurden. Von 25 sind es gerade mal elf.

Die Russen im Visier

Gegen Finnland haben sie sich nicht einmal vom Pfeifkonzert des Publikums irritieren lassen. Seit David Backes von den St. Louis Blues den Schweizer Julien Sprunger krankenhausreif an die Bande checkte, gilt Flügelstürmer Backes bis auf weiteres als der Buhmann der WM. Den akustischen Gegenwind quittierte Kapitän Dustin Brown mit einem Achselzucken. Er hat die Russen im Visier. In der Zwischenrunde unterlag man ihnen am vergangenen Samstag 1:4. Jetzt also ein weiterer Anlauf, ein neuer Versuch.

Gute Laune: Ron Hainsey, Robert Esche und Dustin Brown (v.l.) feiern den Sieg über Finnland

Gute Laune: Ron Hainsey, Robert Esche und Dustin Brown (v.l.) feiern den Sieg über Finnland

Es werde im Wesentlichen aufs Powerplay in Unter- und Überzahl sowie auf den Torhüter ankommen, betonte Brown. Robert Esche, der Mann im Tor der Amerikaner, kennt sich mit russischer Übermacht aus. Er hat in der russischen Liga, in St. Petersburg, angeheuert. Abwarten, sagt er mit Blick auf das ultimative Duell. Beim 4:3-Viertelfinalsieg über Weißrussland präsentierte sich Weltmeister Russland alles andere als souverän. Es ist an der Zeit, das sich was dreht, meinen die Amerikaner. Kein anderer Verband hat auch nur annähernd so viele Eishockeyspieler registriert. Die Nationalmannschaft der Frauen hat vor wenigen Wochen Kanada als Weltmeister abgelöst, und die U 19 der Russen wurde unlängst bei den Titelkämpfen im Finale 5:0 deklassiert. Brown und all die anderen sind nicht zu unterschätzen, gerade weil sie sich nicht überschätzen. Auch ein Lernprozess.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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