FAZ.NET-Spezial

Das Ende vom Anfang

Von Claus Dieterle

Der Doping-Schaden ist nicht nur für den Radsport enorm

Der Doping-Schaden ist nicht nur für den Radsport enorm

19. Juli 2007 Es sollte ein Neuanfang werden, eine Tour der Erneuerung, aber die Mission ist quasi schon beim Prolog gescheitert. Der Bonner Rennstall T-Mobile hat die Altlasten (bis auf den sportlichen Leiter Rolf Aldag) entsorgt, hat sich mit viel Geld über die normalen Dopingtests hinaus ein eigenes Kontrollsystem geschaffen, und steht nun - falls die B-Probe die A-Probe bestätigt - vor einem Scherbenhaufen.

Der Fall Patrik Sinkewitz trifft die Equipe samt Sponsor mit vernichtender Wucht in einer Phase, in der es darum geht, verloren gegangenen Kredit mühsam wieder zurück zu gewinnen. Die Bonner haben sich jahrelang als die Saubermänner einer verkommenen Branche präsentiert, ehe das Trugbild sukzessive in sich zusammenfiel. Jan Ullrichs Verwicklung in den Fuentes-Skandal, Jef D'honts aufschlussreiches Buch über Doping im Team Telekom, die Geständniswelle der Profis von Aldag über Riis bis Zabel aus den neunziger Jahren.

Der Fall Sinkewitz zerstört die letzte zarte Illusion

Und - schlimmer noch - die Beichten ihrer dopenden Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid; Jörg Jaksches tiefergehende Enthüllungen über flächendeckende Manipulation in der Branche - auch bei Telekom: Das waren derart schwere Erschütterungen - ein sofortiger Rückzug des Sponsors wäre nachvollziehbar gewesen. Man hat sich anders entschieden. In der derart sensiblen Phase des Neubeginns sind schon kleine Störfälle wie der des entlassenen, weil auffälligen Profis Sergej Gontschar höchst unwillkommen. Aber die kann man immerhin als Beweis für ein funktionierendes internes Kontrollnetz verkaufen.

Der Fall Sinkewitz indes hat eine andere Dimension: Er ist nicht nur für T-Mobile der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Er zerstört mit brutaler Wucht etwas, was bis gestern vielleicht noch als zarte Illusion in manchem Hinterkopf herumgeisterte: die Hoffnung auf Besinnung, auf Besserung, auf einen - halbwegs - sauberen Radsport.

Appelle und Abschreckung treffen auf taube Ohren

Sinkewitz gehört mit 26 Jahren sicher nicht zur sogenannten neuen Generation, die angeblich nichts mehr mit den Praktiken ihrer Vorgänger zu tun haben will. Auch wenn er so dargestellt wurde, auch wenn er die Verpflichtungserklärung der Pro-Tour-Teams unterschrieben und damit mit einem Jahresgehalt für seine Sauberkeit gebürgt hat. Doch mit Sprudel allein ist er offenbar nicht gefahren.

Natürlich bemüht mancher jetzt wieder die Einzelfall-Theorie vom berühmten schwarzen Schaf. Doch die Herde grast immer noch auf den alten verseuchten Weiden. Appelle, Aufklärung, Abschreckung - bei zu allem entschlossenen Fahrern treffen sie auf taube Ohren. Die Doper haben immer noch leichtes Spiel. Erst seit Samstag werden die zur Dopingkontrolle bestimmten Fahrer bei der Tour von der Zielankunft bis zur Probenentnahme überwacht.

Verheerende Folgen für gesamten Hochleistungssport

Der Fall Sinkewitz ist zudem ein Schlag gegen das interne Kontrollsystem von T-Mobile. Wozu die Millionen, wenn es doch Schlupflöcher gibt? Die Affäre markiert aber auch das Ende der Geduld mit einer Branche, die - Ausnahmen bestätigen die Regel - partout nicht erkennen will, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Es geht nicht mehr um Einzelpersonen, es geht ums Ganze. Nicht nur um die Deutschland-Tour, die WM in Stuttgart, sondern um Sponsoren, die sich jetzt doch um ihr Image sorgen, um die gesamte Radsport-Förderung, um die Verbannung aus dem Olympischen Programm - ums Überleben.

Wenn sich der Ausstieg der öffentlich-rechtlichen als eine Grundsatzentscheidung herausstellt, dann könnten sich daraus verheerende Folgen für den gesamten Hochleistungssport ergeben. Die Radsport-Branche bietet anderen anfälligen Sportarten zwar derzeit viel Windschatten, um sich zu verstecken, aber was ist, wenn es bei den Olympischen Spielen in Peking den ersten Dopingfall - sagen wir in der Leichtathletik - gibt? Reisen die öffentlich-rechtlichen dann ab? Und was hätte das wiederum für Folgen? Vielleicht die, dass man sich künftig überlegt, ob TV-Gelder der Bürger in dubiosen Sportarten noch gut angelegt sind. Das wäre dann deren Ende. (Siehe auch: Die Tour im Fernsehen: Sat.1 steigt ab sofort aufs Rad)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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