07. Dezember 2006 Ein langjähriger Mitarbeiter eines Unternehmens geht in den wohlverdienten Ruhestand. Er hat immer so schnell wie präzise gearbeitet, war engagiert und zuverlässig und stets darauf erpicht, sich weiter zu verbessern. Nun feiert er seinen Abschied, und es spricht der Vertreter des Firmenchefs. Was aber sagt dieser Mann? Er bekennt, daß er über all die Jahre nur ein einziges Mal überhaupt in der Abteilung des geschätzten Kollegen vorbeigeschaut hat. Zum einen, weil er sich für die dort geleistete Arbeit nicht sonderlich zu interessieren scheint, zum anderen, weil ihm die Leute dort, wie er wissen läßt, ziemlich merkwürdig vorkamen.
Die natürliche Reaktion wäre betretenes Schweigen, womöglich ein vorzeitiges Ende der Party. In diesem Fall aber war es anders. Der Redner nämlich war Günther Jauch, und dem verzeiht man praktisch alles. Auch der Geehrte, der langjährige RTL-Mitarbeiter Michael Schumacher, nahm es gestern abend gelassen auf, als Jauch während der Stern TV-Spezialausgabe zu Schumachers Karriereende erklärte, er sei nur einmal in seinem Leben bei einem Formel-1-Rennen gewesen und könne Schumachers Vater, den er damals getroffen habe, nur zustimmen in der Einschätzung, es seien doch alle verrückt hier. Die Feierlaune trübte dies nicht.
Total normal
Vielleicht auch deshalb, weil Schumacher selbst im Laufe seines Rennlebens sich einiges hat vorhalten lassen müssen, nicht aber, daß er verrückt sei. Immer wieder wurde in der großen Schumacher-Gala (RTL) darauf hingewiesen, daß das Sportidol auf dem Boden geblieben sei, daß Schumacher mit Frau und Kindern eine ganz normale Familie bilde, wie der Schumacher-Freund und Fotograf Michel Comte sagte, daß er sich nach wie vor mit seinen ganz normalen Kumpeln, die auch ganz normal aussehen, auf ein Bier in der Kneipe treffe, wobei die Rechnung ganz ordentlich geteilt werde. Als Zeugen traten bei RTL auch keine Prominenten auf, sondern Schumachers ehemalige Grundschullehrerin aus Quadrath-Ichendorf, seine Köchin aus dem italienischen Maranello und seine frühere Coiffeurin aus Connys Friseursalon.
Mit sehr weit aufgeknöpftem Hemd und igelig gegeltem Haar nahm Schumacher vom Studiopublikum Parteitagsapplaus entgegen und gestand eine gewisse Erlösung nach seinem Rücktritt ein, da nun auch die ständigen Kämpfe mit mir selbst ein Ende hätten. Ebenfalls nicht vermissen werde er die Dauerberichterstattung der Medien, die seine Worte häufig nicht verstanden und viel mehr dahinter vermutet hätten. Von Günther Jauch hatte er das gestern abend nicht zu befürchten. Mehr plichtbewußt als neugierig stellte der Moderator seine Fragen, um von Schumacher Antworten zu erhalten wie die, daß Erziehung eine ganz wichtige Sache sei, wo wir uns damit auseinandersetzen und auch damit umgehen.
Champagner und Tagliatelle
Böse Worte wie Schummel-Schumi blieben Schumacher an seinem Ehrentag erspart. Auf Jauchs Frage nach Fehlern, die er gemacht habe, nannte er den Rempler gegen Villeneuve, der ihn 1997 alle WM-Punkte kostete. Ohne daß Jauch den oft gehörten Vorwurf, der Champion sei unfähig zur Selbstkritik, noch einmal wiederholen mußte, offenbarte Schumacher seine Schwäche, daß ich nicht unmittelbar danach alles komplett analysieren kann und auch zugeben und darlegen kann. Das war dann genug der Asche aufs Haupt. Statt dessen gab's Champagner (von RTL), drei Einräder (von Mika Häkkinen), eine gewaltige Portion Tagliatelle (von der Lieblingsköchin) und einen Ferrari von Schumachers ehemaligem Rennteam - nämlich den Wagen, mit dem er sein letztes WM-Rennen bestritten hatte. Keine schlechte Ausbeute, muß sich der gewöhnliche deutsche Betriebsrentner doch meist mit einer Armbanduhr begnügen.
Sorgen aber machen muß man sich um die Fans. Im Studio saßen auffällig viele Zuschauer, die ihrem Liebling schon optisch mit Schumi-Shirt und Ferrari-Käppi die Treue hielten, ja sogar dessen längst abgelegter Frisur. Und auch die beiden von Jauch vorgestellten Jungs, die die Daten sämtlicher Formel-1-Rennen Schumachers im Kopf hatten, müssen sich nun einen neuen Lebenszweck suchen. Es muß also möglichst rasch ein Nachfolger her - aber wie? Vater Rolf Schumacher, der seinen Ältesten früh mit fahrbaren Utensilien versorgte, ließ verlauten: Ich wollte nur basteln. Hat sich also alles durch schieren Zufall ergeben?
Frühkindliche Förderung
Keineswegs, wie die RTL-Sendung demonstrierte: Große Karrieren bedürfen der richtigen frühkindlichen Förderung. Familienvideos zeigten ein pummeliges Kleinkind, das sich, kaum des Laufens fähig, mit einem Spielzeugauto vergnügt. Mit vier Jahren stieg der Knabe aufs Go-Kart um. Etwas später montierte er sich von seinem Fahrrad die Stützräder ab - deutliches Signal, daß hier jemand die Freiheit der Sicherheit vorzog. Und dann zeigte RTL noch Bilder, auf denen der achtjährige Schumacher eigenhändig einen Fiat 500 über unebenes Gelände lenkt; als Aufpasser hatte man auf dem Rücksitz lediglich den Schäferhund plaziert. Früh Verantwortung übernehmen, nicht immer den einfachsten Weg wählen und auch größere Risiken nicht scheuen: Vorbildlich weisen die Schumachers unserem Land den Weg aus der Krise.
Da wollte auch Günther Jauch nicht zurückstehen. Der Moderator, ohnehin in Feierlaune, ließ die Zuschauer wissen, daß man in der Formel 1 nach jedem Titelgewinn ein Glas Rotwein auf Ex trinke - und demonstrierte prompt, daß er diese Kunst beherrscht. Um 23.07 Uhr, wenn die suchtgefährdete Jugend längst schlafen sollte, kann man das wohl akzeptieren. Gleich danach aber setzte der Moderator noch eins drauf, nämlich sich selbst ans Steuer. Auf der Go-Kart-Bahn quer durchs RTL-Studio trat er gegen Schumacher, Häkkinen und einen sechsjährigen Berliner an und erkämpfte sich hinter dem Jungen einen beachtlichen zweiten Platz. Dazu herzlichen Glückwunsch - doch bei der ARD wird man ihm solche Exzesse nicht durchgehen lassen.
Text: jöt
Bildmaterial: RTL