
Mit wehenden Fahnen ins Unglück? Die Bürger von Sotschi fürchten um die einzigartige Natur der Region
02. Mai 2009 Die Adresse des olympischen Organisationskomitees in Sotschi lautet Kurortnyj Prospekt 73. Der Name der Straße ist das Programm der Stadt: Das deutsche Wort Kurort hat im Russischen einen vielversprechenden Klang, es bezeichnet sowohl einen gewöhnlichen Urlaubsort als auch einen Ort, an dem Kranke mit Bädern, Massagen und ärztlicher Behandlung wieder auf die Beine gebracht werden. Sotschi hat alles - Sonne, lange Strände, Palmen, Berge, Heilquellen und Sanatorien. Der Kurortnyj Prospekt ist aber nicht nur das Programm, sondern auch eine Problemzone der Stadt: Die meiste Zeit des Tages bewegen sich die Autos mit kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit über die Hauptstraße, an der man in der langgezogenen Stadt am Meer nicht vorbeikommt, wenn man von einem Ort zum anderen gelangen will.
Die Finanzkrise trifft auch die olympischen Bauvorhaben schmerzlich
Beim Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele 2014 versucht man erst gar nicht, das Offensichtliche zu leugnen: Natürlich habe Sotschi ein großes Verkehrsproblem, das bis zu den Spielen gelöst werden müsse, sagt Jefim Bitenjow, der stellvertretende Leiter der Repräsentanz in der Stadt. Aber die Spiele werden dazu beitragen: Es werden neue Straßen gebaut, der öffentliche Nahverkehr wird verbessert, es entstehen neue Arbeitsplätze außerhalb des Zentrums. Noch freilich ist von den neuen Straßen, die mit vielen Brücken und Tunnels im bergigen Hinterland der Stadt entstehen sollen, nichts zu sehen - und wann mit dem Bau begonnen wird, ist unklar. Mitte April ging der Leiter der Straßenbaubehörde der Stadt Sotschi mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, im Budget 2009 fehlten ihm drei Milliarden Rubel (etwa 70 Millionen Euro): Entweder der Zeitplan für die Finanzierung wird überarbeitet, sagte er - oder der Baubeginn für zwei der vier geplanten großen Verbindungen müsse auf das Jahr 2010 verschoben werden.

Das war nicht die einzige Meldung der vergangenen Monate, die den Eindruck aufkommen ließ, die Vorbereitungen auf die Spiele 2014 gingen so stockend voran wie der Verkehr auf dem Kurortnyj Prospekt. Die Finanzkrise treffe auch die olympischen Bauvorhaben schmerzlich, sagte der dafür verantwortliche stellvertretende Ministerpräsident Dmitrij Kosak Anfang März - und verband das mit der Ankündigung, das Budget für dieses Jahr werde um zwei Drittel gekürzt. Ein Opfer der Krise könnte das Vorhaben werden, die meisten Sportstätten von privaten Investoren bauen zu lassen: Den dafür vorgesehenen russischen Großunternehmern geht das Geld aus, einige von ihnen mussten zur Rettung ihrer Unternehmen schon Staatshilfe in Anspruch nehmen. Russische Medien berichten, für acht von 14 Bauobjekten gebe es noch keine Investoren, obwohl die Ausschreibungsfristen mehrmals verlängert worden seien.
Etwa 2500 Bewohner der Imeretinka sollen den Baustellen weichen
In der Imeretinka-Niederung im Bezirk Adler, 25 Kilometer südlich des Stadtzentrums, wo nach Plan in drei Jahren die ersten Probewettkämpfe in den Eisstadien stattfinden sollen, ist bisher nur ein kilometerlanger blauer Bauzaun zu sehen, der Gemüsefelder und Brachland umgibt, auf dem verloren einige Bagger und Lastwagen stehen. Aber Jefim Bitenjow sagt, deshalb solle man sich keine Sorgen machen: Mit moderner Technik ist es keine Schwierigkeit, solche Bauten in ein bis zwei Jahren fertigzustellen. Dass es so kommt, ist wahrscheinlich - und das hat nicht nur mit den technischen Möglichkeiten zu tun. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat im Juli 2007 - damals noch als Präsident - die Olympiabewerbung Sotschis zu seiner eigenen Sache gemacht, hatte bei der entscheidenden IOC-Sitzung in Guatemala selbst für die Stadt geworben. An seiner Entschlossenheit, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um die Winterspiele in Sotschi trotz Wirtschaftskrise zu einer Werbeveranstaltung für sein Russland zu machen, ist nicht zu zweifeln.
Doch in Sotschi werden viele Leute von anderen Sorgen als der geplagt, ob alles rechtzeitig fertig wird: Sie fürchten negative Auswirkungen der olympischen Projekte auf die Infrastruktur, die Ökologie und die Lebensqualität der Stadt - und damit um ihre wirtschaftliche Zukunft als russischer Kurort. Etwa 2500 Bewohner der Imeretinka wissen schon, welche Folgen Olympia für sie hat: Sie sollen in den kommenden Monaten den olympischen Baustellen weichen - und mit ihnen ihre kleinen Privatunterkünfte, Pensionen und Hotels sowie ihre Felder, auf denen die Bauern dank des subtropischen Klimas seit Generationen bis zu vier Ernten im Jahr einfahren. Eine Entschädigung dafür, dass sie außer ihren Häusern auch ihre Lebensgrundlage verlieren, ist nicht vorgesehen. Wenn die Spiele vorbei sind, sollen aus den Gebäuden am Rande des Olympischen Parks, denen die Bewohner der Nischne-Imeretinka-Straße direkt am Meer jetzt Platz machen sollen, Hotels werden. Manche der Betroffenen sehen darin das eigentliche Ziel ihrer Vertreibung: Andere wollen an ihrer Stelle am Tourismus verdienen.
Ist Olympia eine existenzielle Bedrohung für die einzigartige Naturlandschaft?
Dmitrij Kapzow zweifelt, ob die Eigentümer der künftigen Hotels dann noch lange Freude an den Stränden haben werden, über die die Einheimischen jetzt sagen, sie seien die besten der Stadt. Auch das hat mit Olympia zu tun. Kapzow zeigt hohe Kieshaufen im breiten Flussbett der Msymta, die aus Krasnaja Poljana in den Bergen kommt, wo die alpinen Wettbewerbe ausgetragen werden sollen, und nahe der Imeretinka ins Meer mündet: Hier wird Kies für die Olympiabauten ausgebaggert. Das ist zwar nicht legal, aber bequem. Der verbaute Kies aus dem Fluss fehlt den Stränden, an die er seit je als Ersatz für das angespült wird, was die Wellen des Schwarzen Meeres jeden Winter davon abnagen.
Wenn man mit Dmitrij Kapzow spricht, darf man indes nicht vergessen, dass er seine eigene Agenda hat. Der 22 Jahre alte Student ist einer der Führer der Ökologischen Wacht im Nordkaukasus, die gegen die Olympia-Pläne Sturm läuft, weil sie darin eine existentielle Bedrohung für eine einzigartige Naturlandschaft sieht. Ihm wäre es am liebsten, die Spiele fänden gar nicht in Sotschi statt. Mehrheitsfähig dürfte diese Haltung nicht sein, aber weil die Stadt schon jetzt genug Schwierigkeiten damit hat, dass nicht nur ihre Straßen, sondern auch die Kanalisation, die Müllkippen und das Stromnetz überlastet sind, nachdem mehr als zwanzig Jahre daran kaum etwas gemacht worden ist, finden die ökologischen Bedenken gegen die Spiele in Sotschi großen Anklang - zumal jeder weiß, dass die Touristen irgendwann wegbleiben werden, wenn diese Probleme nicht gelöst werden. Zwar hat Ministerpräsident Putin versprochen, dass 80 Prozent der Staatsmittel für die Olympischen Spiele in die Modernisierung von Sotschis Infrastruktur fließen werden, aber in der Stadt ist die Furcht groß, dass die Investitionen nicht an den langfristigen Bedürfnissen der Region, sondern an denen eines zweiwöchigen Spektakels ausgerichtet werden.
Geologen sehen Sotschis Trinkwasserversorgung in Gefahr
Es ist kein Zufall, dass der liberale Oppositionskandidat Boris Nemzow vor der Bürgermeisterwahl an diesem Sonntag in seinem Wahlkampf immer wieder über eine bestimmte Straße gesprochen hat: diejenige, die die Wettkampfstätten an der Küste mit denen in Krasnaja Poljana in den Bergen verbinden soll. Sie wird mit umgerechnet etwa 5,4 Milliarden Euro voraussichtlich fast so viel kosten wie die übrigen Olympiabauten zusammen, im geplanten Ausmaß nach Nemzows Ansicht nach den Spielen nicht mehr nötig sein - und der dafür nötige Tunnel durch einen Karstberg im Flusstal der Msymta ist nach Ansicht mancher Geologen eine ernste Gefahr für die Versorgung Sotschis mit Trinkwasser, das fast zur Hälfte der Msymta entnommen wird.
Auch bei den Wettkampfstätten in der Imeretinka scheiden sich die Geister an der Frage, ob sie für Sotschi eine Chance oder eine Belastung sind. Dass die Stadt mit etwa 400.000 Einwohnern, in der es bisher nicht einmal einen Eishockeyklub gibt, keine fünf nebeneinanderliegenden Eisstadien braucht, wird auch im olympischen Organisationskomitee nicht bestritten. Unnütz findet man die Großbauten dennoch nicht: Daraus könnten Ausstellungshallen werden, so dass Sotschi nicht mehr nur ein Reiseziel für Touristen, sondern auch für Geschäftsleute wird, sagt Jefim Bitenjow. Nicht nur Oppositionelle wie Nemzow sehen in solchen Ideen freilich Luftschlösser - und fürchten, dass das Olympiagelände im allerbesten Fall zu einem großen Basar wird.
Die Leute wollen nicht mehr zurück in die alten Zeiten
Solche Sorgen hat man in Krasnaja Poljana nicht. Die Pläne für den Ausbau von Skigebieten in dem zu Sotschi gehörenden Ort hoch oben im Kaukasus reichen in die Jahre vor der Olympiabewerbung zurück. Die Spiele wirken wie ein Beschleuniger für eine Entwicklung, mit der viele in Krasnaja Poljana große Hoffnungen verbinden. Die Leute wollen nicht mehr zurück in die alten Zeiten, sagt Jurij Tobias, ein freundlicher, stämmiger Mann von Ende vierzig, Anfang fünfzig. Er hat als Kind selbst noch erlebt, wie Krasnaja Poljana im Winter nach starken Schneefällen manchmal wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten war. Jurij Tobias ist technischer Leiter bei Gornaja Karusel (Bergkarussell): Auf halber Höhe wird dort in einem gerade entstehenden Skigebiet das Medienzentrum für die alpinen Wettbewerbe gebaut. Wenn daraus nach den Spielen Hotels werden, so die Vorstellung, ist das Gebiet für Leute aus Moskau oder Rostow am Don auch für ein Skiwochenende attraktiv: Mit dem Flugzeug ist man schnell in Sotschi, vom Flughafen fährt man keine halbe Stunde nach Krasnaja Poljana, und dort wohnt man fast auf der Piste - in einer Höhe, in der auch Anfang April noch Schnee liegt.
Für die Umweltschützer jedoch ist das, was in Krasnaja Poljana passiert, die eigentliche Katastrophe. Die olympischen Projekte werden starke negative Auswirkungen auf das Unesco-Weltnaturerbe ,Westlicher Kaukasus' haben, weil dabei zum Beispiel Migrationswege von seltenen Tierarten wie Braunbären zerschnitten werden, sagt Michail Plotnikow, der für den Nabu Deutschland dort mehrere Projekte koordiniert. Formal wird das Reservat zwar von den olympischen Bauten nicht berührt, aber das Ökosystem hört ja nicht an einer auf der Karte eingezeichneten Grenzlinie auf. Umweltschützer wie Michail Plotnikow klagen, dass dort, wo im Sotschi-Nationalpark den Bauvorhaben geschützte Gebiete im Weg stehen, diese einfach für weniger schutzwürdig erklärt würden.
Das olympische Organisationskomitee registriert die Kritik sehr genau
Von der Talstation des Skigebiets Rosa Chutor, wo 2014 die alpinen Wettbewerbe ausgetragen werden sollen, sieht man den weißen Höhenzug des Pseaschcho, der schon zum Biosphären-Reservat gehört. Das Hauptgebäude ist schon fertig, durch die Fenster kann man erkennen, dass in dem langgezogenen niedrigen Fachwerkbau sogar Lampen aufgehängt wurden. Der Boden entlang des Flussufers der Msymta ist aufgewühlt, im Matsch liegen einzelne Baumstämme und Wurzelstümpfe, wo demnächst Parkplätze entstehen sollen. Das hier war vor einigen Jahren noch unberührter Wald und eine streng geschützte Zone des Nationalparks, sagt Michail Plotnikow.
Das olympische Organisationskomitee registriert die Kritik sehr genau. In einem Fall hat sie sogar dazu geführt, dass Pläne verändert wurden. Nachdem mehrere internationale Umweltschutzorganisationen dagegen protestiert hatten, dass die Bob- und Rodelbahn die Grenze des Biosphärenreservats berührte, ordnete Ministerpräsident Putin vergangenen Sommer an, sie an anderer Stelle zu bauen. Die internationale Aufmerksamkeit hilft uns, Fehler zu vermeiden, sagt Jefim Bitenjow dazu.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa, ZB