Mountain-Bike

„Heute keine Doping-Kontrollen“

Von Anno Hecker und Ralf Meutgens

Gibt es dunkle Machenschaften im Mountain-Bike? Bei der deutschen Meisterschaft in Singen wurde es jedenfalls nicht kontrolliert

Gibt es dunkle Machenschaften im Mountain-Bike? Bei der deutschen Meisterschaft in Singen wurde es jedenfalls nicht kontrolliert

06. Oktober 2008 Dass Radsportler auf Doping-Kontrollen ganz gerne verzichten, kann man sich vorstellen. Dass sie welche fordern, ist schon überraschender. Aber nicht mehr so selten. Vor gut zehn Tagen war es wieder so weit. Fast vier Stunden lang hatten sich Mountainbiker rund um Singen über Stock und Stein gequält, bevor der Erste nach 106 Kilometern das Ziel erreichte und das übliche Prozedere erwartete: ankommen, absteigen, antreten, zur Kontrolle nämlich.

Es kam aber niemand. Und so fragten verdutzte Teamchefs und Rennfahrer nach einer Überprüfung, die der Leistung offiziell jedenfalls erst den letzten Gütestempel aufdrückt: sauber. Die Antwort gab’s dann für alle Irritierten vom Streckensprecher via Lautsprecher: „Heute keine Doping-Kontrollen.“

Eliterennen, nicht Kirmeswettbewerb

Unkontrollierte Mountain-Biker

Unkontrollierte Mountain-Biker

Das soll es 2008 hin und wieder gegeben haben bei Kirmesrennen in der Provinz. In Singen aber hatten sich nicht Möchtegern-Stars oder abgesattelte Profis zur Wettfahrt versammelt, sondern die Elite der deutschen Mountainbiker. Schließlich ging es um die höchste nationale Ehre, um die deutsche Meisterschaft in der Disziplin Marathon. Dafür hat schon manch einer zur verbotenen pharmakologischen Manipulation gegriffen.

Zuletzt überführten die Analytiker einen Medizinstudenten des Blutdopings mit dem verbotenen Medikament Erythropoietin. Ein Fall, der die Szene erregte, Teamkollegen maßlos enttäuschte, Freund und Feind in Wut versetzte. „Wir haben keine Tour-de-France-Mentalität im Mountainbike, keine Leute, die seit Jahrzehnten in einem Doping-System groß geworden sind“, sagt ein Teamchef. „Deswegen geht es bei uns zur Sache, wenn einer gedopt hat. Da wird kein Blatt vor den Mund genommen. Viele sind absolut gegen Doping. Die Leute in Singen haben sich aufgeregt, weil keine Kontrollen gemacht wurden.“

BDR fürchtet keine negative Außenwirkung

Dies hätte man vor dem Rennen erfahren können mit ein bisschen Beobachtungsgabe: Es gab, anders als sonst üblich, weder Hinweisschilder, die den Athleten den Weg zum Doping-Kontrollraum gewiesen hätten, noch die obligatorische Ansage über den Ablauf des Verfahrens. Zwar lassen sich clevere Doper wegen der Ankündigung selten während des Wettkampfes erwischen. Doch weil es immer wieder Verdachtsmomente gibt, zum Beispiel Berichte über leere Ampullen hinter Starthäuschen kurz vor einem Downhill-Rennen, wissen Fahnder wie saubere Athleten: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Der in Sachen Doping schwer gebeutelte Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sieht das anders. Mit Hinweis auf Experten und Medien, die nach Auffassung von Leistungssportdirektor Bremer Wettkampfkontrollen für erfolg- und wirkungslos halten, fürchtet der Verband keine negative Außenwirkung durch den Mangel in Singen.

Dopingkontrollen bei deutschen Meisterschaften sind nicht festgeschrieben

Mehr Sorgen scheint dem BDR indes die Ansage des Sprechers gemacht zu haben. Bremer empfand sie als unglücklich. Der BDR werde in Zukunft die Verantwortlichen genauer über die Informationsform bezüglich Doping-Kontrollen einweisen. Zudem zitierte der für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagene Funktionär das Anti-Doping-Reglement seines Verbandes: Demnach „sind Doping-Kontrollen nicht verbindlich bei deutschen Meisterschaften festgeschrieben“, schreibt Bremer auf Nachfrage.

Als Herr des Kontrollverfahrens für deutsche Rennen auf deutschem Boden hat der BDR zweifellos die freie Wahl, wann und wo er das existenzbedrohende Phänomen bekämpfen will.

Nada ist befremdet

Bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn stieß die Nachricht von der Kontrollfreiheit in Singen allerdings auf Befremden. Denn laut Nada-Kodex sind Wettkampfkontrollen bei deutschen Meisterschaften vorgeschrieben. Auch Ziffer 3 der BDR-Wettkampf-Regel wider das Doping lässt kaum Spielraum: „Die Doping-Kontrolle ist bei nachfolgenden nationalen Veranstaltungen grundsätzlich vorgeschrieben“, heißt es da. Dazu gehören auch „a) Deutsche Meisterschaften“.

Das scheint vor allem sinnvoll, wenn ein Verdacht begründet ist. In Singen fuhr einer mit, der schon mal positiv war.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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