Tour de France

Ein Sieg der alten Garde

Von Rainer Seele, Saint-Amand-Montrond

26. Juli 2008 Am Samstag schien jede Sekunde wichtig zu sein, der vorletzte Tag der Tour de France besaß darin seinen speziellen Reiz. Und er barg eine Überraschung: Nach Alberto Contador wird sehr wahrscheinlich der nächste Spanier die Tour de France gewinnen - Carlos Sastre verteidigte am Samstag im 53 Kilometer langen Zeitfahren zwischen Cerilly und Saint-Amand-Montrond sein Gelbes Trikot. Und er wird es wohl auch an diesem Sonntag, bei der Fahrt nach Paris, behalten. Der Australier Cadel Evans hatte seinen Rückstand von 1:34 Minuten auf Sastre nicht wettmachen können. Nach dem Zeitfahren liegt er als Zweiter 1:05 Minuten hinter Sastre. Der Österreicher Bernhard Kohl vom Team Gerolsteiner ist Dritter, Sastre hat gegenüber ihm einen Vorsprung von 1:20 Minuten.

Der Samstag war aber auch noch einmal ein „deutscher Tag“ bei der Tour. Im Schatten des Duells zwischen Sastre und Evans bewies der Nürtinger Stefan Schumacher ein weiteres Mal seine Fähigkeiten im Zeitfahren - er war am Samstag wie auf der vierten Etappe in Cholet, als eine Distanz von 29 Kilometern zurückzulegen war, der Schnellste. Der Profi vom Team Gerolsteiner übertrumpfte den Schweizer Zeitfahrspezialisten Fabian Cancellara, der Zweiter wurde, um 21 Sekunden.

Sastre war bisher eher Adjutant als Kapitän

Carlos Sastre hatte das Gelbe Trikot in L'Alpe d'Huez übernommen, nicht zuletzt durch die Hilfe der Luxemburger Brüder Frank und Andy Schleck. Der Tour-Vierte von 2007 hatte bisher eher als Adjutant denn als Kapitän eines Teams auf sich aufmerksam gemacht. Er hatte sich in die Dienste von Profis wie Abraham Olano, Laurent Jalabert, Alex Zülle, Joseba Beloki gestellt - und er unterstützte einst auch Ivan Basso, von dem sich CSC getrennt hatte. Der Italiener soll Kunde des spanischen Doping-Rings gewesen sein.

Der 33 Jahre alte Spanier Sastre zählt - wie sein geschlagener Rivale Evans - zur alten Garde des Radsports. Und er bescherte nun auch seinem Teamchef Bjarne Riis einen besonderen Genuss. Der Däne war im vergangenen Jahr bei der Tour de France zur unerwünschten Person erklärt worden, nachdem er wenige Monate zuvor ein Doping-Geständnis abgelegt hatte. Noch immer stehen die Franzosen Riis, der die Tour 1996 für sich entschieden hatte, sehr reserviert gegenüber - der Coup von Sastre dürfte ihn deshalb mit besonderer Genugtuung erfüllen. Gerne hatte Riis zuletzt die Darbietungen von CSC mit dem ausgeprägten Teamgeist begründet, und seine Ambitionen bei der Tour beschrieb er so: „Ich bin hier, weil ich einen Unterschied machen will.“ Das ist ihm und seinen Profis tatsächlich gelungen. (Siehe: Tour de France: Bjarne Riis hat den Schlüssel für den Erfolg).

Der ehemalige Mountainbiker Evans blieb hintendran

Die Fahrer der dänischen Equipe hatten dem Australier Evans auch immer wieder hart zugesetzt. Der ehemalige Mountainbiker, einst als Bruchpilot verschrieen, musste große Anstrengungen unternehmen, um überhaupt seine Chancen bis zum Samstag wahren zu können.

So gehörte die Stärke von CSC zu den erstaunlichsten Erscheinungen dieser Tour, bis zuletzt, bis zu Sastres Vorstellung am Samstag. Auch Frank und Andy Schleck hatten verblüffende Qualitäten offenbart. Die Brüder aus Luxemburg zeigten bei den Klettertouren in den Pyrenäen und in den Alpen eine auffällige Konstanz, was offensichtlich auch bei den Doping-Fahndern nicht unbemerkt blieb. Frank und Andy Schleck wurden jedenfalls häufig kontrolliert, der französische Zoll sah sogar einen Anlass, den Wagen ihres Vaters während der Tour zu stoppen und zu durchsuchen - ohne jedoch Substanzen zu finden, die für Leistungsmanipulationen geeignet gewesen wären. (Siehe: Tour de France: Schreck für Schleck).

Verbindungen zu Eufemiano Fuentes

Frank Schleck vor allem blieb dennoch im Gerede, mancher glaubte zuletzt sogar, ihn mit dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes in Verbindung bringen zu können. Fuentes soll Rädelsführer des spanischen Doping-Netzwerkes gewesen sein, und angeblich hatte er auch Kontakt zu Schleck und zu Riis. Der Däne wies das entrüstet zurück, und nach Informationen aus Dänemark weiß auch der Internationale Radsportverband (UCI) nichts von möglichen Verwicklungen Schlecks in die Fuentes-Affäre. UCI-Präsident Pat McQuaid und Anne Gripper, die Anti-Doping-Beauftragte der UCI, behaupteten demnach, dass Schlecks Name nicht in den Listen mit den Namen der Fuentes-Kunden stehe.

Der Däne Riis weist ja gerne auf das vermeintlich strikte Anti-Doping-Programm bei CSC hin. Er hat das nun auch in der Causa Schleck wieder getan. Irgendwie ähnelte der Tour-Rückkehrer dabei Tour-Direktor Christian Prudhomme, der ebenfalls die Doping-Kontrollen pries - natürlich die eigenen, in diesem Jahr nach dem Bruch mit der UCI durchgeführt von der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD). Zwar enttarnte die AFLD „nur“ drei Doping-Sünder, darunter den italienischen Jungstar Riccardo Ricco. Trotzdem sagte Prudhomme, dass der Vorsprung der Betrüger im Radsport immer kleiner werde, „das macht mich glücklich“. Die Zusammenarbeit mit der AFLD, einer angeblich unabhängigen Instanz, bezeichnete der Franzose als einen beträchtlichen Fortschritt im Bemühen, den Missbrauch einzudämmen. Im kommenden Jahr will die Tour, um noch wirkungsvoller gegen Doping vorgehen zu können, sogar mit der Welt-Anti-Doping-Agentur kooperieren.

Auf die frischen Elemente wird man weiter warten müssen

Prudhomme betrachtet sich als einen Romantiker des Radsports, und dazu passt, dass er der an diesem Sonntag zu Ende gehenden Tour eine spezielle Strahlkraft zuschreiben möchte. Vielleicht, sagte er, sei dies eine Tour des Wandels, des Neuanfangs. Das klang schon wieder sehr pathetisch nach den Skandalen der vergangenen Jahre, die die Frankreich-Rundfahrt schwer erschüttert hatten - und in denen ihre Gewinner mit teilweise beträchtlichen Makeln dastanden. Dem Amerikaner Floyd Landis war der Erfolg 2006 wegen Testosterondopings aberkannt worden, 2007 hatte der Tour-Erste Contador Debatten wegen seiner angeblichen Beziehung zu Fuentes ausgelöst. Diesmal hatte der Spanier wegen der Doping-Problematik um sein Team Astana gar nicht in Frankreich antreten dürfen.

Ein Neubeginn mit Sastre, einem Traditionalisten des Radsports? Vermutlich könnte Prudhomme schon froh sein, wenn nicht eines Tages auch der Spanier wieder aus der Tour-Geschichte gestrichen werden müsste. Sastre, ein Mann mit unauffälliger Attitüde, stand früher bei Once unter Vertrag, mancher Kritiker sieht darin nicht unbedingt die beste Empfehlung. Mit dem Spanier verbindet sich auf alle Fälle der Triumph des Establishments bei der Tour 2008. Auf die frischen Elemente, die Erneuerer wird man weiter warten müssen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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