Feldhoff im Interview

„Der deutsche Sport hat ein durchgängiges Trainer-Problem“

Feldhoff: “Wir brauchen jetzt einen Generationswechsel“

Feldhoff: "Wir brauchen jetzt einen Generationswechsel"

22. April 2005 Als Medaillenzähler fühlt sich Ulrich Feldhoff mißverstanden und im Falle von Mißerfolgen runtergemacht. Aber nicht aus Trotz, sondern aus Altersgründen macht der 67jährige Oberhausener nun Schritt für Schritt Schluß mit seinem Funktionärs-Dasein: zunächst am Wochenende beim Deutschen Kanuverband (DKV), Ende nächsten Jahres beim Deutschen Sportbund (DSB) und 2008 wohl auch bei der Internationalen Kanu-Förderation (ICF). Aber vorerst hat Feldhoff noch Ziele.

Wenn Sie nach 24 Jahren aufhören - hätten Sie dann nicht auch noch ein Jährchen dranhängen und als Präsident die Silberhochzeit mit dem DKV feiern können?

Nä, also ich halte nichts davon, wenn man sich für eine Periode, also vier Jahre, wählen läßt und dann aus dekorativen Gründen noch ein Jahr dranhängt.

Aber Sie machen als Präsident der ICF weiter und auch als DSB-Vizepräsident.

Im DSB bis Ende nächsten Jahres, wenn es hoffentlich mit der Verbandsvereinigung soweit ist. Ich bin absolut dafür - obwohl wir dadurch noch keine einzige Medaille mehr haben. Flache Hierarchien, kürzere und schnellere Entscheidungswege, raschere Umsetzung: All das spricht für eine einzige Dachorganisation - und nicht nur das Geld. Aber ich gehe 2006 raus.

Warum denn, mitten im Eifer des Gefechts?

Ich habe zu viele Beispiele von Leuten erlebt, die den richtigen Absprung verpaßt haben. Ich habe immer gesagt, einen 70jährigen Sportfunktionär namens Feldhoff wird es nicht geben. Wir brauchen jetzt einen Generationswechsel, nicht nur im Kanu.

Das haben schon einige von sich gesagt, die sich heute nicht mehr daran erinnern. Erinnern Sie sich noch an den DKV anno '81, zu Beginn Ihrer Präsidentschaft?

Gut sogar. Wir hatten 1976 ja den Tiefpunkt mit einem katastrophalen Ergebnis für Kanu - und dann kam 1984 in Los Angeles der Olympiasieg von Uli Eicke...

...dazwischen lag Moskau 1980...

...da durften wir ja nicht. Das war für mich der negative Höhepunkt meiner Karriere. Los Angeles, Gold für Uli Eicke und Silber für Barbara Schüttpelz, das waren dann schon Lichtblicke.

Und dann ging's ja, vor allem nach der Vereinigung mit der DDR, steil bergauf.

Da begann unsere Erfolgsgeschichte. Wenn ich Ihnen das mal in Zahlen geben darf: Die Kanu-Rennsportler haben seit 1936 und die Slalomfahrer seit 1972 insgesamt 116 olympische Medaillen geholt. Während meiner Präsidentschaft waren es 53 - und davon 24 Gold.

Stattlich, stattlich, auch wenn der wesentlich erfolgreichere Osten und der Westen dabei zusammengezählt sind.

Trotzdem, ich denke, das kann kein anderen Verband vorweisen. Es behaupten zwar einige andere von sich, aber ich kenne schließlich die Zahlen.

Leute, die die Fakten zu kennen glauben, sprechen bei diesen Erfolgen immer vom DDR-Erbe und schließen Doping ausdrücklich mit ein.

Fakt ist, daß wir selbstverständlich 1992 und 1996 vom Athletenpotential der ehemaligen DDR profitiert haben. Nur die Ergebnisse zum Beispiel von Athen 2004 können damit nicht mehr begründet werden. Denn die jungen Sieger haben bei der Wende noch gar nicht gepaddelt. Was DDR-Erbe ist, und daraus habe ich nie ein Hehl gemacht: Wir haben konsequent das sportwissenschaftliche Know-how übernommen, etwa was Trainingssteuerung betrifft. Wir hatten in der alten Republik ja das ganz große Problem, daß unsere Sportler sich im Frühjahr und im Herbst ganz vorne plazierten. Aber diese Leistungen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften zu bringen, damit hatten wir Riesenprobleme. Wenn Sie das seit der Vereinigung verfolgen, ist das unseren Kanu-Experten in jedem Jahr gelungen, die Topleistung auf den Punkt zu bringen.

Dabei kann Doping helfen.

Ich mache es mir nicht so einfach und lege mir die Erklärung zurecht, daß dies das negative DDR-Erbe ist.

Nein, auch im Westen wurde und wird gedopt.

Wir hatten ja auch einen gravierenden Dopingfall im Westen, 1992 den Detlef Hofmann. Ich behaupte, Doping hat keine herausragende Rolle bei unseren Erfolgen gespielt, denn dafür gibt es keine Beweise. Und Sie wissen, wie umfangreich unsere Athleten kontrolliert werden. Noch mehr geht nicht. Eine Birgit Fischer war vor Athen und in Athen einsame Spitzenreiterin.

Birgit Fischers früherer Lebensgefährte Josef Capousek hat ebenfalls in diesem Jahr als Cheftrainer aufgehört und ist nach China gegangen. Zwei Köpfe im DKV weg, ist das nicht ein bißchen viel auf einmal - zumal es für Capousek keinen Nachfolger gibt?

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Ich habe mir mit Olaf Heuckrodt immerhin meinen Nachfolger als Präsident aussuchen dürfen, und daß es keinen neuen Cheftrainer gibt, bedauere ich sehr. Das ist aber mittlerweile ein durchgängiges Problem im deutschen Sport. Ich habe das vor einigen Tagen auch im Sportausschuß des Bundestages gesagt: Wir bekommen zunehmend Probleme, freiwerdende Stellen durch deutsche Trainer zu ersetzen.

Bei so viel Überschuß von Universitäten und Trainerakademie?

So ist es nun mal. Frank Hensel, der Sportdirektor der Leichtathleten, hat auch festgestellt, daß der DLV vielleicht noch zwei, drei Trainer hat, denen er zutraut, Leichtathleten in die Weltklasse zu führen.

Also liegt es an den Trainern, daß die deutsche Mannschaft in Athen Ihre persönliche Prognose nicht erfüllt hat, Platz drei in der Nationenwertung zu schaffen?

Mit diesem dritten Platz, da fühle ich mich fürchterlich mißverstanden. Meine Aussage bezog sich auf die Ergebnisse der vorolympischen Saison, in der China übrigens bei weitem nicht so gute Resultate zu bieten hatte. Wenn diese Vorergebnisse bei Olympia bestätigt werden, dann haben wir die Chance, Dritter zu werden. So habe ich es gesagt. Aber wir haben als einzige Mannschaft der besten acht die Vorleistungen wieder einmal nicht bestätigt.

Wieder einmal, sagen Sie. Also hätten Sie es doch aus Erfahrung besser wissen können.

Ja, aber wo denn sonst, wenn nicht im Leistungssport, muß man sich Ziele setzen?

Dann setzen Sie dem deutschen Sport für die Zeit nach Feldhoff doch mal welche.

Die Periodisierung, also die beste Leistung im wichtigsten Wettkampf zu bringen, wie es beim Kanu oder Rudern gelingt, das muß verbessert werden.

Aber wie?

Wir müssen die sportwissenschaftliche Kompetenz, die wir ja haben, stärker heranziehen. Wir brauchen eine zentrale Steuerung - und ein konsequentes Controlling von Förderung und Leistung.

Durch ein nationales Sportinstitut, wie es der Leichtathletik-Ehrenpräsident Professor Helmut Digel vorgeschlagen hat?

Zum Beispiel. Aber das sollen dann andere entscheiden.

Die Fragen stellte Hans-Joachim Waldbröl.



Text: F.A.Z., 22.04.2005, Nr. 93 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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