Von Hans-Joachim Leyenberg, Québec
17. Mai 2008 Heatley, immer wieder Heatley. Elfmal hat Dany Heatley bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Kanada schon für sein Heimatland getroffen. Elf Tore in acht Spielen – kein anderer Profi beim Gipfeltreffen der führenden Nationen hat eine Bilanz wie der Stürmer von den Ottawa Senators vorzuweisen. An diesem Sonntag, im Finale gegen Russland, würde er am liebsten das Dutzend voll machen.
Ein Spitzenwert in den Statistiken ist ihm schon seit Tagen sicher: Seit den tollen Tagen von Halifax, wo das kanadische Team seine Gegner von der Vorrunde bis ins Viertelfinale dominierte, ist Heatley der bislang erfolgreichste kanadische WM-Schütze.
Ich habe noch nie mit einem so guten Spieler zusammengespielt
Am Freitag, beim 5:4-Halbfinalsieg über Schweden, eröffnete er mit seinem Treffer zum 1:0 den Torreigen. Beim Endspiel in Québec werden die Russen nach Mitteln und Wegen suchen, den Paradesturm mit Heatley, Ryan Getzlaf (Anaheim Ducks) und Rick Nash (Columbus Blue Jackets) in den Griff zu bekommen. Als Trio haben sie es bei dieser WM bislang auf 20 Tore gebracht. Die russische Sturmreihe mit Alexander Owetschkin, Alexander Semin und Sergej Federow (alle Washington Capitals) schaffte 15 Treffer. Das kann also ein munteres Scheibenschießen geben.
Ein Traum für beide Mannschaften“ nannte der russische Cheftrainer Wjatscheslaw Bykow die Aussicht, die Schläger mit den Kanadiern zur kreuzen. Er sagte es erst auf Französisch und dann auch noch auf Russisch. Sein kanadischer Kollege Ken Hitchcock wünscht sich sein Team aggressiv und geduldig zugleich“. Das Rezept beschreibt exakt die Spielweise von Heatley, von dem sein Nebenspieler Rick Nash in diesen Tagen in den höchsten Tönen schwärmt: Ich habe noch nie mit einem so guten Spieler zusammengespielt. Er diktiert das Spiel und bestimmt das Tempo.“
Ich spiele Eishockey, um zu vergessen
Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der 1,90 Meter große und 98 Kilo schwere Athlet von sich gesagt: Ich spiele Eishockey, um zu vergessen.“ 2003 hatte er die Kontrolle über seinen Ferrari verloren. Er kam mit einem Kieferbruch und einer Knieverletzung davon. Beifahrer Dan Snyder, ein Teamkamerad aus Atlanta, seinem damaligen Arbeitgeber, überlebte den Crash nicht.
Familie Snyder verzieh ihm öffentlich, aber Heatley konnte sich selbst nicht verzeihen, was geschehen ist. Heatley ist wegen zu schnellen Fahrens verurteilt worden. Eine der Auflagen lautete, für den Rest seines Lebens ein Fahrzeug mit limitierter Geschwindigkeit zu steuern, sobald er wieder ans Steuer durfte. Er wollte es eine Weile auch nicht. Heatley, ein eher verschlossener Typ mit markanter Zahnlücke, spart das Trauma von 2003 aus und spricht, wenn überhaupt, lieber von der Realisierung seines Traums, mit Kanada in der Heimat Weltmeister zu werden. Immer ist einer von uns da, der das Spiel für uns gewinnt“, hat er 48 Stunden vor dem Finale gesagt. Wenn nicht er selbst, dann eben ein anderer.
Das deutsche Eishockey hoffte mal auf seine Hilfe
Vor ein paar Wintern hat es Bemühungen gegeben, diesen Superstar, als dieser noch am Beginn seiner Karriere stand, für einen Einsatz im deutschen Nationaltrikot zu mobilisieren. Er ist nämlich in Freiburg geboren, wo sein Vater Murray nach einer Eishockey-Saison beim SC Riessersee für drei Jahre Station machte. Beim SCR spielte Heatley Senior mit Franz Reindl zusammen. Der Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes erinnert sich noch heute, wie er alles versucht hat, Dany Heatley für uns zu gewinnen“.
Denn dieser hat neben seinem kanadischen auch einen deutschen Pass. Den hat er seiner Mutter, einer gebürtigen Berlinerin, zu verdanken, die der Vater nach seinem Gastspiel in Europa mit in die Heimat nach Calgary nahm. Reindl witterte eine Chance, als die Kanadier Dany Heatley nicht für die Junioren-Weltmeisterschaft 1999 nominierten. Vater und Sohn reagierten enttäuscht, hielten es dann aber doch mit Kanada und wurden für ihre Geduld belohnt. 2000 erfolgte die erste Einladung zur Junioren-WM, längst zählt Heater“, so sein Spitzname, zum Stammpersonal von Team Canada“.
Trainer Hitchcock bescheinigt seinem momentanen Paradestürmer, sich toll entwickelt zu haben: Er hatte schon immer einen schnellen Stock, jetzt hat er auch schnelle Kufen.“ Nur mit rasend schnellen Autos komme man ihm besser nicht. Keine WM gibt den Rahmen dafür her, darüber zu reden. Schon gar nicht in den Stunden vor einem Finale. Auch dann nicht, falls Dany Heatley immer noch Eishockey spielen sollte, um zu vergessen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa