Im Gespräch: Balian Buschbaum

„Ich kam mir vor wie ein Pitbull“

21. September 2008 Balian Buschbaum hieß noch vor einem Jahr Yvonne Buschbaum. Sie war wohl die talentierteste deutsche Stabhochspringerin, wurde Junioren-Europameisterin und EM-Dritte, bevor Verletzungen sie bremsten. Um das „Leben im falschen Körper“ hinter sich zu lassen, entschloss sie sich zu einer Geschlechtsumwandlung. Seit 2007 bekommt Balian alle zwei Wochen Testosteron. Weil das Sexualhormon auch ein Dopingmittel ist, musste Buschbaum die Karriere beenden. Trotz der Trainingsreduzierung ist die Leistungsfähigkeit gestiegen, schildert Buschbaum die Wirkung von Testosteron im ersten Erfahrungsbericht einer früheren Spitzensportlerin. (siehe auch Audio-Slideshow: Audio-Slideshow: Balian Buschbaum über Erfahrungen mit Testosteron)

Sie erhalten das männliche Sexualhormon Testosteron, in Athletenkreisen ein gängiges Doping-Mittel. Welche körperlichen Veränderungen spüren Sie?

Am Anfang habe ich gemerkt, dass die Muskeln wie von alleine wachsen. Meine Stimme hat sich verändert. Ich war im Stimmbruch und habe die lang ersehnten Barthaare bekommen.

Wann hat die Behandlung begonnen?

Am 20. Dezember vergangenen Jahres bekam ich die erste Spritze. Mir war klar, dass sich drastisch etwas verändern wird. Aber in dem Maße, wie es dann kam, hätte ich das nicht erwartet.

Wann haben Sie die Veränderungen gespürt?

Ich spürte direkt nach der ersten Injektion mehr Energie in meinem Körper. Da kann natürlich auch die Psyche mitspielen. Dennoch hatte und habe ich nach jeder Spritze das Bedürfnis, sofort trainieren zu müssen, um die vermehrte Zündung in meinem Körper abzuarbeiten und zu befreien.

Sie mussten trainieren?

Ja, ich habe direkt das Gefühl gehabt, etwas loswerden zu müssen. Man wird wohl aggressiv, wenn man dieses Gefühl unterdrückt. Testosteron hat ja das Potential, aggressiv zu machen.

Sie haben sich vom Leistungssport zurückgezogen. In welchem Umfang trainieren Sie nun?

Etwa ein Drittel von dem, was ich zu meiner aktiven Zeit gemacht habe. Ich bin zwar fast jeden Tag in der Halle, weil ich die Trainerlaufbahn einschlagen will, kann daher zum Beispiel auch das Krafttraining immer ein wenig mitmachen. Wenn allerdings Schnelligkeitsarbeit auf dem Plan steht, muss ich mich auf die Bewegungen meiner Athletinnen konzentrieren. Trotz meines nachlassenden Trainings bin ich besser geworden.

Wie stellen Sie das fest?

Ich kann Stäbe springen, die ich früher niemals springen konnte.

Härtere Stäbe?

Ja, und längere. Man braucht mehr Schnelligkeit und Kraft, um mit solchen Stäben springen zu können. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass ich mit konstantem Training den Weltrekord der Frauen brechen könnte (5,04 Meter).

Was wiegen Sie jetzt?

Früher hatte ich ein Wettkampfgewicht von 55 bis 57 Kilogramm. Heute wiege ich 65 bei einer Körpergröße von 1,71 Meter. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich auch heute noch nicht am Ende meiner Entwicklung angekommen bin. Die Ärzte sagen, dass sich im ersten halben Jahr die größte Veränderung ergibt. In den weiteren zwei Jahren entwickelt sich der Körper aber immer noch weiter. Das Internationale Olympische Komitee hat zum Beispiel 2003 ein Gesetz für transsexuelle Sportler aufgesetzt, das ihnen erlaubt, nach zwei Jahren der Hormoneinnahme und vollendeter Operation an Olympischen Spielen teilzunehmen. Erst dann wäre ein körperlicher Wettkampf sinnvoll und gerecht.

Können Sie Ihre Leistungsverbesserungen quantifizieren?

Interessant ist es beim Sprinttraining. Ich war früher schon nicht gerade langsam, habe aber sehr hart für meine Schnelligkeit trainiert. Jetzt habe ich monatelang kein spezifisches Training absolviert und bin doch schneller.

Wie schnell?

Wir haben die Zeiten nicht gestoppt. Ich nehme meine verbesserte Sprintfähigkeit an meiner gesteigerten Beinkraft wahr. Auch mein Trainer sagt, dass man die Steigerung mit bloßem Auge sieht. Ich habe auch bemerkt, dass ich wesentlich mehr trainieren kann. Früher war ich nach zwei Einheiten am Tag platt. Heute kann ich fast das Doppelte trainieren und fühle mich noch immer frisch wie nach einem Dauerlauf.

Sie regenerieren unter dem Einsatz von Testosteron schneller?

Erheblich schneller. Auch das Verletzungsrisiko ist wesentlich geringer, weil die Erholung besser ist.

Können Sie an der Hantel oder beim Krafttraining Steigerungen feststellen?

Ich hatte beim Bankdrücken eine Bestleistung von 75 Kilo bei 57 Kilo Körpergewicht. Jetzt drücke ich locker 90 Kilo. Auch diese Zahl steigert sich von Woche zu Woche, obwohl sich mein Körpergewicht so langsam einpendelt.

Wie sieht es mit der Ausdauer aus?

Ich behaupte, dass Testosteron auch der Verbesserung meiner Ausdauer dient. Vielleicht nicht primär, da es eher die Kraft aufbaut. Dennoch merke ich, dass ich Tempoläufe besser wegstecke und vor allem länger und schneller joggen kann als vorher.

Was laufen Sie dann?

Wir absolvieren beispielsweise im Training Tempoläufe über eine maximale Distanz von bis zu 250 Metern. Früher habe ich nach fünf Läufen gesagt: Ich bin übersäuert und kriege keinen Fuß mehr vor den anderen. Heute stecke ich zehn mit links weg. Früher waren meine Beine am nächsten Morgen fest, und ich brauchte zwei Tage für die Regeneration. Heute stehe ich am nächsten Morgen auf und könnte das gleiche Programm wieder trainieren.

Deutsche und ausländische Männer-Stabhochsprunggrößen behaupten, Doping würde nichts bringen, weil Mittel wie Testosteron den komplizierten Bewegungsablauf stören. Können Sie das bestätigen?

Tatsächlich gibt es motorische Veränderungen. Der Körper braucht Zeit, sich darauf einzustellen. Ich kam am Anfang mit der ganzen Kraft meines Körpers nicht zurecht. Ich kam mir vor wie ein Pitbull, der überzüchtet ist. Die Muskelspannung ist eine ganz andere, die es zu beherrschen gilt.

Kann man sich darauf einstellen?

Ja. Ich habe sechs oder acht Wochen gebraucht, um zu realisieren, dass ich meinen Schritt nicht mehr 1,90 Meter setzen muss, sondern nun 2,10 Meter. Wenn man das auf 100 Meter hochrechnet, dann sind vielleicht auch Zeiten wie der neue Sprint-Weltrekord erklärbar.

Doperinnen, so heißt es in der Szene, nehmen in den Doping-Phasen 100 mg alle zehn Tage. Wie hoch ist Ihre Testosteron-Dosierung?

Ich bekomme alle zwei Wochen von meinem Endokrinologen ein Testosteron-Depot von 250 Milligramm zu 1 Milliliter gespritzt. Der Wirkstoff ist Testosteronenantat zur Androgentherapie und wird intramuskulär gespritzt. Ich habe anfangs alle drei Wochen eine Testosteron-Spritze bekommen, um den Körper langsam daran zu gewöhnen. Nach der Operation werde ich zu einer Drei-Monats-Spritze wechseln, die dementsprechend höher angesetzt wird.

Exogen zugeführtes Testosteron kann erhebliche Nebenwirkungen verursachen. Haben Sie keine Angst?

Schädliche Nebenwirkungen entstehen nur dann, wenn ein Hobbybastler sich an einen Porsche ranmacht. Ich würde mir Testosteron nie wie manch ein Bodybuilder illegal spritzen. Angst habe ich keine, denn ich stehe unter ärztlicher Kontrolle. Meine Blutwerte werden ständig kontrollier

Spüren Sie noch andere Nebenwirkungen?

Mein Unterhautfettgewebe ist eindeutig zurückgegangen. Mein Stoffwechsel hat sich verbessert. Daher verbrenne ich mehr und schneller. Das wirkt sich auf den Appetit und auch auf mein Trinkverhalten aus. Meine Psyche hat sich verändert. Ich hatte vor der Hormonbehandlung mehr Verständnis für die Frauen. Ich hatte mehr Auswahl an meinen Gefühlen, und ich vernahm eine Vielschichtigkeit, die mehr in die Tiefe ging als heute. Um die Frauen zu verstehen, muss man oftmals hinter die Fassade blicken. Wenn sie zu etwas „ja“ sagen, dann meinen sie es ganz oft nicht so. Dies ist aber ein wesentlich komplexeres Thema, welches den Rahmen hier sprengen würde. Kurzum: Testosteron trägt nicht gerade dazu bei, das Verständnis zwischen Frauen und Männern zu verbessern.

Wird man direkter?

Ja, eindeutig. Denken und was anderes zu sagen erschienen mir schon immer unlogisch und ist eine Art Zeitverschwendung.

Haben Sie mit den Erfahrungen der Testosteron-Einnahme nun einen anderen Blick auf die Leichtathletik-Szene?

Ich habe während der Olympischen Spiele den Fernseher eingeschaltet und sah viele kleine Balians umherlaufen. Sie sprinteten, sprangen und schwammen von einer Weltrekordmarke zur nächsten. Dabei ist es ganz egal, ob sie nun männlich oder weiblich sind. Es gibt lediglich einen Unterschied zwischen ihnen und mir: Die Sportler dopen, und ich erfülle mir einen Lebenstraum. Während meiner Karriere hatte ich meistens einen Tunnelblick. Jetzt, wo ich langsam dahinterschaue, denke ich mir: Da hätte ich schon viel früher aufwachen müssen. Ein erstaunliches Erlebnis hatten wir im April vergangenen Jahres: Wir waren an der Algarve im Trainingslager. Dort waren auch zeitgleich die russischen Athleten. Nach dem Essen standen wir im Aufzug. Hinter uns hörten wir zwei männliche russische Stimmen. Als wir aus dem Aufzug ausstiegen, haben wir uns umgedreht und uns doch sehr gewundert, dass das zwei Frauen waren. Eine davon ist vor Peking gesperrt worden. Jelena Sobolewa war Weltmeisterin in Valencia über 1500 Meter und hat dort sogar einen neuen Weltrekord aufgestellt.

In den vergangenen sechs oder sieben Jahren waren Sie immer mit Topathleten zusammen. Haben Sie da öfter Veränderungen festgestellt, wie Sie sie jetzt an sich bemerken?

Ich wurde 1999 Junioren-Europameisterin in Riga. Dort sprang auch ein kleines süßes Mädchen mit. Sie war etwas pummelig. Aber jeder dachte: Aus der könnte was werden, wenn sie etwas härtere Stäbe springen würde. Ein halbes Jahr später habe ich sie kaum wiedererkannt und habe mich selber gefragt, in welchen Wundertrank sie gefallen war. Ich sah in ein verändertes, männlich wirkendes Gesicht. Sie hatte keine Fettpölsterchen und kaum noch Unterhautfettgewebe. Da war nichts mehr von einem Mädchen zu sehen.

Vielleicht ist sie in einem halben Jahr zur Dame gereift?

Zur Dame wird man aber nicht, indem das Unterhautfettgewebe verschwindet. Eher im Gegenteil. Solange man aber keine eindeutigen Beweise hat, kommen auch die schwarzen Schafe mit ihrer Farbe davon.

Ist Ihnen auch in Deutschland jemand so aufgefallen?

Eigentlich nicht. Für den Frauenstabhochsprung würde ich fast meine Hand ins Feuer legen. Bei den Männern sieht das schon wieder anders aus. Da gibt es das ein oder andere Gerücht. In Deutschland ist es aber mittlerweile auf jeden Fall sehr schwer geworden zu dopen. Das sieht in Jamaika oder Russland sicher anders aus.

Wie reagieren Athleten, die Sie für sauber halten, auf die Problematik?

Ich habe mich mit einer Olympiastarterin unterhalten. Sie ärgert sich maßlos, dass einige Konkurrentinnen konstant 4,70 Meter springen können, egal, ob sie gerade einen Flug oder eine 10-stündige Autofahrt auf dem engen Rücksitz hinter sich haben. Sie stellt sich die Frage, was sie falsch macht!

Sind Sie vor der Testosteron-Vergabe mit Doping-Mitteln in Kontakt gekommen?

Auf mich ist niemand zugekommen. Auch bei anderen deutschen Stabhochspringerinnen hätte sich das rumgesprochen. Ich glaube, dass wir zu ehrlich sind.

Alle oder nur die Stabhochspringerinnen?

Begrenzen wir es mal auf die Stabhochspringerinnen. Die anderen kenne ich nicht gut genug. Wir haben uns jedes Wochenende gesehen. Da lernt man, den Charakter der Konkurrentinnen einzuschätzen.

Was sagen Ihre früheren Kolleginnen, wenn Sie ihnen im gemeinsamen Training begegnen?

Die anderen Athleten sagen mir: ,Lass die Bombe platzen!‘ Ich finde es nur schade, dass insgesamt im deutschen Sport die Courage dazu fehlt. Jeder sagt: ,Solange keine Beweise auf dem Tisch liegen, kann niemand was tun.‘ Ich denke aber schon, dass jeder seine Zweifel äußern darf und äußern sollte.

Ist das so einfach?

Sicher ist es gefährlich, ohne gerichtsfeste Beweise Namen zu nennen. Dann hat man direkt Klagen am Hals. Aber das, was Anna Battke in Valencia gemacht hat, war vorbildlich. (Battke hatte sich „Stop Doping“ und ähnliche Slogans auf die Haut gemalt, siehe: Anna Battke: „Ich kann keine Namen nennen“) Sie hat niemanden persönlich angeprangert, aber Zweifel in den Raum gestellt. So kann man die Doper angehen, sie verunsichern und aller Welt mitteilen: ,Leute, so geht es nicht weiter.‘

Haben Sie ein Fünkchen Verständnis für Sportler, die zu Dopingm itteln greifen?

Ich habe mit einem Arzt aus Frankfurt über meine Entwicklung gesprochen. Er hat einige Griechinnen, die zu ihm reisen, weil er viel Erfahrung auf dem Gebiet der Achillessehnen hat. Eine hat ihm ihre Lebenssituation erklärt und ihm gebeichtet, dass sie gedopt hat. Sie erklären ihm: Sport ist meine einzige Chance, aus meinen armen Verhältnissen rauszukommen. Wenn ich was nehme, laufe ich 1:56 Minuten, wenn nicht, dann laufe ich 2:07. Da wurde ihm klar, dass sie so ihr Leben finanzieren. Das wird bei den Russinnen ähnlich sein.

Kann man mit Ihrer Erfahrung Sport überhaupt noch mit Begeisterung verfolgen?

Ich stelle mir die Frage, warum ein Goldfisch in Amerika auf einem militärischen Übungsplatz seine Trainingsstätte aufbaut, wenn kein Doping-Fahnder dieser Welt diesen ohne Genehmigung betreten darf. Ich werde wütend über die Tatsache, dass der Olympia-Dealer Angel Heredia voraussagt, dass es keinen Sprinter im olympischen Finale geben wird, der nicht dopt. Die Welt muss erwachen und etwas gegen dieses Schauspiel tun. Sonst werden wir bei den Olympischen Spielen 2028 gezüchtete Roboter anfeuern.

Sie wollen Trainer werden. Wo werden Sie Ihren Antidoping-Kampf beginnen?

Bei den Kindern. Man muss sie davon überzeugen, dass man auch ohne Doping mit dem Stab fünf Meter hoch springen kann. Das ist die Grundlage, dass ich überhaupt motiviert sein kann. Gleichzeitig muss man den Jugendlichen auf jeden Fall vermitteln, dass man Leistungsgrenzen anerkennen muss, die körperlich vorgegeben sind.

“Ich denke schon, dass jeder seine Zweifel äußern darf und sollte“
„Ich denke schon, dass jeder seine Zweifel äußern darf und sollte”

Das Gespräch führten Anno Hecker und Daniel Meuren



Text: F.A.S.
Bildmaterial: FAZ.NET, Frank Röth, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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