Wahlen in der Ukraine

Der Bürgermeister und der Boxer

Von Reinhard Veser

“Ja, Klitschko!“ heißt die Kampagne des selbsternannten Jungreformers

"Ja, Klitschko!" heißt die Kampagne des selbsternannten Jungreformers

26. März 2006 Von Politik war vor vier Monaten noch nicht die Rede. In den ersten Tagen nach dem Ende seiner sportlichen Karriere wegen einer Trainingsverletzung antwortete Witali Klitschko auf die Fragen nach Zukunftsplänen in vielen Interviews mit dem Hinweis auf sein soziales Engagement. Über seinen Wohnsitz äußerte er sich unbestimmt: Er wolle mehr Zeit als bisher in seiner Heimatstadt Kiew verbringen, doch sei er auch in Deutschland heimisch geworden. "Ich möchte mich nicht in einem Land festsetzen", sagte er, er sei Kosmopolit.

An diesem Sonntag will Witali Klitschko zum Bürgermeister von Kiew und zum Abgeordneten im ukrainischen Parlament gewählt werden. "So beliebt die Brüder Klitschko in Deutschland auch sein mögen - ganz zu Hause werden wir dort nie sein", rief er den Kiewern im Wahlkampf zu. Auf der zur Rednerbühne umgebauten Laderampe eines Lastwagens, den sein Bild und der große Schriftzung "Ja! Klitschko!" auf orangem Grund schmücken, erzählte er in den grauen Kiewer Vorstädten von seinen Kontakten in alle Welt, die er für die Stadt nutzbar machen wolle, daß er die Bürgermeister solcher Städte wie Los Angeles, New York und Berlin kenne.

Es sprach der Boxweltmeister, der Bürgermeister werden will

Witali Klitschko im Oktober 2004 mit Viktor Juschtschenko

Witali Klitschko im Oktober 2004 mit Viktor Juschtschenko

Die Botschaft lautet: Hier steht einer, der die Wahl hätte, woanders zu leben, der sich bewußt für diese Stadt entschieden hat. In einem Land wie der Ukraine, in dem von 48 Millionen Einwohnern fünf Millionen immer wieder ins Ausland gehen, um dort mit Schwarzarbeit den Lebensunterhalt für ihre Familien zu sichern, kann man damit Punkte machen.

"Ich spreche nicht als Boxweltmeister, sondern als Kandidat für das Amt des Bürgermeisters zu euch", sagte Klitschko seinen Zuhörern bei Wahlkampfauftritten. Es sprach der Boxweltmeister, der Bürgermeister werden will. Sein gesamtes politisches Kapital ist seine Bekanntheit als Sportler, und er setzt dieses Kapital bewußt ein, so wie er es schon einmal während der orangen Revolution Ende 2004 machte, als er erstmals politisches Engagement zeigte. Damals zeigte er sich nicht nur regelmäßig bei den wochenlangen Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen in der Präsidentenwahl: Bei seinem letzten großen Kampf im Dezember 2004, mit dem er seinen Weltmeistertitel gegen Danny Williams verteidigte, hatte er zum Zeichen der Unterstützung für die Demokratiebewegung ein oranges Band an der Hose.

Die Person als Programm

Manche Wahlkampfauftritte Klitschkos in den vergangenen Wochen waren vor allem Autogrammstunden. Klitschko hat seine Person zum Programm gemacht. Er setzt darauf, daß man dem in aller Welt ob seiner Fairness bekannten Sportler glaubt, daß er gegen die grassierende Korruption kämpfen wird. So ist er zum wichtigsten Konkurrenten des Kiewer Bürgermeisters Oleksandr Omeltschenko geworden, der zuletzt immer nervöser reagierte, obwohl er in den Umfragen bis zuletzt deutlich führte. Viele Kiewer scheinen Klitschko zu glauben, daß er es ernst meint. Allerdings waren auch andere Stimmen zu vernehmen: Er sei einer, der schon Geld habe und nun auch noch Macht wolle.

Der Bürgermeister und der Boxer galten lange Zeit als Freunde. Wann immer es ihm möglich war, saß Omeltschenko bei den Kämpfen Klitschkos in der Nähe des Rings. In Kiew gibt es Gerüchte, die Brüder Klitschko hätten aufgrund ihrer guten Beziehungen zum Stadtoberhaupt Grundstücke im Zentrum unter Marktwert erhalten. Gerade gegen diese Art von Geschäften, die in Kiew wegen der hohen Immobilienpreise sehr einträglich sein können, aber richten sich Klitschkos härteste Angriffe. Die Stadtverwaltung treibe Unternehmen gezielt in den Bankrott, um deren Immobilien dann günstig an Günstlinge und Verwandte hochgestellter Personen vergeben zu können, sagte er diese Woche.

Klare Regeln im Sport, nicht so in der Politik

Doch obwohl sich Klitschkos Wahlkampf gegen das "System der Korruption" richtet, das sich in der Stadtverwaltung von Kiew eingenistet habe, hat er sich über den Bürgermeister immer zurückhaltend geäußert, ja von menschlicher Hochachtung gesprochen. Omeltschenko dagegen äußerte sich in einem Interview diese Woche kryptisch: Jetzt könne er nichts über Klitschko persönlich sagen, das sei eine "Frage der Moral" - aber nach der Wahl. Schweres rhetorisches Geschütz fuhr er gegen Klitschkos Wahlkämpfer auf: Sie kämpften mit Goebbels-Methoden gegen ihn.

Harte Worte über Omeltschenko kommen in jüngster Zeit freilich auch aus den Reihen von Klitschkos Unterstützern. Sie glauben, der Bürgermeister persönlich sei dafür verantwortlich, daß Klitschko auf anonymen Flugblättern Verbindungen zur Mafia unterstellt wurden, daß Kirchen und andere Baudenkmäler mit Klitschko-Parolen beschmiert wurden und daß Klitschkos Plakate gezielt zerstört werden. Trauriger Höhepunkt dieser Form der Auseinandersetzung war ein Zwischenfall in der Nacht zum Mittwoch, als ein Polizist einen Helfer von Klitschkos Kampagne beim Versuch, ihn festzunehmen, mit einem Schuß schwer verletzte. Warum der junge Mann festgenommen werden sollte und wie es zu dem Schuß kam, ist noch nicht geklärt. Nach Aussagen aus Klitschkos Stab war das aber nicht der erste Fall, in dem die Sicherheitskräfte gegen dessen Wahlkämpfer vorgingen.

In einer Erklärung an die Kiewer am Freitag, dem letzten Tag des Wahlkampfs, bat Klitschko die Bürger, die Flugblätter nicht einfach wegzuwerfen, in denen Lügen und Verleumdungen über ihn verbreitet würden, sondern sie aufmerksam durchzulesen: "Können denn Menschen mit guten Gedanken und Taten zur Verbreitung von Verleumdungen schreiten, zu so niedrigen Schritten?" Klitschko hat die Tiefschläge des Wahlkampfs schon kurz nach der Ankündigung seiner Kandidatur im Januar mit der Äußerung kommentiert, im Sport gebe es klare Regeln, für die Politik gelte das offenbar nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 17
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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