Von Andrea Petkovic
09. Juni 2007 Nachdem ich mein schwaches Herz nach dem Fed Cup wieder geölt und auf Hochtouren gebracht hatte, war es durchaus wieder bereit, die bevorstehenden Aufgaben in Angriff zu nehmen. Zunächst stand das hochdotierte WTA-Turnier in Berlin vor der Tür, zwischen diverse Bundesligaspiele in meinen Turnierkalender gequetscht und von den Qataris organisiert, die mit einem selbstbedruckten T-Shirt mit der Aufschrift: Wir sind gekommen, um zu bleiben“ auf der Pressekonferenz auftauchten und für lächelnde Gesichter sorgten.
Meine erste Bewährungsprobe ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Da ich freitags noch ein Bundesligaspiel hatte, musste ich in der Nacht aus Düsseldorf nach Berlin fahren, um samstags gegen 11 Uhr meine erste Qualifikationsrunde anzutreten. Meine Gegnerin war Yaroslava Shvedova, die kurz zuvor ein WTA-Turnier in Bangalore gewonnen hatte und die gestandene Nummer 77 der Weltrangliste war. Ich marschierte fliegend einfach durch das Match, gewann es 7:5 im entscheidenden Satz, und auch meine zweite Qualifikationsrunde war ein lockerer Durchlauf.
Paris erobern
In nur drei Stunden gewann ich 7:6 im ebenfalls entscheidenden Satz, war in null Komma nichts von einer Qualifikantin zur Hauptfeldspielerin aufgestiegen und konnte ein wenig Luxus genießen, weil Hauptfeldspielerinnen ein Zimmer im edlen Interconti bezahlt wird. Zuvor konnte ich diesen Luxus nur heimlich beanspruchen, indem ich mich bei meiner Freundin und Kollegin Tatjana Malek, die von vornherein mit einer Wildcard ausgestattet im Hauptfeld zugegen war, als blinder Passagier einnistete.
Meine Gegnerin hieß Shuai Peng, Nummer 32 der Damenweltrangliste, Staatsbürgerin Chinas, Vorhand und Rückhand beidhändig, Spielstil schnell und flach, guter Aufschlag. Wetterumstände: Regen (zweimalige Unterbrechungen), Wind und Kälte. Ich verlor nach heftiger Gegenwehr und Chancen auf Satzgewinn 3:6, 5:7, ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, welch gute Vorbereitung es für mein Debüt in Paris sein sollte. Die Parallelen sind im Nachhinein nicht zu leugnen. Bei den French Open verlor ich gegen Marion Bartoli, Nummer 21 der Welt, Französin, Vorhand und Rückhand beidhändig, Spielstil schnell und flach, guter Aufschlag. Wetterumstände: Regen (zweimalige Verschiebungen), Wind und Kälte. Aber dazu später mehr.
Mit gestärktem Selbstbewusstsein, der Gewissheit, dass ich mit den ersten 50 Spielerinnen der Welt wenigstens mithalten kann, und Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner im Gepäck machte ich mich also auf, Paris zu erobern – sogar zwei Tage vor Spielbeginn, um mich ausgiebig vorzubereiten. Falls jemand, der mich kennt, nun meint, ich sei in der Zwischenzeit professionell geworden, der irrt, denn Schuld war einzig und allein der Zwang, den Barbara Rittner ausübte.
Taktik und ich - das passt nicht zusammen
Mein erster Trainingstag stand auf Platz eins an, in der sogenannten Stierkampfarena“, und ich löste keinen Geringeren als Guillermo Canas von der Arbeit ab. Das machte Mut, bis ich am nächsten Tag erwachte und feststellte, dass in der Nacht heimtückische Besucher eine Visite bei mir abgelegt hatten. Ich hatte eine Blasenentzündung, der ich mit ausgiebig mit Arztbesuchen und Pillen begegnete. So konnte ich an diesem Tag nur einmal eine Stunde trainieren – und am nächsten Tag stand mein Grand-Slam-Debüt an. Geplagt überstand ich die erste Qualifikationsrunde mit 6:3, 6:2. Und ich muss gestehen, dass ich da schon völlig aus dem Häuschen war, weil ich eine Runde bei einem Grand Slam erfolgreich gemeistert hatte; ich wusste noch nicht, dass Marcos Baghdatis mich fünf Tage später von einer Pressekonferenz ablösen sollte. Meine Freude konnte ich niemandem mitteilen, weil ich kein funktionierendes Handy besaß.
Am darauffolgenden Tag trat ich gegen eine sehr talentierte Spielerin aus den Vereinigten Staaten von Amerika an, die gut und gerne auch in einem amerikanischem Hip-Hop-Video ihren Platz gefunden hätte. Leider (oder zum Glück) war sie an diesem Tag wohl zu talentiert, denn ihr unterliefen etliche unerzwungene Fehler, die mir einen 6:2, 6:3-Sieg bescherten. Barbara Rittner behauptet ja bis heute, dass ich taktisch ach-so-klug gespielt hätte, aber daran mag ich irgendwie nicht glauben, denn Taktik und mein Name in einem Satz – das passt nun wirklich nicht zusammen.
So hatte ich in zwei Runden also 25 Weltranglistenpunkte erobert, für die ich sonst ein 25.000-Dollar-Turnier hätte gewinnen müssen. So sollte es weitergehen, und deswegen gewann ich auch einfach die letzte Runde der Qualifikation. Ganz so einfach war es allerdings nicht, denn da ich nun den Einzug ins Hauptfeld direkt vor Augen hatte, spielte die Nervosität ihre Spielchen mit mir, und meine ersten drei Rückhandschläge landeten noch auf meiner Seite, bevor sie im Netz haltmachten. Um das nicht unkommentiert stehen zu lassen, pfefferte ich mit meiner persönlichen Bestleistung in der Disziplin Wer-wirft-den-Schläger-am-frühesten-zu-Boden mein Racket schon nach drei Punkten Richtung Erdboden und hatte somit flugs die Sympathien des Publikums auf meiner Seite. Doch mit den schnell improvisierten Atemübungen, die ich dann vollzog, konnte ich mich und meinen Schläger wieder unter Kontrolle bekommen, so dass ich tatsächlich 6:4, 6:2 gewann.
Kreuzverhör in der Pressekonferenz
Ich war unglaublich froh und stolz, denn ich war abermals von der Qualifikantin zur Hauptfeldspielerin aufgestiegen und diesmal bei meinem ersten Grand-Slam-Turnier. Außerdem bedeutete das, dass ich alle Hauptfeldspieler zu Gesicht bekommen würde, die jetzt nach und nach eintrudelten. Nach einem Tag völliger Ruhe (ich lag geschlagene acht Stunden im Bett, Schlafen nicht mit einbezogen) standen meine erste Hauptfeldgegnerin Jarmila Gajdosova aus der Slowakei und der Montag als Spieltag fest. Doch schon seit zwei Tagen machte der Pariser Regen den Turnierveranstaltern zu schaffen, und etliche Spiele wurden abgebrochen und verlegt, Training war nicht möglich, weil es nicht genug Leute gab, die die Planen zur Not wieder rechtzeitig zuziehen konnten.
Auch ich musste den ganzen Montag bis 19 Uhr in der Umkleide verbringen, bis mein Match schließlich auf Dienstag verlegt wurde. Als ich am Dienstag schließlich hochnervös den Platz betrat (ich weiß allerdings nicht, ob ich wegen des Matches nervös war oder ob der Grund dafür Andy Roddick war, der sich neben mir warm machte), erwarteten mich Plakate, die von Seeheimer Fans fabriziert worden waren. Nun konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Im ersten Satz ging dann alles gründlich schief, und trotz Führung musste ich diesen Satz abgeben. Doch der Ehrgeiz packte mich, meine Leistung steigerte sich blitzartig, so dass ich als glückliche Siegerin den Platz verlassen konnte.
Nach der Dusche in der immer gleichen Duschkabine – meines Aberglaubens wegen – wurde ich zur Pressekonferenz gerufen. Pressekonferenzen kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen, wenn Radsportler gedopt hatten, Wirtschaftsbosse der Korruption verdächtigt wurden oder Politiker sich wichtig machten. Kaum hatte ich mich versehen, saß ich nun selbst auf einem Podium und wurde ins Kreuzverhör genommen. Ich redete wie immer mehr, als man sollte, und so geschah es, dass Marcos Baghdatis den Raum betrat und tatsächlich zwischen den Journalisten Platz nehmen musste, um auf mich zu warten. Prompt wurde mir die Frage gestellt, ob mir das schon einmal passiert sei, und ich musste sie leider verneinen.
Wimbledon steht bald vor der Tür
Schon am nächsten Tag stand mein Zweitrundenmatch gegen Marion Bartoli an, die als Französin einen großen Platz zugeteilt bekam und deren Namen auch alle anwesenden Fans immer wieder riefen. Da Andy Roddick nach seiner Niederlage schon abgereist war, konnte er für keinerlei Nervosität mehr bei mir sorgen, und mir gelang der perfekte erste Satz. Hatte ich vorher gedacht, ich würde abgeschossen, so irrte ich mich, denn ich war eindeutig die bessere Spielerin auf dem Platz. Leider gelang es mir nicht, diese Überlegenheit in den zweiten Satz zu transportieren, auch wenn ich immer noch dachte, ich hätte alles im Griff, war dieser schon weg, bevor ich realisieren konnte, was passiert war. Nach drei Qualifikationsrunden, einer Hauptfeldrunde, einer Blasenentzündung und zahlreichen Litern Regen ließen meine Kräfte nach, und ich verlor 3:6 im dritten Satz.
Ich war aufs bitterste enttäuscht, und auch heute denke ich noch an diverse Bälle, die ich vielleicht hätte anders spielen sollen. Ich war so enttäuscht, dass ich nun im Bett liege und krank bin. Na ja, ob es daran liegt, sei dahingestellt, aber schon bald steht Wimbledon vor der Tür, und bis dahin versuche ich mich im imaginären Rasenspiel. Denn einen Rasenplatz haben wir in Darmstadt nur bei den Lilien“, und da bleibe ich doch lieber beim Tennis. Auch wenn man manchmal vor Enttäuschung krank wird.
Die 19 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Gestartet ist sie von der Weltranglistenposition 376; nach ihrer ersten Teilnahme beim Grand-Slam-Turnier in Paris, bei dem sie als einzige Deutsche bis in die zweite Runde vorgedrungen ist, hat sie sich auf Position 150 verbessert. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa