Tennis-Tagebuch

Arme aus Gummi, Beine aus Knete

Von Andrea Petkovic

16. Dezember 2007 Als ich das letzte Mal vor meinem Computer saß und eifrig in die Tasten hieb, schien es so, als wären vier Wochen meines Lebens dazu verdammt, mein Dasein auf einem Berg in der Nähe Malagas zu fristen, unter der militärischen Führung Klaus Hofsäss und zur Vorbereitung auf die Australian Open. Doch im letzten Augenblick vor meiner Abreise erreichte mich eine erlösende Nachricht per Post.

Da es eine Nachricht der Polizei war, die mich dringend dazu aufforderte, einem Aufbauseminar nachzugehen, fanden meine Eltern die Nachricht nicht ganz so erlösend wie ich. Für unbescholtene Menschen mit reiner Weste eine kurze Erläuterung: In Aufbauseminaren sitzen böse Fahranfänger, die in ihrer Probezeit mehr als zwanzig Stundenkilometer zu schnell gefahren sind oder ähnlich gefährliche Delikte zu vermelden haben. Diese Aufbauseminare bestehen aus vier Sitzungen à 135 Minuten, die über vier Wochen verteilt sein müssen - und aus einer Fahrprobe, bei der man erzählt bekommt, man könne nicht Auto fahren.

Der Haussegen hing gründlich schief

Nicht, dass ich etwa wagen würde zu behaupten, ich könnte es. Dank meiner außergewöhnlichen Fähigkeiten schaffte ich es jedenfalls tatsächlich, genau einundzwanzig Stundenkilometern zu schnell zu fahren, dabei von einer fest installierten Maschine geblitzt zu werden und auf dem Foto so eindeutig Ich zu sein, dass in keinster Weise Zweifel bezüglich der Nachschulung gehegt werden konnten. Diese befreite mich zwar von einem vierwöchigen Aufenthalt auf dem Berg, aber trieb meine Eltern verständlicherweise in schiere Verzweiflung. Ich fiel in Ungnade. Der Haussegen hing gründlich schief, nicht nur wegen des Aufbauseminars, sondern auch wegen der neuen Trainingssituation.

Unter den gegebenen Umstände erschien die verlorene Tochter - also ich - passend zur Vorweihnachtszeit wieder auf der Hausmatte und bat den Vater, das Training die kommenden vier Wochen zu leiten. Da einem Vater nichts anderes übrig bleibt als einzuwilligen, geschah es, dass ich mich wieder zurück zu den Wurzeln begab. Das hieß morgens eine zweistündige Trainingseinheit bei Papa und nachmittags Tennis- und Konditionstraining im Hessischen Tennis-Verband beim schönen Herrn Menge (Dauer- und Cheftrainer des HTV).

Es konnte ja keiner ahnen, was dann passierte

Der Blick war selbstverständlich immer Richtung Australien gerichtet. Es gab einige Zwischenhalte zu beachten, wie zum Beispiel das 100.000-Dollar-Turnier in Frankreich, bei dem ich meine Position unter den Top 100 bis zum Ende des Jahres sichern musste, und die deutschen Meisterschaften. Das neu organisierte Training schien zu fruchten, denn die erste Hürde wurde erfolgreich gemeistert. Ich erreichte im französischen Poitiers das Viertelfinale, wobei ich auf dem Weg dorthin Kirsten Flipkens glatt in zwei Sätzen besiegte, gegen die ich einen Monat zuvor in Luxemburg kläglich untergegangen war. Ein Platz unter den 100 besten Tennisspielerinnen der Welt war gesichert. Das Überqueren der zweiten Hürde sollte sich als deutlich anstrengender erweisen.

Alle Jahre wieder stehen kurz vor Weihnachten die deutschen Meisterschaften vor der Tür, immer in einer anderen Stadt unseres schönen Landes, diesmal in Biberach, und immer mit einem Mixed-Wettbewerb aufgefrischt. Auch diesmal enttäuschte der Briefträger nicht und brachte ganz klassisch eine Einladung ins Haus. Wenn man sich dem Tennis nun professionell widmet und dabei nicht gerade erfolglos ist, liegen die „Deutschen“ in einem gänzlich ungünstigen Zeitraum.

Ende November, Anfang Dezember trudelt die Art des Tennisspielers gerade aus dem Urlaub zurück und befindet sich in einer extremen Trainingsphase, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten, so auch bei mir geschehen. Ich entschied gemeinsam mit meinem Vater und Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner, dass ich trotz des Turniers voll durchtrainieren und abwarten würde, was passiert. Es konnte ja auch keiner ahnen, was dann wirklich passierte.

Der Siegeswille erwachte

Da ich aufgrund meines Aufbauseminars einen Tag später nach Biberach anreiste, wurde mein erstes Match gegen meine Freundin Korina Perkovic aus Frankfurt, genannt Koko, erst am Mittwoch angesetzt. Das war reichlich spät, denn normalerweise ist Montag oder Dienstag für die erste Runde vorgesehen. Normal ist auch, sich lediglich eine halbe Stunde vor dem Match einzuspielen. Da ich mich aber in der schon erwähnten extremen Trainingsphase befand, trainierte ich zwei Stunden am frühen Morgen, um dann um zwölf Uhr zum Match bereitzustehen.

Den ersten Satz bestritt ich mehr tot als lebendig, und meine Freundin Koko spielte das Match ihres Lebens. Die logische Folge war, dass ich im zweiten Satz im Tie-Break aufwachte, als ich gerade Matchball gegen mich hatte. Mein Siegeswille erwachte gleichzeitig - und Gott sei Dank rechtzeitig. Ich wehrte den Matchball mit einem Ass ab und verwandelte meinen eigenen Satzball ebenfalls mit einem Ass. Der dritte Satz war Formsache, auch wenn ich mit 6:4 nicht gerade auf der sicheren Seite stand.

Nicht das Ende vom Lied

Mir fehlen die Worte für eine Erklärung, wie man sich nach insgesamt fünf Stunden Tennis am Stück fühlt. Das war jedoch nicht das Ende vom Lied. Am nächsten Tag ging es weiter gegen Kathrin Wörle. Ich war wirklich müde, aber weil ich ja in einer extremen Trainingsphase war, entschied ich mich für ein einstündiges Konditionstraining vor dem Match. Wie auch schon zuvor bestritt ich den ersten Satz mehr tot als lebendig und wachte erst im zweiten Satz bei - 1:3 und Break gegen mich auf. Ich drehte das Ding und brachte es erneut mehr oder weniger sicher mit 6:4 im entscheidenden Satz und drei Stunden Spielzeit nach Hause. Ich war also eingespielt für das folgende Mixed-Doppel mit meinem Partner Lars Uebel.

Im Mixed spielt man nicht wie sonst üblich mit einem Partner des gleichen Geschlechts, sondern mit dem dazugehörigen Gegenpart. In meiner Entscheidung, wen ich wählen sollte, ging ich natürlich nicht nach Spielstärke, sondern nach Aussehen und Unterhaltungswert, so dass die Wahl lediglich auf Lars Uebel fallen konnte. Wir gewannen, und ich schlich zum Physiotherapeuten in der Hoffnung, er könne meinen Körper bis zum nächsten Tag richten. Die Hoffnung trog. Der nächste Tag kam ungebeten, und ich kroch zum Halbfinale gegen Lydia Steinbach. Ich war ja - man beachte das bitte genauestens - in einer extremen Trainingsphase, aber am Halbfinaltag hätte ich beim besten Willen nicht einen Schritt mehr als nötig machen können.

„Krankenwagen, oder geht's?“

So stand ich also auf dem Platz, verschlief abermals den ersten Satz, lag abermals im zweiten hinten, holte tatsächlich wieder auf und sah mich mit dem dritten Durchgang konfrontiert. Schwer atmend, mit Schmerzen im Rücken und im Allerwertesten, mit Armen aus Gummi und Beinen aus Knete will ich also zum dritten Mal in drei Tagen den entscheidenden Satz eröffnen, als meine Gegnerin Lydia Steinbach einen derartigen Hustenanfall bekommt, dass sie sich krümmt und windet. „Krankenwagen, oder geht's?“, fragte ich genervt, die Leute lachten, und ich wusste in diesem Moment nicht, ob Lydia oder ich den Krankenwagen eher benötigten. Dasselbe Spiel, ein neuer Tag, ich gewann den dritten Satz diesmal 7:6 und stand als atmende Leiche im Finale. Was sollte jetzt noch kommen?

Ich sage es Ihnen: 7:5, 6:7, 6:4. Spielzeit: 2:40 Stunden. Julia Görges, eine weitere Freundin, musste sich diesmal meinem Dreisatzkampf geschlagen geben. Ich war also - halt, warten Sie -, ich bin also deutsche Meisterin anno 2007. Ich war diverse Male tot, ich kratzte mindestens viermal an meinen Grenzen, ich war jeden Abend so müde, dass ich nicht schlafen konnte, aber ich bin deutsche Meisterin, und noch viel wichtiger: im Mixed ebenfalls. Klingt für mich fair.

Was das Aufbauseminar betrifft: Ich habe meinen Führerschein wieder; es war harte Arbeit, genauso wie die deutschen Meisterschaften. Und übrigens, raten Sie mal, wo ich bin. Richtig, auf dem Berg in der Nähe Malagas bei Klaus Hofsäss zur Vorbereitung auf die Australian Open. Der Mensch ist zäher, als man denkt.

Die 20 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Gestartet ist sie von Weltranglistenposition 376; in der aktuellen Rangliste ist sie auf Position 93 notiert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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