03. März 2007 Jan Ullrich ist vom Rad gestiegen – es war die Sportmeldung dieser Woche. Falls er sich je gedopt haben sollte, so kann er nun damit aufhören. Er betritt eine neue, verlangsamte Welt, die wilden Kicks der Straßenrennen sind Vergangenheit, die berauschenden Erfolge, die großen Emotionen. Viele Sportstars können darauf nur schwer verzichten, sie haben Schwierigkeiten, im gemäßigten Leben nach der Karriere Fuß zu fassen.
Jan Ullrich ist höchst gefährdet“, sagt der Heidelberger Sportpädagoge Professor Gerhard Treutlein. Er könnte versuchen, sich die bisherigen Glücksgefühle mit Hilfe von weichen oder sogar harten Drogen zu verschaffen.“ Eine übertriebene Sorge? Vielleicht. Allerdings hat Ullrich nach eigenen Worten in seiner aktiven Zeit sogar während der Tour de France auf seinen abendlichen Rotwein nicht verzichtet. Und Peter Becker, Ullrichs Vaterfigur und langjähriger Trainer, hat schon im Juli vergangenen Jahres, als Ullrichs Verwicklung in die spanische Doping-Affäre bekannt wurde, in einem Interview noch viel deutlichere Worte gefunden: Er darf nicht sich selbst überlassen werden oder sogenannten Freunden“, wurde er in der Welt“ zitiert. Und: Die falschen Freunde könnten bewirken, dass er zum Alkoholiker wird.“
Mannschaftssaufen, Stiefeltrinken
Alkohol und Sport – das ist kein Gegensatz. Beide sind eng miteinander verbunden, obwohl mit dem gesunden Geist im gesunden Körper nicht gerade der Weingeist gemeint ist. Der berauschende Leistungsverminderer hat mit dem Sport so viel zu tun wie der Sport mit dem Leben. Erstens lernen viele junge Menschen das Trinken ausgerechnet im Sportverein: beim Mannschaftssaufen, beim Stiefeltrinken oder wenn der Sponsor als Anerkennung für gute Leistungen einen Kasten Bier in die Kabine stellen lässt. Zweitens wählen sich viele Jugendliche ihre Vorbilder im Sport. Und die führen ihnen vor, wie man lebt und feiert.
Wer Fußball spielt, dem wird eine ganze Palette von Möglichkeiten vorgeführt: vom hemmungslosen Kampftrinken der Engländer bis zum saisonalen Absturz wie beim FC Bayern München. Die Kicker von der Insel folgen einem traditionellen Verhaltenskodex: Saufen, bis die Schwarte kracht, und sich danebenbenehmen.
Werbeträchtige Orgie
Einer der ganz Großen auch in diesen Disziplinen war George Best, der nach einer langen und promillereichen Karriere schließlich an einer zerstörten Spenderleber starb – einer der vielen tragischen Fälle von Trunksucht im Sport. Sein wichtigster Konkurrent auf diesem Fachgebiet: Paul Gascoigne, berühmt für seine Pöbeleien, exzessiven Saufgelage und obszönen Unterhaltungsbeiträge. Von der Weltmeisterschaft 1990, wo sein Stern aufging, kehrte Gascoigne mit umgeschnallten Brüsten aus Plastik zurück. 1996 war er der Anführer, als die Nationalmannschaft beinahe ein Flugzeug zur Notlandung zwang. Er zertrümmerte in volltrunkenem Zustand zehntausend Meter über der Erde die Inneneinrichtung. Nach der Karriere stürzte er völlig ab, die englischen Boulevardzeitungen spielten die Begleitmusik und zitierten ihn so: Ich sah nur noch die Möglichkeit, zu sterben oder mich zu Tode zu trinken.“ Offenbar entschied sich der heute Neununddreißigjährige damals für Variante zwei.
Der FC Bayern München hingegen zieht es vor, sich fürs öffentliche Alkoholtrinken bezahlen zu lassen. Zum vorzeitigen Gewinn des deutschen Meistertitels 2005 ließ der Sponsor einen ganzen Container voller Freibier zum Stadion in Kaiserslautern bringen. Drinnen überschütteten Spieler und Trainer einander vor laufenden Kameras mit Weißbier aus riesigen Gläsern, besonders stolz schien ARD-Reporter Waldemar Hartmann darauf zu sein, dass er bei der übelriechenden Schweinerei nicht vergessen wurde. Nach dieser werbeträchtigen Orgie war der ausgewiesene Teetrinker Felix Magath allerdings so schnell so schwer betrunken, dass er auf das anschließende Meisterbankett auf einem schwankenden Rheinschiff verzichten musste.
Gerstensaft-Ikone Udo Lattek
Fußball und Bier“, sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm, gehören für viele Leute untrennbar zusammen. Und die Werbung nutzt das für ihre Zwecke.“ Auf den Banden versprechen Brauerzeugnisse eine feucht-fröhliche Nachbereitung, bereits im Stadion tragen Zuschauer überschwappende Bierbecher mit sich herum, in den Kneipen treffen sich samstags Männergruppen zur Bundesliga, der Zapfhahn sprudelt, während auf den Bildschirmen Krombacher, Licher und Becks ihre Produkte schäumen lassen. Dass viele Sportler für alkoholfreie Biersorten werben, ist da nicht mehr als ein Feigenblatt.
Es gab Zeiten, da unterhielt man sich beim zwölften Pils besorgt über den armen Trainer Branko Zebec, der besoffen in der Kabine sein Bundesligaspiel verschlief. Über die Gerstensaft-Ikone Udo Lattek. Über Gerd Müller, der nach seinem Karriereende dem Alkohol verfiel und erst mit Hilfe seiner Starkollegen vom FC Bayern wieder auf die Beine kam. Diesen war die schwere Sucht erspart geblieben. Und das, obwohl in den achtziger Jahren auch in der Nationalmannschaft hochmotiviert dem Alkohol zugesprochen wurde. Das Vorbereitungstrainingslager auf die WM 1982 in Spanien etwa fand an einem Schwarzwälder Gewässer statt, das nur noch Schlucksee“ genannt wurde.
Lallemannia Aachen
Ob das heute anders ist? Erst in der vergangenen Woche zog der Liverpooler Spieler Bellamy seinem Mannschaftskollegen Riise im Suff mit dem Golfschläger eins über, angeblich weil der sich weigerte, beim Karaoke mitzusingen. Wenige Tage später erzielte Riise auf Vorlage Bellamys gegen den FC Barcelona ein Tor. Saufkumpane reinsten Wassers eben.
Meldungen über Alkoholfahrten im Fußball sind Alltag. Jüngst traf es die Aachener Spieler Schlaudraff und Ebbers (0,51 Promille am frühen Sonntagmorgen), die mit einem Porsche in die Leitplanken schrammten, bereits kurz vorher ihren Mannschaftskollegen Sichone, der nachts um zwei nach ein paar Cocktails“ seinen schweren Audi gegen einen Metallzaun setzte. Seitdem spottet Bild“ über Lallemannia Aachen“. Aber auch der Brasilianer Robinho erschien bei Real Madrid im Januar zweimal betrunken beim Training, woraufhin der Verein die Medien vom Training ausschloss. Alkohol am Steuer, mit Fahne zum Training – Vorbilder für die Jugend sehen anders aus.
Wer sich freut, säuft
Auch Kimi Räikkönen, einer der weltbesten Autorennfahrer, schert sich wenig um das Bild, das er in der Öffentlichkeit abgibt. Der Finne ist für seine Alkoholeskapaden genauso berühmt wie für seine schnellen Formel-1-Runden. Es gibt ein Video, das zeigt, wie er volltrunken vom Oberdeck einer Yacht plumpst. Dazu genüssliche Berichte, wie er bei Zechgelagen und in Nachtklubs einmal seine Vorder-, ein anderes Mal seine Hinterseite entblößte. Und das in der Zeit, als er für den um Vornehmheit bemühten Rennstall McLaren-Mercedes Gas gab. Sternchen sehen für die Marke mit dem Stern? Es war keine leichte Zeit für die PR-Leute der Untertürkheimer. Allerdings wird das Team auch in diesem Jahr für die Whiskymarke Johnny Walker Werbung fahren.
Räikkönens neuer Arbeitgeber Ferrari hat denn auch vorgesorgt. Dem Finnen wurde das Alkohol-Tanken in der Öffentlichkeit verboten. Sollte Räikkönen allerdings bei einem Grand Prix unter den ersten drei landen, hätte er damit wohl ein Problem. Gegen die Champagnerschlacht im Auftrag des zahlenden Produzenten ist der durstige Nordländer leider machtlos. Bei solchen Gelegenheiten sah man denn auch jahrelang den disziplinierten Michael Schumacher den Flaschenhals an die Lippen setzen. Ein klares Signal an die Großen und Kleinen daheim: Wer sich freut, säuft.
Schwere Zeiten für Bode Miller
Ob auf der Rennpiste oder auf der Skipiste, also dort, wo Trunkenheit die größte Gefahr für Dritte mit sich bringt – der Alkohol fährt mit. Auch die ausdauernden Schirmbar-Kunden, deren Schwünge mit jedem Jagertee im Kopf noch ein bisschen schnittiger werden, haben ihr Vorbild: den Amerikaner Bode Miller. Er gilt als Rebell der Szene, was man daran festmachen kann, dass er gerne an der Bar den großen Mann spielt. Sein Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CBS, in dem er behauptete, schon betrunken zu Skirennen gestartet zu sein, hat seinem Ruf allerdings geschadet. Einige Male war mir richtig schlecht“, tat er sich groß und forderte seine Zuhörer auf: Versuchen Sie mal, unter Alkohol Ski zu fahren.“
Als Miller während der Winterspiele 2006 in Turin mehrmals dabei beobachtet wurde, wie er sich auf Partys die Kante gab, sah sich der amerikanische Skiverband gezwungen zu handeln. Es wurde verfügt, dass er von seinem Wohnmobil ins Mannschaftshotel ziehen müsse. Dort, hieß es, wurde von den Trainern vorsichtshalber seine Minibar ausgeräumt. Schwere Zeiten für Bode Miller: Der ehemalige Gesamtweltcupsieger war auch schon lange nicht mehr siegestrunken.
Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, keinen Alkohol zu trinken. Aber als (mein Freund) Eyk sich Wein bestellte, dachte ich: Weshalb halte ich mich eigentlich zurück? In den nächsten Wochen kann ich sowieso nicht trainieren. Da saßen wir nun und redeten über diesen völlig verkorksten Tag. Der ganze Frust kam in mir hoch. Als wir später zahlten, standen drei Flaschen Rotwein auf der Rechnung. Getrunken hatte ich sie fast allein.
Aus dem Buch Jan Ullrich mit Hagen Boßdorf: Ganz oder gar nicht - Meine Geschichte, Econ-Verlag
Text: F.A.Z.
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