Von Frank Heike
16. Dezember 2007 Am Ende lagen nur Zentimeter zwischen Bronze und Blech, und weil das Glück in den letzten Sekunden eines dramatischen Handballspiels auf deutscher Seite war, fiel der Jubel noch etwas größer, lauter, tränenreicher aus.
Zuerst schoss Nadine Krause einen Siebenmeter in der Schlussminute gegen den Pfosten, doch der Ball sprang ihr zurück in die Hände und sie traf ins Tor. Das war das 36:35. Als die Zeit schon abgelaufen war, hatte Rumänien per Freiwurf aus neun Metern noch eine letzte Chance zum Ausgleich - doch der Ball strich am deutschen Pfosten vorbei.
Freude über das glückliche Ende
36:35 nach Verlängerung gewann die deutsche Frauen-Nationalmannschaft am Sonntagnachmittag gegen Rumänien und erkämpfte sich den dritten Platz bei dieser stimmungsvollen Weltmeisterschaft in Frankreich. Die Freude über das glückliche Ende war auch deshalb so groß, weil die ausgelaugte Mannschaft von Bundestrainer Armin Emrich nur ganz schwer in die Partie fand, mehrmals mit sieben Toren zurücklag und erst in den Schlusssekunden der regulären Spielzeit ausgleichen konnte, als Spielmacherin Maren Baumbach sich gegen drei Rumäninnen durchsetzte.
Am Ende waren es der enorme Wille, die starke Leistung der Torhüterin Clara Woltering und einmal mehr die zwölf Tore von Grit Jurack, die Deutschland den größten Erfolg seit dem dritten Platz von 1997 sicherten. Jurack wurde mit 85 Treffern beste Torjägerin des Turniers. Den Weltmeistertitel gewann derweil das russische Team durch ein 29:24 im Endspiel gegen Norwegen.
Ein sensationell guter Auftritt
Die Perspektiven der deutschen Mannschaft erscheinen glänzend. Es war ein insgesamt sensationell guter Auftritt, lobte Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Diese Mannschaft ist in der Weltspitze angekommen. Sie hat eine tolle Entwicklung genommen. Schon mit dem Einzug ins Halbfinale hatte sich die Auswahl des DHB das Recht gesichert, eines der Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele 2008 in Peking auszutragen.
Das soll nun Ende März 2008 in Leipzig stattfinden. Die Gegner stehen fest: Schweden, Ungarn und Kuba. Die beiden Erstplazierten kommen nach Peking. Dazu Strombach: Mein großes Ziel ist es, im nächsten Jahr beide Mannschaften bei Olympia dabei zu haben. Wir wollen den Frauen durch das Heimturnier die besten Voraussetzungen für den Start bei Olympia machen. Die Männer-Nationalmannschaft ist als Weltmeister qualifiziert.
Zusammenhalt, Kampfgeist und Lerneifer
Emrich spricht voller Hochachtung vom Zusammenhalt, Kampfgeist und Lerneifer seiner Mannschaft, die sich im besten Handballalter befindet - nur Jurack und die für den Kreis nachnominierte Kathrin Blacha sind 30 Jahre oder älter. Wir haben die schwerste Vorrundengruppe überstanden, in der Hauptrunde überzeugt und nur mit viel Pech das Finale verpasst. Jetzt feiern wir Platz drei, sagte er.
Nun geht es um die Vertragsverlängerung mit dem Bundestrainer, dessen Kontrakt Ende 2008 endet. Strombach will ihn unbedingt halten: Es macht ihm Spaß, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Und wenn er diesen Spaß weiter hat, kann er auf jeden Fall weitermachen. Emrich sagte nur gelassen, er habe sich während der Veranstaltung nicht mit diesem Thema befassen können.
Nadine Krause: formschwach und verletzt
Beim packenden Halbfinale am Samstag war Emrichs Team nah dran, die große Überraschung gegen die favorisierten Norwegerinnen zu schaffen und ins Finale gegen Russland einzuziehen. Zwölf Minuten vor dem Ende dieses hochklassigen Handballspiels führte Deutschland 26:25; Norwegen fand vor allem gegen Grit Jurack kein Mittel. Immer wieder traf die 30 Jahre alte Leipzigerin aus dem Rückraum. Die deutsche Abwehr hatte bis dahin Schwerstarbeit verrichtet und das Spiel trotz eines zwischenzeitlichen Sechs-Tore-Rückstands offengehalten.
Doch in der 55. Minute verletzte sich Stefanie Melbeck bei einem Gegenangriff, wenig später musste auch Kreisläuferin Anne Müller auf die Bank. Ohne zwei zentrale Defensivkräfte fehlten die personellen Alternativen und die Kraft, um den Norwegerinnen etwas entgegenzusetzen. Die Skandinavierinnen warfen vier Tore in Folge und gewannen am Ende 33:30.
Emrich war trotzdem stolz auf sein Team: Wir waren ganz nah dran. Wir haben Norwegen über weite Strecken kontrolliert. Dann haben viele kleine Dinge den Ausschlag gegeben. Zu den größeren Problemen gehörte bei dieser WM aus deutscher Sicht, dass Welthandballerin Nadine Krause nicht die Klasse der vergangenen beiden Turniere erreichte. Zuerst formschwach und später durch eine Verletzung am Sprunggelenk behindert, war die 25 Jahre alte Waiblingerin mit der Rolle als Torschützin und Anspielerin überfordert.
Schläge ins Gesicht
Auch am Sonntag hatte sie ihre Schwierigkeiten, doch dass sie das letzte und entscheidende deutsche Tor warf (Jurack saß auf der Strafbank) dürfte sie versöhnlich stimmen. Trotzdem: auf den Rückraumpositionen ist Deutschland hinter den Stars Jurack und Krause schwach besetzt, während andere Rollen doppelt ausgefüllt werden - die im Tor etwa (Woltering und Englert) oder in der Mitte des Rückraums (Wörz und Baumbach). So aber stand fast immer Jurack allein im Fokus, was den Gegnerinnen natürlich auch das Deckungsverhalten erleichtert.
Es war bravourös, wie Jurack mit dieser Dauerbeschattung umging - gerade die Norwegerinnen packten im Halbfinale einige Mal beherzt zu. Sie hat ein exzellentes Turnier auf Weltklasse-Niveau absolviert, lobte Emrich. Gegen Rumänien musste Grit Jurack noch einmal richtig einstecken und bekam Schläge ins Gesicht ab. Doch als das letzte deutsche Spiel gewonnen war, konnte sie darüber nur noch lachen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
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