Tennis-Tagebuch

Emotionen, Kalkulationen und Ausreden

Von Andrea Petkovic

24. Oktober 2007 Treue Leser meiner Geschichten, meiner Autobiographie auf Raten – wie auch immer man es nennen mag – werden festgestellt haben, dass das Leben einer Tennisspielerin eine erstrebenswerte Sache ist. Man reist um die Welt, macht sein Hobby zum Beruf und verdient auch noch Geld dabei. In diesen Punkten stimme ich uneingeschränkt zu und sage: Es ist sogar noch besser als die alleinige Vorstellung davon.

Doch was passiert, wenn die Weite der Welt, um die man alleine reist, ihre Schönheit in der Einsamkeit verliert? Was passiert, wenn das Hobby, das zum Job gemacht wurde, die Attribute des Hobbys verliert und einfach ein normaler Job wird?

Und was bitte passiert, wenn das Geld, das man verdient, die Kosten deckt und für einen dringend benötigten Urlaub am Ende des Jahres reicht, nicht aber für die Zeit nach dem Job, den man nun einmal nicht bis zum Rentenalter betreiben kann? Weniger pathetisch formuliert: Was passiert, wenn Fräulein Andrea Petkovic das erste Mal in ihrer Karriere in eine Krise gerät? Ich kann es Ihnen sagen: Sie wird krank.

Unbekannte Größe „emotionale Beteiligung“

Ursache und Wirkung lassen sich leicht rekonstruieren. Ich gewann eine Runde bei den US Open und danach nicht mehr viel. Ein Ründchen bei den US Open zu gewinnen ist auch kein Meisterstück, auf dem man sich sein Leben lang ausruhen kann. Es galt, in den kommenden drei Monaten Punkte zu verteidigen, bei den US Open hatte ich 60 gewonnen, mein Endziel für die Saison waren die Top 100, ich stand vor den US Open auf Rang 102. Das waren die Ausgangsvariablen, mit denen nun die Rechnung vollzogen werden sollte.

Unbekannte Größen der tückischen Rechenaufgabe waren die anderen Spielerinnen um mich herum, die ebenfalls ständig Punkte gewinnen und verlieren, und meine emotionale Beteiligung an der ganzen Geschichte. Nun habe ich weder die kühne Denkweise von Einstein geerbt noch die fortschrittlichen Gedanken von Pythagoras. Es hätte aber schon die Logik meiner Mathelehrerin gereicht, um zur Schlussfolgerung zu kommen, dass mein Punktestand in jedem Fall für das Hauptfeld der Australian Open reichen würde.

Hauen und Stechen um jedes Match

Ob ich nun am Ende des Jahres an Position 101 stehe oder an 99, das interessiert im Endeffekt nur meinen russischen Vater, der mich schlägt, wenn ich sein Ziel nicht erreiche (Sie brauchen keine Anzeige zu erstatten; es handelt sich um einen Scherz!). Ich hatte jedoch die unbekannte Größe „emotionale Beteiligung“ unterschätzt. Diese ließ keine logischen Denktaten zu, und die Folge war ein Hauen und Stechen um jedes Match, das lediglich auf die erreichbaren Punkte reduziert wurde.

„Wenn man gut spielt, kommen die Punkte von ganz alleine.“ Ich wünschte, Sie könnten hören, dass ich trotz seines hundertprozentigen Wahrheitsgehalts diesen Satz voller Verachtung ausspreche. Von meinem Vater, der übrigens für das damalige Jugoslawien im Davis-Cup-Team stand, über Barbara Rittner bis hin zum größten Tennisnarren – jedem Besserwisser ist dieser Satz mindestens einmal über die Lippen gekommen. Aber schon weniger ehrgeizige Menschen als ich können die Enttäuschung eines nicht erreichten Ziels nachvollziehen. Darauf baue ich in meiner Verteidigung.

Im Teufelskreislauf

Sicher, ob ich gewann oder verlor, davon wurde weder der Immobilienmarkt in den Vereinigten Staaten besser noch der dortige Präsident, trotzdem stieg der selbstgeborene Druck von Turnier zu Turnier – bis ich tatsächlich krank wurde. Aufmerksame Beobachter erinnern sich vielleicht an einen ähnlichen Artikel über hausgemachten Druck vor einem Jahr, aber lassen Sie sich nicht täuschen, diesmal ist es schlimmer (was mach’ ich dann bloß im nächsten Jahr?).

Eine große Rolle im Teufelskreislauf spielt das von mir erstellte Ultimatum: Wenn ich bis Ende des nächsten Jahres nicht in der Nähe der Top 50 stehe, höre ich auf. Das Problem ist, dass ich gar nicht aufhören will, auch in der momentanen Krise nicht, in der ich seit zwei Monaten kaum Matches gewinne. Stehe ich nächstes Jahr jedoch immer noch um die 100 herum und höre nicht auf, dann gelte ich als charakterlos. Oder soll ich einfach mein Ding durchziehen, ohne darauf zu hören, was die Leute sagen?

Punkte kommen voll alleine, wenn man gut spielt

Falls Sie sich fragen, warum zum Teufel ich mir Gedanken um nächstes Jahr mache, dann gebe ich Ihnen einen klitzekleinen Ausschnitt meines Gedankenkarussells der letzten zwei Monate. Der Körper denkt sich also, dass der Geist spinnt und verpasst ihm eine Zwangspause namens Grippe. Unpassend nur, dass dies während des Porsche Cups in Stuttgart geschah, einem 600.000-Dollar-Turnier in Deutschland, für dessen Hauptfeld ich möglicherweise eine Wildcard bekommen hätte.

Allerdings muss man dazu sagen, dass dies als nicht gesichert gilt, denn die Turnierdirektoren des Porsche Cups hatten in ihrer spärlichen Freizeit augenscheinlich zu viel „Popstars“ und „Deutschland sucht den Superstar“ geguckt, denn sie versuchten den Tennissport zu kommerzialisieren, indem sie eine Aktion in der „Bild“-Zeitung starteten, bei der die Leute für ihre Favoriten anrufen konnten, welche dann die heiß ersehnten Wildcards, zwei an der Zahl, erhalten würden.

Zur Auswahl standen Angelique Kerber, Jahrgang 88 und an Ranglistenplatz 68 der Welt geführt, Tatjana Malek, Jahrgang 87 und Julia Görges, Jahrgang 88, beide jenseits der ersten hundert positioniert. Die beiden Letzteren gewannen die Wildcards. Gerechtigkeit sieht anders aus, denn sportliche Leistung spiegelt sich nun einmal in der Rangliste wider und nicht in der Beliebtheitsskala der „Bild“-Leser.

Um aber wieder auf meine psychosomatisch bedingte Krankheit zu sprechen zu kommen, kann ich guten Gewissens behaupten, dass sie mich weiter gebracht hat – als Mensch und als Tennisspielerin. Ich habe begriffen, dass die Punkte tatsächlich von ganz alleine kommen, wenn man gut spielt.

Zwar kann ich nicht sagen, dass mein Tennisspiel, das ich zwischenzeitlich wiederaufgenommen habe, seit der Stunde der Wahrheit sonderlich besser geworden ist, aber immerhin schiebe ich die Schuld einer Niederlage nicht mehr gänzlich meinem beklagenswerten Ich zu, sondern verteile die Last auf verschiedene Schultern – wie zum Beispiel auf vorangegangene Grippen und hausgemachten Druck, so dass ich die Bürde nicht alleine tragen muss. Ob das erfolgversprechender ist, wird die Zukunft zeigen.

Nach Bratislava ist Schicht im Schacht

In Russland jedenfalls, wo wir in einer umgebauten Schwimmhalle trainierten und mein Trainer Christian Straka von der russischen Polizei fast abgeführt wurde, weil er versuchte, bei meinem Match zuzuschauen, verlor ich trotz widriger Umstände erst in der zweiten Runde der Qualifikation eines 1,3-Millionen-Dollar-Turniers. Jetzt steht in dieser Saison noch ein weiterer Termin vor der Haustür, ein 100.000-Dollar-Turnier in Bratislava, und danach ist Schicht im Schacht.

Doch wie bei allem im Leben gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist ein Zehn-Tage-Urlaub an einem noch unbekannten Ort. Die schlechte ist ein sechswöchiger Trainings- und Folteraufenthalt bei Klaus Hofsäß auf dem berüchtigten Berg in Marbella, Spanien. Ungerechte Zeitverteilung, ungerechte Welt.

Die 20 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Gestartet ist sie von Weltranglistenposition 376; in der kommenden Rangliste wird sie vermutlich einen Platz unter den besten hundert Spielerinnen einnehmen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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