Von Marc Heinrich
20. Februar 2008 Sie hielten es lange aus auf dem Eis und spielten den anständigen Verlierer. Aufgereiht an der blauen Linie, sahen die Spieler der Lions zu, wie wenige Meter entfernt Vorbereitungen zur Pokalübergabe ihren Lauf nahmen. Doch als sie nach Minuten des Wartens endlich die silberne Medaille für den zweiten Platz in diesem Endspiel um den Hals baumeln hatten, suchten die Frankfurter Eishockeyprofis im Wellblechpalast lieber das Weite: Den ausgelassenen Berlinern bei ihren Späßen mit dem goldig glänzenden Cup zuzuschauen – das musste dann doch nicht sein. Mit 2:3 Toren (0:1, 1:0, 1:2) hatten die Löwen in einem packenden Finale das schlechtere Ende für sich.
Und was noch schwerer wog: Sie verloren Jason Marshall. Ihr routiniertester Verteidiger erlebte den Ausgang des hitzigen Schlagabtauschs mit den Eisbären nur im Krankenhaus, nachdem er Mitte des ersten Drittels Opfer einer überharten Attacke seines Hintermanns Florian Busch wurde. Der Kanadier zog sich, soweit das in dem von Prellungen übersäten Gesicht bei ersten Diagnosen festgestellt werden konnte, einen doppelten Nasenbeinbruch und mehrere tiefe Schnittwunden rund um die Augen zu. Manager Dwayne Norris sprach später davon, dass Marshall Glück gehabt habe, dass ihm nicht das Genick gebrochen wurde“.
Es ist mein Job, Verteidiger zusammenzufahren
Am Donnerstagmittag konnte der Abwehrhüne, der ausgerechnet an diesem Freitag seinen 37. Geburtstag feiert, nicht mit der Mannschaft in die Heimat zurückfliegen; die Ärzte hielten es nicht für ratsam, ihn in seinem Zustand den Druckschwankungen an Bord auszusetzen. Marshall wird für mehrere Wochen ausfallen, in dieser Saison spielt er wohl nicht mehr“, sagte Norris. Der Mann mit der Nummer sieben, der erst vor etwas mehr als anderthalb Jahren auf seine alten Tage aus Übersee nach Europa übersiedelte, erlitt als Berufsanfänger bereits eine schwere Gehirnerschütterung, die sein Fortkommen als Profi lange in Frage stellte. Er erholte sich seinerzeit nach wochenlanger Pause von dem Zwischenfall, doch wie gravierend sich der Angriff von Busch auswirkt, werden erst die kommenden Tage zeigen, wenn er in Frankfurt untersucht wurde“, sagte Norris. Er kündigte an, ein Video an die Deutsche Eishockey Liga zu schicken, damit diese Busch für eine lange Zeit aus dem Verkehr zieht“.
Anfang Januar hatten die Eisbären auf ähnliche Weise eine Zwei-Spiele-Sperre gegen Michael Bresagk erwirkt, weil dieser den Berliner Alexander Weiß bei einem Zweikampf verletzt hatte. Busch, der eine Spieldauerdisziplinarstrafe erhielt, entschuldigte sich für seine Aktion: Es war keine Absicht. Es ist mein Job, gegnerische Verteidiger zusammenzufahren. Aber er hat sich in letzter Sekunde weggedreht, da konnte ich nicht mehr abbremsen.“ Lasse Kopitz, der ein Verteidiger-Paar mit Marshall bildet, wirkte entsetzt über die Aktion, bei der jede Menge Blut floss, das mit Schippen vom Eis gekratzt werden musste: Wir sind in Gedanken bei Marshall und hoffen, dass er wieder ganz der Alte wird.“
Mein Herzmuskel ist gehopst
Dass sich beide Teams in ihrer ersten Pokal-Finalteilnahme nichts schenken würden, zeichnete sich früh ab, wobei wenig auf eine derartige Eskalation hindeutete. Mein Herzmuskel ist gehopst, das war kein Abend für schwache Nerven“, meinte der Berliner Assistenztrainer Hartmut Nickel salopp. Der frühere DDR-Rekordmeister gewann glücklich, weil er durch Treffer von Brandon Smith (3. Minute), Richard Müller (50.) und Jens Baxmann (51.) seine Einschussmöglichkeiten konsequenter nutzte als die entscheidend geschwächten Löwen, für die Simon Danner (29.) und Chris Taylor (56.) trafen. Bei einer besseren Chancenauswertung im Mittelabschnitt und gegen Ende, als Jason Young und Jay Henderson jeweils als Solisten scheiterten, wäre der Pott“ wohl in Frankfurter Besitz übergegangen.
Dass ihnen der Erfolg in diesem Wettbewerb einiges bedeutete, bewiesen die Eisbären mit ihrer nächtlichen Party auf dem Eis: Wie bei den Meisterschaften 2005 und 2006 wurde die Trophäe vor den 5000 tosenden Fans im Sportforum immer wieder im Konfettiregen genüsslich in die Höhe gestemmt. Die Lions, die sich längst in die Kabine zurückgezogen hatten, bekamen von dem Trubel nichts mit. Auf Initiative von Kapitän Jason Young hat sich die Mannschaft diesmal in der Hauptstadt im Regierungsviertel einquartiert, wo sich das Team zu später Stunde mit einigen Freunden und Sponsoren zum Abendessen traf. Richtige Stimmung kam nicht auf. Schon an diesem Freitag steht mit dem Derby gegen Mannheim ein weiteres wichtiges Match auf dem Programm.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa