Von Hans-Joachim Leyenberg, Düsseldorf
16. November 2008 Das Ende kam unvermittelt. So ein körperlicher Schmerz wie am Samstag in Düsseldorf war Luan Krasniqi in der Spanne von zwanzig Jahren, die er nun schon boxt, noch nie widerfahren. Da musste erst ein Alexander Dimitrenko kommen. Knapp zehn Zentimeter größer, gut 14 Kilo schwerer und vor allem elf Jahre jünger als der Herausforderer aus Rottweil.
Für den Ukrainer Dimitrenko kam der K.o. in Runde drei über Krasniqi einer Inthronisierung gleich. Er ist mit seiner makellosen Bilanz von 29 Siegen in 29 Kämpfen die kalkulierbare Größe im Schwergewicht, der kommende Mann, während sein Promoter Klaus-Peter Kohl nie so recht wusste, woran er bei Krasniqi war. Da gab es das im September 2005 in der Schlussrunde grandios verlorene denkwürdige WM-Duell mit Lamon Brewster, aber auch verzagte Darbietungen wie die gegen Przemyslaw Saleta, als Krasniqi aufgab.
Dimitrenkos Trainer: Unser Plan ist aufgegangen
Da war sich dann der eloquente Boxer, der unter anderem Politik und Kultur als Hobbys anführt, hinterher selbst ein Rätsel. So wie zuletzt im Juli gegen Tony Thomson, als Krasniqis Vorstellung einfach nur noch peinlich war. In den Top Ten der Weltranglisten ist kein Raum mehr für ihn. Dort hat Dimitrenko, inzwischen die Nummer eins der WBO, einen Stammplatz. Er ist Träger des Inter-Continental-Gürtels, um den es am Samstag ging. Aber dort ging es um viel mehr - für Krasniqi um Sein oder Nichtsein im Boxgeschäft.
Krasniqi, ein Typ mit ausgeprägtem Ehrgefühl, wollte so, wie er sich zuletzt präsentiert hatte, nicht aufhören. Jetzt, nach der trotz des K.o. respektablen Vorstellung von Düsseldorf, könnten ihn Schulterklopfer dazu bringen, auch weiterhin die Handschuhe zu schnüren. Unser Plan ist aufgegangen, behauptete sein Trainer Valentin Silaghi im Brustton der Überzeugung. Nicht ganz, widersprach der neben ihm sitzende Krasniqi mit einem gequälten Lächeln.
Krasniqis Trainer: Wir haben uns den Körper ausgesucht
Mit Führ- und Schlaghand war er zwar schneller als Dimitrenko, punktete in Runde zwei, doch durchgehend zeichnete sich ab, dass die Wucht in Dimitrenkos Hieben nachhaltig Wirkung zeigen würde. Wir haben uns den Körper ausgesucht, nannte Fritz Sdunek die gezielte Wahl des maßgeschneiderten Gegenmittels für Krasniqis Angriffe. Dimitrenko traf mit seinem Konter die Leber. Es ist der gemeinste Schlag im Boxen, gab sich Kohl mitfühlend. So einen höllischen Schmerz habe ich noch nie erlebt, es brennt, die Luft bleibt weg, erinnerte sich Krasniqi.
Der Gang Kohls in die Ringecke des Verlierers glich einem Kondolenzbesuch. Krasniqi war stets gut für die Quote im Fernsehen, ein Gesicht, mit dem Sternstunden, aber auch Pech und Pleiten assoziiert werden. Das ist kein alter Mann, sparte der Chef von Universum Box-Promotion nicht mit Komplimenten, als die Frage nach Krasniqis Zukunft aufkam. In seltener Einmütigkeit spielten der Promoter und sein sperriger Boxer, stets Benachteiligung witternd, Doppelpass: Ich fühl' mich wie mit 28, sprach der tatsächlich Siebenunddreißigjährige. Da drehte einer die Zeit zurück.
Dimitrenko traut einen Sieg über Wladimir Klitschko zu
In der Rückschau sind es vergebene Chancen und damit verschenkte Jahre. Die spannende Frage bleibt, ob Luan Krasniqi die Kurve kriegt. Ihm, schon länger ein gefragter Boxexperte gleich mehrerer Fernsehsender, bleibt immer noch die Rolle, gefahrlos frei von der Leber weg die Leistungen anderer zu beurteilen. Denn theoretisch weiß er längst, wie man Weltmeister wird. Von den Leichtgewichten bis hinauf zur Königsklasse, der von ihm und Alexander Sascha Dimitrenko. Der kam einst auf Vermittlung seiner Landsleute, den Klitschko-Brüdern, nach Deutschland zu Trainer Sdunek.
Eines gar nicht mehr so fernen Tages, Ende 2009 oder 2010, traut sich dieser Dimitrenko einen Sieg über Wladimir Klitschko zu. Ohrenzeuge Krasniqi richtete erst den Blick zur Decke und suchte dann Halt bei langjährigen Weggefährten. Auch Regina Halmich war darunter. Was sie ihm rät? Diplomatisch, wie die Pionierin des Frauenboxens nun einmal ist, legte sie sich nicht fest. Wer sie kennt, hörte ihr Votum heraus: Ich hoffe, dass Luan seinen Seelenfrieden findet. Sie hat ihn gefunden - ohne Rückkehr in den Ring.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa