01. Juni 2007 Gewonnen hat Luna Rossa schon. Wenn man das Interesse an modischen Kleidungsstücken und Accessoires im Fanshop sieht, dann liegt das italienische Segelsyndikat in Valencia ganz vorne. In Stoßzeiten reicht die Menschenschlange draußen am Quai des Yachthafens fast bis vor die Tür des amerikanischen Segel-Rivalen BMW Oracle Racing.
Sicherheitspersonal regelt den Eintritt ins Ladengeschäft, damit unter der konsumfreudigen Kundschaft kein Chaos ausbricht. Dass die Segelunternehmung eng mit einem bekannten Mailänder Modelabel verbunden ist, dürfte der Hauptgrund für die immense Nachfrage sein - Prada ist in, Prada ist cool.
150 Millionen Euro schwere Mega-Kampagne
Aus sportlicher Sicht können sich die italienischen Segler beim America's Cup noch nicht ganz als die großen Sieger fühlen, wenn sie auch die Herzen der Valencianer erobert haben. Nicht nur ihre Eleganz an Land, auch ihr mutiges und selbstbewusstes Auftreten auf dem Wasser haben der Mannschaft viele Sympathien eingebracht.
Zu welchen Leistungen die Crew fähig ist, musste dem letzten Zweifler aufgefallen sein, als die Männer der Luna Rossa im Halbfinale die mehr als 150 Millionen Euro schwere Mega-Kampagne von BMW Oracle Racing eiskalt abhängten. Von diesem Freitag an treffen die Italiener nun im Finale des Louis Vuitton Cup auf das Team New Zealand - wer zuerst fünf Siege für sich verbuchen kann, hat im Kampf um die silberne Trophäe das Recht auf die Herausforderung des Titelträgers Alinghi aus der Schweiz. Jetzt wollen wir alles, sagt Patrizio Bertelli, eigenwilliger Patron aus dem Prada-Clan, Teameigner, Geldgeber und gute Seele des Projekts in einem.
Der rote Mond geht wieder auf
Mit einem so forschen Comeback der Luna Rossa hatte in der Branche kaum jemand gerechnet. War Bertelli doch eigentlich nach zwei erfolglosen Versuchen, den America's Cup zu gewinnen, die Lust am High-Tech-Spiel vergangen. Am Italiener schien sich die tragische Geschichte eines anderen Dauerverlierers beim wichtigsten Segelwettbewerb der Welt zu wiederholen, des britischen Teemillionärs Sir Thomas Lipton, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts gar fünfmal leer ausging und sich im Alter deprimiert zurückzog.
Bertellis Crew scheiterte im Jahr 2000 vor Auckland im großen Finale an den Neuseeländern, die nun wieder Gegner sind. Drei Jahre später kam schon vorher das Aus. Bertelli hatte Millionen im Segeln versenkt, zudem liefen die Geschäfte der Prada-Holding miserabel. Zähneknirschend übergab er die Führung des kränkelnden Modeimperiums, und niemand wusste, welche Energie und Mittel er nun noch für seine größte Passion aufwenden wollte und könnte. Sein Weggefährte Francesco de Angelis, langjähriger Skipper seiner Boote, überredete den traurigen Modezaren jedoch zur Rückkehr und weckte neue Lebensgeister.
Der große Traum vom ersten italienischen Triumph beim America's Cup lebte wieder auf. Neben dem Geld des in der Öffentlichkeit zurückhaltenden, aber im kleinen Kreise auch mal explosiven Patrons fanden sich weitere Sponsoren aus der Wirtschaft, denen ein weiterer Versuch viel wert war. Der rote Mond geht wieder auf, titelten die Zeitungen. Den Namen Luna Rossa erfanden Bertelli und seine Ehefrau Miuccia Prada, Enkelin des Firmengründers, einst bei einem romantischen Abendessen am Meer.
Es könnte nicht besser laufen
Für die Aufgabe vor der Costa de Valencia scheint die Erfolgsformel gefunden zu sein. Das Design des Bootes ermöglicht hohes Tempo, das multinationale Team arbeitet als funktionierende Einheit, doch vor allem ergänzt sich diesmal die Führungscrew im Cockpit der Rennyacht besser als jemals zuvor. De Angelis, 46 Jahre alt und mit allen Regatta-Wassern gewaschen, oder der brasilianische Doppel-Olympiasieger und gewiefte Taktiker Torben Grael stehen für Erfahrung und die hohe Kunst der Strategie.
Mutig machten die Italiener den 27 Jahre alten James Spithill zum Steuermann, was sich als Glücksgriff erwiesen hat. Der junge Australier, dem das größte Talent bescheinigt wird, fällt auf durch ein hohes Maß an Intuition und eine aggressive Starttaktik, der zuletzt Chris Dickson, der erfahrene Skipper von BMW Oracle Racing, zum Opfer fiel. Es könnte nicht besser laufen, sagt Spithill, der Überflieger aus Sydney.
Die Sympathiebekunden reichen weit, und es gibt nicht wenige, die hoffen, das Boot unter italienischer Flagge könnte am Ende sogar als großer Sieger vor Valencia aufkreuzen. Ein America's Cup, veranstaltet in Italien, gäbe dem weißen Sport wohl weitere Impulse. Bei einer Testregatta 2005 vor dem letzten Zipfel Siziliens gaben sich Hunderttausende Fans an Land wie Fußball-Tifosi. Einen kleinen Vorgeschmack bieten auch die Pressluftfanfaren, die jedes Mal ertönen, wenn die Luna Rossa mittags Valencias Yachthafen zur Wettfahrt verlässt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS