20. Dezember 2006 Jan Ullrich trainiert wieder, seit einigen Wochen, derzeit angeblich auf dem Mountainbike in seiner Schweizer Wahlheimat. Er habe eine richtige Durststrecke“ überwunden, sagt sein Manager Wolfgang Strohband. Er will damit sagen: Der Radprofi Ullrich, der in das spanische Dopingnetz verstrickt gewesen sein soll und deswegen von dem Bonner Rennstall T-Mobile die Kündigung erhielt, möchte wieder seinem Beruf nachgehen.
Trotz des schweren Verdachts, der immer noch auf ihm lastet. Er basiert auf Indizien, die bei der Operacion Puerto“ in Spanien aufgetaucht sind – Ullrich soll demnach Kunde des umstrittenen Mediziners Eufemiano Fuentes gewesen sein, der Athleten unter anderem mit Blutkonserven versorgt haben soll. Die Ermittlungen der Behörden gestalten sich aber als sehr schwierig – mit der Folge, daß der für Ullrich zuständige Schweizer Radsportverband (Swiss Cycling) keine Handhabe gegen den Rostocker sieht. Am Mittwoch bestätigte Lorenz Schläfli, der Geschäftsführer von Swiss Cycling, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, daß der Fall für die Schweizer erledigt sei. Swiss Cycling will die Unterlagen, die zur Causa Ullrich aus Spanien eingetroffen sind, Mitte Januar an die Disziplinarkammer für Dopingfälle von Swiss Olympic übergeben. Mit der Empfehlung, so Schläfli, kein Verfahren gegen Ullrich zu eröffnen.
Wo sind die Papiere?
Monatelang hatten die Schweizer immer wieder Papiere aus Spanien gefordert – was sie bekamen, dürfen sie aber laut Anordnung des spanischen Untersuchungsrichters nicht benutzen. Da kann man gar nichts machen“, sagte Schläfli ernüchtert, alles sei Makulatur, wir sind chancenlos“. Er macht aus seiner Enttäuschung über das Procedere keinen Hehl. Vor allem klagt er über die Nichtzusammenarbeit“ mit den Spaniern, die ihre Entdeckungen bei dem früheren Gynäkologen Fuentes auch viel zu früh publiziert hätten.
Daß aus Spanien in der Affäre Fuentes, die den Radsport im ablaufenden Jahr schwer erschütterte, doch noch verwertbare Informationen kommen könnten, bezweifelt Schläfli. Er sei sehr pessimistisch. Der Schweizer sprach am Mittwoch auch generell von einer völligen Machtlosigkeit“ in dieser Angelegenheit. Für den Radsport ist das eine Katastrophe“. Zumal sich, so Schläfli, in der Öffentlichkeit dieser Eindruck verfestigt habe: Sie dopen alle, und niemand kann etwas machen.“
Front gegen die Amerikaner
Auch gegen den Italiener Ivan Basso, der wie Ullrich von der Tour de France 2006 ausgeschlossen worden war, wurde keine Anklage erhoben. Mittlerweile unterschrieb Basso einen Vertrag bei dem amerikanischen Team Discovery Channel – weswegen die Vereinigung der Profimannschaften Discovery Channel nun wegen eines Verstoßes gegen den Ethik-Code ausschließen will.
Trotz dieser Front gegen die Amerikaner verhandelt Ullrichs Management weiterhin auch mit ProTour-Teams wegen eines möglichen Comebacks des Tour-Siegers von 1997. Wir haben keine Probleme damit“, behauptet Strohband. Und angeblich auch damit nicht, für Ullrich eine Fahrerlizenz für die kommende Saison zu lösen. Die Gespräche mit den Interessenten seien vorläufig jedoch ausgesetzt, sagte Strohband, im Januar reden wir weiter“.
Nichts als Vermutungen“
Ullrich hatte stets seine Unschuld beteuert. Er hatte aber auch stets eine DNA-Analyse abgelehnt, die zeigen könnte, ob das bei Fuentes sichergestellte Blut auch von ihm stammt. Vor kurzem hatte Ullrich in einem Interview betont, daß er auf alle Fälle mindestens noch eine Saison als Profi bestreiten wolle. Er habe sich vor einiger Zeit gesagt, erzählte er dabei, daß ich so nicht weitermachen kann, daß ich kämpfen muß“. Weiter sagte Ullrich: Ich möchte herausschreien, daß alles, was über mich gesagt wurde, Lügen sind.“
Auch Strohband sagte, daß die Vorwürfe gegen seinen Mandanten völlig übertrieben“ gewesen seien. Schließlich habe es nichts als Vermutungen gegeben. Die Fans“, das will Strohband ebenfalls festgestellt haben, wollen mit diesem ganzen Mist nichts zu tun haben“ – er glaubt zu wissen, daß das Gros von ihnen Ullrich wieder auf dem Fahrradsattel sehen möchte. Und verweist dabei auf eine Seite im Internet, deren Betreiber sich unter der Überschrift Freie Fahrt für Ulle“ für den 33 Jahre alten Profi stark machen. Ullrich, heißt es, sei sogar dabei, neue Sponsoren zu gewinnen. Forsch sagt Strohband, als wäre der Ruf seines Mandanten unbefleckt: Die setzen auf den Werbeträger Ullrich.“
Daß Ullrich, sollte er tatsächlich zurückkehren, wieder mit Schweizer Lizenz antritt, ist nicht ausgeschlossen – er müßte dazu aber wieder in den Schweizer Verband eintreten. Schläfli würde darüber dann aber doch gerne den Vorstand beraten lassen. Das sei, betonte er am Mittwoch, eine Diskussion wert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP