Von Thomas Klemm, Paris
28. Mai 2007 Alles scheint wie immer für Justine Henin in Paris, und doch ist es diesmal anders. Es sind Äußerlichkeiten, die sich verändert haben, und sie alle haben ihre eigene Geschichte. Die French Open sind nicht mehr dieselben wie vorher, nachdem sie als vorletztes Grand-Slam-Turnier die Siegprämien für Damen auf das Niveau der Herren angehoben haben.
Der Damenwettbewerb ist nicht mehr der Gleiche, weil Justine Henin nach dem Karriereende ihrer langjährigen Rivalin Kim Clijsters plötzlich die einzige Belgierin im Teilnehmerfeld ist. Und die Tennis-Weltranglistenerste selbst ist eine andere geworden, seit sich ihr Familienstand verändert hat. Im Gegensatz zu den Jahren 2003, 2005 und 2006, als sie jeweils bei den French Open triumphierte, tritt sie diesmal wieder unter ihrem Mädchennamen an; der zweite Teil ihres bisherigen Familiennamens, den sie seit ihrer Hochzeit mit Pierre-Yves Hardenne im November 2002 getragen hatte, ist nach der Trennung getilgt. Sie führe nun ein anderes Leben, sagte Justine Henin. Es ist viel passiert in den vergangenen Monaten, aber jetzt kann ich sagen, dass ich sehr glücklich bin.
Es gibt in Roland Garros keinen ruhigen Ort
Nach dem Pech in der Liebe hofft die Belgierin bei ihrem Lieblingsturnier nun auf das Glück im Spiel. Zum Auftakt am verregneten Pfingstsonntag musste sie lange darauf warten: Nach einer sechsstündigen Regenunterbrechung benötigte die Titelverteidigerin obendrein 89 Minuten Spielzeit, um nach dem mühsamen 6:4, 6:3-Erfolg über die Russin Elena Wesnina in die zweite Runde einzuziehen, in der sie auf die aufstrebende Österreicherin Tamira Paszek trifft.
Ich habe das Turnier so begonnen, wie ich das letzte in Berlin beendet habe, haderte Justine Henin. Bei den gleichfalls verregneten German Open hatte sie vor zehn Tagen ihr Viertelfinalmatch vom Vortag zu Ende bringen und kurz darauf zum Halbfinale antreten müssen, in dem sie an ihrer Müdigkeit und der Russin Swetlana Kusnetzowa scheiterte.
Australian Open wegen Ehekrise abgesagt
Bei den French Open, wo am Sonntag nur sieben der 24 angesetzten Spiele absolviert werden konnten und auch tags darauf der Spielplan von den Regenfällen verwässert wurde, trotzte sie den widrigen Umständen; der Warterei im Umkleideraum ebenso wie dem Andrang auf der Anlage, wo Zuschauer unter dem allerkleinsten Vordach Schutz vor den Schauern suchten. Der Lärm war enorm. Es gibt in Roland Garros keinen ruhigen Ort.
Im Pariser Getümmel feiert Justine Henin an diesem Freitag nicht nur ihren 25. Geburtstag, sondern auch ein kleines Grand-Slam-Comeback. Nachdem sie im vergangenen Jahr bei jedem der vier bedeutendsten Tennisturniere das Endspiel erreicht hatte - aber nur die French Open für sich entschied -, sagte sie zu Jahresbeginn ihre Teilnahme an den Australian Open wegen ihrer Ehekrise ab. Sie nahm sich einige Wochen Auszeit und lernte, die neue Situation zu akzeptieren. Als sie Mitte Februar schließlich in die Saison startete, knüpfte sie schnell an ihre alte Schlagfertigkeit an. Von den sechs Turnieren, bei denen sie bis zu den French Open antrat, gewann sie drei: in Dubai, Doha und Warschau. In Berlin, bei der Generalprobe für das Sandplatzturnier von Roland Garros, wurde sie vom Regen aufgehalten.
Nur Monica Seles gewann dreimal in Serie
Ich bin diese Witterungsbedingungen langsam leid, sagte die Belgierin, die sich bei den French Open auch mit ihrer Spielansetzung nicht recht anfreunden konnte. Als Titelverteidigerin gleich am Eröffnungssonntag ins Turnier zu starten, das empfand Belgiens Sportlerin des Jahres 2006 geradezu als Strafe, die sie hinzunehmen gezwungen war: Wenn ich meinen Job an diesem Tag erledigen muss, dann werde ich ihn eben erledigen.
Das, was Justine Henin lediglich als ihren Job bezeichnet, nennen die Rekordbuchhalter von Roland Garros eine historische Mission. Wie Rafael Nadal, der bei den Herren als zweiter Tennisprofi nach Björn Borg (1978 bis 1981) zum dritten Mal nacheinander die French Open gewinnen könnte, so schickt sich die Weltranglistenerste an, die zweite Frau in der Open Era zu werden, der ein Hattrick gelingt; bisher triumphierte nur die Amerikanerin Monica Seles dreimal in Serie in Paris (1990 bis 1992). Justine Henin und Roland Garros, das bezeichnet die Belgierin selbst als eine lange, sehr schöne und sehr emotionale Geschichte. Ich hoffe, sie setzt sich fort.
Ich schaue nur noch nach vorne
Voraussichtlich an diesem Mittwoch wird diese Fortsetzungsromanze auf eine harte Probe gestellt. Ihre gerade einmal 16 Jahre alte Gegnerin Tamira Paszek lobt die Belgierin als Gewinnertyp; beim bisher einzigen Aufeinandertreffen Ende Februar in Dubai musste Justine Henin über drei Sätze gehen, um die auf Weltranglistenplatz 72 notierte Österreicherin zu besiegen.
Es war damals der Auftakt zu ihrem ersten Turniersieg, nachdem Justine Henin auf die WTA-Tour zurückgekehrt war. Dieses erfolgreiche Comeback hat die Weltranglistenerste nicht vergessen, die privaten Turbulenzen davor hat sie verdrängt. Man muss im Leben hinnehmen, was hinter einem liegt. Ich schaue nur noch nach vorne.
Text: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 32
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