Marathon nach Herz-OP

Strahlend auf Silberpapier ins Gebrodel

Von Issio Ehrich

29. Oktober 2007 Samstagnachmittag: Am 26. Frankfurt-Marathon teilnehmen zu können, sei schon ein tolles Gefühl, sagt Hartmut Maidorn. In seinem Wohnzimmer sitzt der begeisterte Läufer neben seiner Frau Andrea auf einer roten Couch. Die Laufschuhe liegen bereit, einen schmalen schwarzen Gürtel hat der 50 Jahre alte Krankenpfleger aus Buseck bei Gießen schon mit kohlehydrathaltigen Essensrationen bestückt. Seine Augen leuchten, und ein breites Grinsen zieht sich durch sein Gesicht. Noch vor einem halben Jahr war nicht abzusehen, ob Maidorn überhaupt jemals wieder laufen könnte. Das war vor seiner Herzoperation.

Dass er tatsächlich wie 11.244 andere Läufer die 42,195 Kilometer hat in Angriff nehmen und erleben können, dass der Kenianer Wilfried Kigen zwei Stunden, sieben Minuten und 58 Sekunden über die Ziellinie lief und zum dritten Mal hintereinander gewann – das ist somit großes Glück. Erst im April wurde ihm die Diagnose „Aortendissektion A“ gestellt: ein Riss in der Innenwand der Hauptschlagader – in der Nähe des Herzens.

„Ich habe diese Patienten sterben gesehen“

Als er die Bilder der Echokardiografie zum ersten Mal sah, sagte er sich: „Das ist nicht mein Herz.“ Als Krankenpfleger wusste er, was die Diagnose bedeutet. „Ich hab diese Patienten betreut, und ich habe sie sterben gesehen.“ Nur etwa die Hälfte der Betroffenen überlebt den notwendigen Eingriff unbeschadet.

Doch schon vor der Operation wusste Maidorn, dass er unbedingt wieder laufen will, wie seine Frau sagt. Seinen ersten Marathon lief Maidorn mit 45 Jahren. Er war das Ergebnis eines guten Vorsatzes zu Silvester. Von da an war er „infiziert“. In den vergangenen fünf Jahren nahm er an neun Marathonläufen teil, dreimal in Frankfurt. Das Besondere am Marathon in Frankfurt sei nach wie vor das Hochgefühl in der Festhalle: „Man läuft aus der grellen Sonne heraus – und dann in das Gebrodel.“ Dies ist für viele Teilnehmer der Höhepunkt des Laufs. Schließlich warten ihre Angehörigen, ausgestattet mit Plakaten, Spruchbändern und Rasseln im Zielraum. So lässt die Stimmung kaum nach, bis die letzten Teilnehmer am Nachmittag ankommen. Und in Halle 1, Ebene 2, zieht überdies die Sportartikelmesse „Marathonmall“ noch einmal 40.000 Besucher an.

Sohn als „Hase“

Sonntagmorgen: Maidorn will keineswegs als einer der letzten ins Ziel einlaufen: „Drei dreißig wär’ das Optimum“, sagt er. Um sich zu motivieren, hat er sich deshalb im „3:30 Block“ angemeldet. In dieser Startergruppe stehen Frauen und Männer, die allesamt erwarten, zwischen drei Stunden und drei Stunden und dreißig Minuten für die Strecke zu brauchen. Maidorns 28 Jahre alter Sohn Mischa ist dabei, als er sich auf den Weg macht. Mischa läuft vorweg und bestimmt auf den ersten Kilometern das Tempo. Fünf Minuten je Kilometer haben sie ausgemacht. Vor einiger Zeit waren die Rollen noch vertauscht: Bei Mischas erstem Marathon ist sein Vater für ihn gelaufen.

Seine Kondition hat sich Maidorn nach und nach wieder langsam aufbauen müssen. Fünf Wochen nach seiner Operation hat er mit dem regelmäßigen Lauftraining begonnen: „Jede Woche 30 Prozent mehr.“ Dies sei eine allgemeine Regel für die Vorbereitungen auf einen Marathon, sagt Maidorn, und daran habe auch er sich bei seiner Rehabilitation gehalten. Als Krankenpfleger wusste er, dass „gar nichts tun“ das Schlimmste bei kardiologischen Erkrankungen ist. Bei dem selbst zusammengestellten Trainingsplan hat er sich vor allem auf sein Gefühl verlassen.

Vornamen des Arzt und Freundes in der Medaille

Ohne dies wäre er womöglich schon Anfang des Jahres „einer der wenigen unerklärlichen Sporttoten“ gewesen, meint der Mann aus Mittelhessen. Als sich Maidorn im Februar nämlich für den Ironman in Roth vorbereitete, bemerkte er zum ersten Mal seine Herzrhythmusstörungen. „Hier stimmt was nicht, hier geht Leistung runter“, dachte er. Daraufhin befragte er seinen Bekannten Peter Kappes, der zusammen mit Maidorn am Universitätsklinikum Gießen arbeitet. Der Arzt Kappes, selbst Sportler, untersuchte ihn angesichts der unerklärlichen Leistungseinbrüche. „Beim Hausarzt wär' das gar nicht aufgefallen“, sagt Maidorn, denn die Diagnose der eher seltenen Aortendissektion gehört nicht zu den Standarduntersuchungen bei Herzrhythmusstörungen, wie er erklärt. Ihm selbst wären die Leistungseinbrüche gar nicht aufgefallen, wäre er nicht im Training gewesen, fügt er hinzu.

Sonntag, 13.32 Uhr: Die Siegerehrung von Kigen und Melanie Kraus ist schon vorbei. Dieter Baumann, 5.000-Meter-Olympiasieger von 1992, hat 30.000 Euro „eingelaufen“. Seine Sponsoren haben ihm versprochen, für jede Minute unter drei Stunden 1000 Euro für wohltätige Zwecke zu spenden. Der rote Teppich in der Festhalle ist übersät mit Silberpapier. Und nach genau drei Stunden, 32 Minuten und 58 Sekunden läuft Hartmut Maidorn in die Festhalle ein. Neben ihm seine Frau Andrea und sein Sohn Mischa. Maidorn strahlt über das ganze Gesicht und sieht kaum mitgenommen aus. „Ich muss nachsehen, ob ich meine Medaille graviert bekomme, mit dem Namen von Peter.“ Dem Freund und Arzt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Wonge Bergmann

 
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