Von Andrea Petkovic
06. September 2007 Keine Frage, das Fed-Cup-Team hält auch außerhalb des Platzes fest zusammen. Zum Beispiel traf sich die deutsche Tennisnationalmannschaft der Damen, bestehend aus Anna-Lena Grönefeld, Tatjana Malek und mir, in Stuttgart, um Tatjanas zwanzigsten Geburtstag zu zelebrieren. Nur Angelique Kerber fehlte – sie war zu diesem Zeitpunkt in Amerika und konnte nun wirklich nicht einfliegen. Es wurde ein rauschendes Fest und für mich eine rauschende Rückfahrt durch strömenden Regen und störende Dunkelheit, denn ich musste um 7 Uhr morgens meinen Flieger in Richtung Malaga bekommen. Auf dem Programm stand ein Besuch bei Klaus Hofsäss, der mich unter Qualen auf die anstehenden US Open vorbereiten sollte.
Gut, dass Fräulein Malek in Spanien mit mir die Berge hinaufstieg, Treppensprünge und Sprints im Sand absolvierte, Gewichte stemmte und vier Stunden am Tag Bälle kloppte, während Barbara Rittner uns genüsslich dabei zuschaute. Mit dabei war auch der Boxer Marco Huck, der am 10. November seinen ersten WM-Titelkampf hat – allerdings erschwerte seine Parfümwolke den Berglauf doch erheblich. Zehn Tage lang hielten die Qualen an, bevor ich endlich auf dem Weg über den großen Teich war, Endstation: New York. US Open.
Überraschung unter der Dusche
Ich war die Nummer eins in der Qualifikation, was bedeutete, dass jeden Moment jemand absagen konnte und ich ins Hauptfeld rutschen würde. Der Haken an der Sache war, dass niemand absagte, und das drei Tage lang. Dienstags ging die Qualifikation los, und als ich am Montag die Anlage verließ, hatte ich immer noch das Qualifikationsbadge um meinen Hals baumeln. Nichtsahnend stand ich gegen 8 Uhr unter der Dusche, als unser Telefon klingelte und der Engel am anderen Ende der Leitung meiner Zimmerkollegin Julia Görges mitteilte, dass ich ins Hauptfeld gerutscht sei. Ich war kurzzeitig gewillt, einen Freudensprung in der Dusche zu vollführen, dann wäre ich aber eher im Krankenhaus als im Hauptfeld gelandet.
Ich war also über Nacht zur Grand-Slam-Hauptfeldspielerin mutiert und konnte mich weitere sieben Tage meinem Training und dem Tischfußball in der Players Lounge widmen. Selbst in fernen Ländern wie den Vereinigten Staaten findet sich immer eine Jugo-Mafia“ zusammen, die den Laden ein bisschen aufmischt. In diesem Fall bestand sie aus Novak Nole“ Djokovic, Ana die Schöne“ Ivanovic, meiner Wenigkeit (die nur halb zählt wegen deutscher Staatsbürgerschaft) und Ilija Bozoljac (der dafür doppelt zählt, wegen seiner Verrücktheit). So ergab sich ein legendärer Kampf am Kicker, den Ilija und ich glorreich für uns entschieden, während Ana und Nole weinend in der Ecke sitzen blieben. Die Tennis-Davids hatten gegen die Tennis-Goliaths im Tischfußball gesiegt und somit ging der Wetteinsatz von einem Abendessen auf unser Konto, das allerdings immer noch aussteht.
Eine Nachricht von Jeff Goldblum
Während dieser ganzen Zeit belästigte mich in unserem pompösen Hotel ein – meiner Meinung nach – alter Mann um die 50, der ständig mit mir zum Broadway wollte, mich zum Essen einlud und mir – meiner Meinung nach – nur Stuss erzählte. Er faselte nonstop von irgendwelchen Shows, bei denen er auftritt, von den Filmen, die er promotet, und von Pressekonferenzen, die er gibt. Ich war vollkommen überzeugt, dass es eine ganz linke Masche dieses Menschen war. Zumal er mir seine Zimmernummer mit 3512 angab, obwohl doch unser Hotel nur 22 Etagen besaß. Das erzählte ich auch prompt Barbara Rittner und Tatjana Malek, als diese in New York auftauchten. Am selben Tag hatte mir der Mensch eine Nachricht im Hotelzimmer hinterlassen, die folgendes besagte: Hi Andrea, this is Jeff Goldblum speaking, J-E-F-F G-O-L-D-B-L-U-M . . . “
Ich gebe zu, in diesem Moment kam mir der Name sogar bekannt vor, aber ich machte mir keine weiteren Gedanken und löschte die Nachricht. Als ich jedoch am nächsten Morgen Barbara Rittner den Namen mitteilte, geriet sie aus dem Häuschen. Ich hatte doch tatsächlich einen richtigen Hollywoodstar an der Angel, der die Hauptrollen in Jurassic Park und Independence Day gespielt hatte. Die Geschichten der Pressekonferenzen, Filme und Talkshows waren nicht erfunden, und die Zimmernummer war auch keine Zimmernummer, sondern die Bezifferung seiner Suite. Weil ich nicht in der nächsten Gala“ landen wollte, begann ich mich mehr oder minder erfolgreich zu verstecken.
In New York stinkt es immer nach Essen
Inzwischen hatte ich mich in der Players Lounge auch an den herumgockelnden Andy Roddick, den die Unterhose aus dem Hintern ziehenden Rafael Nadal, die omnipräsenten Williams-Sisters, die Diva Maria Sharapova und natürlich den überragenden Roger Federer gewöhnt. Somit stand meinem eigenen Tennis eigentlich nichts mehr im Wege – dachte ich. Von meinem Erstrundenmatch hing so einiges ab, und weil ich zum Dramatisieren neige, hing für mich meine ganze Karriere von diesem Match ab. Die kommende Woche hatte ich auf dem Weltranglistenkonto fünfzig Punkte zu verteidigen, und das hieß übersetzt: Gewinne ich meine erste Runde, stehe ich das erste Mal in meinem Leben unter den ersten 100 Tennisspielerinnen der Welt. Verliere ich meine erste Runde, falle ich zurück auf 150.
Es war zum Haareraufen, nicht nur die ganze Situation an sich, sondern auch mein Spiel an diesem bedeutenden Tag. Die Glücksfee hatte auf meiner Seite gestanden und mir mit der bloß auf Position 367 notierten amerikanischen Wildcard-Inhaberin Audra Cohen ein dankbares Los zugeteilt. Das allerdings steigerte natürlich nicht nur meine eigenen Erwartungen, sondern auch die meines Umfelds. Der Druck wuchs, und der schlimmste Gegner, der einem gegenüberstehen kann, ist man bekanntlich selbst. Somit kämpfte ich gleich gegen zwei Oppositionsparteien an. Als jedoch die anfängliche Nervosität überstanden war, lockerte sich das Händchen und das Endergebnis ließ nicht zu wünschen übrig: 6:4, 6:1.
Ich wollte, dass es weitergeht
Viele fragen mich nach den Unterschieden zwischen den French Open und den US Open. Nun, in New York stinkt es immer nach Essen – vorwiegend nach Knoblauch – es ist laut, hektisch, und man denkt, jeden Moment lande ein Flugzeug auf dem Platz, obwohl diese zur Zeit der US Open angeblich umgeleitet werden. Dennoch bin ich überzeugter US-Open-Fan.
Meine nächste Gegnerin war die Linkshänderin Lucie Safarova. Ich hatte meine Pflicht schon getan, aber ich wollte, dass es weitergeht. Um es kurz zu machen, ich verlor, und zwar absolut chancenlos. Sie schlug den Aufschlag härter als ich, die Grundschläge ebenso, und vor allem bewegte sie sich besser als ich. 3:6, 3:6 hieß das Endergebnis, aber ich fühlte mich, als hätte ich nicht ein einziges Spiel gemacht.
Zwar steht Lucie Safarova an Position zwanzig der Weltrangliste, ich nur an 102, und das Ergebnis war somit vollkommen verständlich, aber mein Endziel ist nun einmal nicht, an Position 102 zu stehen und gegen Topspielerinnen regelmäßig chancenlos zu bleiben.
Von Position 397 auf Rang 87
Ich werde in ein paar Tagen, am Finaltag der US Open, 20 Jahre alt. Seit einem Jahr bin ich nun auf der Tennistour und habe mir ein weiteres Jahr Zeit gegeben, um mich endgültig für oder gegen Tennis zu entscheiden. Meine Entscheidung hängt dann nicht von meiner Ranglistenposition ab, sondern davon, ob ich gegen die Topspielerinnen eine Chance habe oder nicht. Es heißt, wenn man mit 20 Jahren den Durchbruch noch nicht geschafft habe, dann schaffe man ihn nie. Es heißt, dass ich noch weit von irgendwelchen Höhenflügen entfernt sei. Ich weiß das, und man kann mir gerne glauben, dass ich genau diese Gedanken nach jedem verlorenen Match habe.
Ich weiß nicht, ob ich genug Talent habe, um es unter die besten 50 Spielerinnen zu schaffen. Ich weiß einfach nicht, ob ich es jemals schaffen werde. Aber immerhin weiß ich sicher, dass ich den nötigen Willen und Biss dazu habe, und das ist auch schon viel wert. Nach meinem Abitur im vergangenen Jahr stand ich auf Weltranglistenposition 397. Nach den US Open werde ich um die 87 stehen. Wenn es im kommenden Jahr so weitergeht, dann habe ich nichts dagegen – und falls nicht, dann werden Sie im nächsten Jahr um diese Zeit den letzten Artikel von mir zu lesen bekommen. Hey, das ist doch auch was.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, ap, dpa
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