Von Giselher Spitzer, Berlin
31. August 2005 Karl-Heinz Steinmetz und ich haben seit 1992 bei Weltmeisterschaften über fünfzig Prozent der Titel für den Deutschen Leichtathletik-Verband geholt. Diese markigen Worte sprach Dieter Kollark, als Franka Dietzsch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Helsinki die Goldmedaille gewonnen hatte. Kollark ist ihr Trainer.
In Helsinki nutzte er eine Pressekonferenz des deutschen Verbandes, sich als verkannten Erfolgstrainer zu präsentieren. Die Krise der deutschen Leichtathletik sei wohl eine Krise seiner Athletinnen, sagte er da und machte bekannt, daß er nicht mehr bei seiner einstigen Lebensgefährtin und Athletin Astrid Kumbernuss angestellt, sondern arbeitslos sei und Übergangsgeld erhalte.
Dieter Kröger und Alexander
Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), reagierte nicht darauf, daß Kollark die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. Auch der Informationskanal des DLV im Internet, leichtathletik.de, schwieg über die Thesen des sechzig Jahre alten Trainers vom Schlage: Im DDR-Sport hatten wir Marktwirtschaft. Heute haben wir Planwirtschaft.
Die Funkstille hatte einen Grund. Beim DLV ist in Erinnerung geblieben, was die Tagespresse offenbar vergessen hatte: Kollark war unter den Decknamen Dieter Kröger und als IM Alexander für den Staatssicherheitsdienst der DDR aktiv gewesen. Bekannt wurde das 1994, just während der Leichtathletik-Europameisterschaft in Helsinki. Katrin Krabbe, die gefallene und gesperrte Sprinterin war es seinerzeit gewesen, die in einem Brief an den Spiegel öffentlich darauf hingewiesen hatte, daß einer der Trainer im Team eine Stasi-Vergangenheit hatte.
Letzte Gespräch am 8. November 1989
Während die Führung des Verbandes die Veröffentlichung als Angriff auf die Favoritin Astrid Kumbernuss einordnete und kritisierte, räumte Kollark seine Tätigkeit ein. In seiner Funktion als stellvertretender SED-Parteisekretär beim Sportclub Neubrandenburg sei er damit beauftragt gewesen, alle zwei Jahre bei den sogenannten Reisekadern über Unbedenklichkeitserklärungen zu befinden, sagte er. Er habe das aus Überzeugung getan und 1988 aufgehört, weil er gewisse Dinge anders und damit keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit sah. Dem widerspricht die Aktenlage. Demnach führte der IM Alexander das letzte Gespräch mit seinem Führungsoffizier am 8. November 1989. Der Treffbericht wurde tags darauf der Akte beigefügt - am Tag, an dem die Mauer fiel.
Während nun also im Leichtathletik-Verband Stille herrscht, macht das unabhängige Leichtathletik-Magazin in seiner September-Ausgabe einige Details aus Kollarks Spitzeltätigkeit bekannt. In einem Editorial unter der Überschrift Schluß mit der DDR-Nostalgie setzt sich Chefredakteur Hans Reski mit Schwärmereien von der guten alten Zeit im Osten auseinander und weist auf die Doping-Problematik und die Bespitzelung der Sportler hin. Dann zitiert er Kollark. Allerdings nicht mit seinen Auslassungen von 2005, sondern im Originalton von 1987.
Es ist ein offenes Geheimnis
Bei Katrin Krabbe sehe ich echte Probleme, meldete IM Alexander damals. Sie hat einen leichten nymphomanischen Einschlag. Im Bericht folgte noch ein krasserer Ausdruck. Solche Denunziation dürfte weniger moralischer Empörung entspringen als dem Vorsatz, jemanden gezielt auszuschalten. Die Akte Kollarks enthält offenbar auch Berichte über Sigrun Wodars und Christine Wachtel, die 1988 Olympia-Gold und Silber gewannen , über Grit Breuer, Volker Mai, der bei der Junioren-EM 1985 sowohl im Weit- als auch im Dreisprung siegte, Steffen Weißgerber sowie die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss, deren persönlicher Trainer und späterer Lebensgefährte Kollark war.
Kollark hielt auch 1994 nicht hinterm Berg mit seiner Meinung. Katrin Krabbe sei mit ihrer Dopingaffäre mitverantwortlich für den Niedergang des Sportclubs Neubrandenburg, sagte er damals Reportern. Da war die Sprint-Weltmeisterin derart empört, daß sie bekannt machte, was Kollark der Stasi gegenüber zum Besten gab. Das klang etwa so: Es ist ein offenes Geheimnis, daß K. Krabbe im Trainingslager von Hand zu Hand geht. Wenn sich dieses Verhalten zuspitzt, sehe ich ein echtes Sicherheitsrisiko bei Aufenthalten im NSW (nichtsozialistischen Wirtschaftstgebiet).
Katrin Krabbe will sich nicht mehr äußern
Katrin Krabbe vertraute ihre Akte vor elf Jahren einem Reporter des Blattes Tango an, der seinen Artikel am 3. November 1994 veröffentlichte. Es handelte sich um Reski. Ich weiß nicht, was dieser Mensch mit den Lügen bezwecken wollte, sagte Katrin Krabbe ihm damals über Kollark. Ich war zwar zu jedermann freundlich, doch eigentlich den Jungs gegenüber eher zurückhaltend. Zu diesem Zeitpunkt habe ich meinen langjährigen Freund Torsten Krenz kennengelernt. Er war mein erster Freund überhaupt.
Heute ist Katrin Krabbe verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie will sich zu dem Thema nicht äußern. Das sei alles zwanzig Jahre her, läßt sie ausrichten. Sich noch einmal damit zu beschäftigen, führe zu nichts. Ebensowenig wie persönliche Auseinandersetzung mit dem Spitzel. Ich habe über meinen Berater Thorsten Heuser auch das Gespräch mit Kollark gesucht, doch in mehreren Gesprächen zeigte sich der IM Alexander als wenig einsichtig. ... er verteidigte sein durch vorauseilenden Gehorsam gezeigtes Verhalten, schrieb sie in ihrem öffentlichen Brief.
Nicht nur ein offizieller Kontakt zur Stasi qua Amt
Kollark denunzierte nicht nur Sportlerinnen und Sportler, sondern schwärzte auch Nachbarn und Urlauber wegen Kontakten mit Westdeutschen an. Sein Ansprechpartner bei der Staatssicherheit war nach Lage der Akten, die dieser Zeitung vorliegen, der Berliner Sportabteilungsleiter Oberstleutnant Manfred Gerlach, stellvertretender Leiter der MfS-Hauptabteilung XX für Staatsapparat, Kunst, Kultur, Kirche, Untergrund.
Durch ... Gerlach ... wurde der Gesprächsverlauf und das Auftreten und Verhalten des K. als sehr positiv eingeschätzt, heißt es in einer internen Note. Am 7. September 1984 verpflichtete sich Kollark handschriftlich zur konspirativen Zusammenarbeit und wählte den Decknamen Alexander. Es existierte also nicht nur ein offizieller Kontakt zur Stasi qua Amt als stellvertretender Parteisekretär der SED beim SC Neubrandenburg, wie der Trainer 1994 behauptet hatte.
Optimistische und kämpferische Haltung
Kollark war aber nicht nur dem Mielke-Imperium gegenüber loyal, sondern auch dem Dopingsystem der DDR. In der Ergänzung zur Beurteilung des Reisekaders Dieter Kollark vom 11. Oktober 1984 loben ihn Club-Vorsitzender Schulz und SED-Parteisekretär Philipp dafür, daß er sich nicht durch Dopingschäden entmutigen lasse: Obwohl es eine schwere psychische Belastung darstellte, daß die sportmedizinischen Probleme praktisch immer wieder zum Abbruch der Leistungsentwicklung führten, bewahrte Sportfreund Kollark seine optimistische und kämpferische Haltung. Dieser wichtige Wesenszug zeichnet ihn aus.
Kollark meldete, wenn andere Trainer die Anwendungsrichtlinien für Doping mißachteten. Er beschreibt auch das Entsetzen der Trainerkollegen, als nach dem Skandal um Ben Johnson bei den Spielen von Seoul unangemeldete Dopingkontrollen drohten. Trainer wie eingeweihte Sportler fühlten sich laut Kollark so bedroht, daß sie ihren Job beenden wollten - ohne Anabolika sahen sie keine Chance für den DDR-Hochleistungssport.
Widerspruch im System
Der Staatssicherheitsdienst war so zufrieden mit Kollark, daß er ihn als Reservist für die personelle Ergänzung im Krisenfall als Leutnant einzusetzen plante. Die Papiere zur Einstellung waren von der Stasi ausgefüllt und wurden auf dem neuesten Stand gehalten. Die ihm übertragenen Aufträge hat er kontinuierlich in hoher Qualität realisiert, lobte die Überwachungsbehörde. Durch seine inoffizielle Zusammenarbeit hat Dieter K. spezielle Mittel und Methoden der Arbeit des MfS kennen gelernt.
Im Helsinki von 2005 fühlte sich Kollark auch zu dieser Klage berufen: Für materielle Dinge ist immer Geld da, aber für die Menschen nicht. Das ist ein Widerspruch in unserem System, den ich einfach nicht begreifen kann.
Text: F.A.Z. vom 31. August 2005
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