01. Oktober 2008 Die Stiftung Deutsche Sporthilfe präsentierte beim Club-Urlaub verdienter Athleten in Agadir olympische Momente im Film. Es ging ein Raunen durch das Theater, als Matthias Steiners Gesicht in Großaufnahme auf dem Weg zur Hantel gezeigt wurde. So entschlossen und aggressiv wirkte der Gewichtheber. Sein Gold war einer der bewegendsten Momente der Spiele. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er mit dem Abstand einiger Wochen über Perfektion, Trubel in der Tankstelle und eine neue feste Beziehung nach dem Tod seiner Frau.
Was ging Ihnen damals in Peking beim Weg zur Hantel durch den Kopf?
Entschlossen ist der richtige Begriff. Ich wollte das Ding gewinnen. Das war mein einziger Gedanke. Ich habe nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen. Ich weiß vom ganzen Versuch gar nichts mehr.
Aber Sie bekommen die Erinnerung nachgereicht. Wie oft haben Sie Ihren Stoß zu Gold schon im Fernsehen gesehen?
Über 50-mal bestimmt. Ich sehe mir aber nicht das Drumherum an, ich analysiere den Versuch selbst. Da waren kleine Fehler drin, und das ist gut so. Ich hätte ein Problem in der Zukunft, wenn schon alles perfekt gewesen wäre.
Was haben Sie denn falsch gemacht beim Gold-Stoß?
Mit bloßem Auge hat man schon gesehen, dass ich in der Hocke sitzen geblieben bin. Das kostet unnötig Kraft, zum Glück hatte ich genug Überschuss. Der Ausstoß war nicht schlecht, geht aber auch noch besser. Viel genauer kann man das noch am Computer analysieren, da sieht man anhand der Messwerte und Hantelkurve, wie weit man vom Optimum ist.
Sie waren also schon näher an der Perfektion als beim Gold-Versuch?
Ja, bei der Europameisterschaft, da war überhaupt kein Fehler drin, da hab ich das Leitbild für alle anderen Athleten abgegeben.
Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von Ihrem Olympiasieg sehen? Sind die Emotionen noch frisch?
Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich sehe, wie das Publikum auf die Bilder reagiert. Mir wird klar, das ist ein unfassbarer Moment, der geht nimmer weg, von dem profitierst du ewig.
Denken Sie jeden Tag an den Olympiasieg, begleitet er Sie im täglichen Leben?
Ja, ich denke, du hast etwas gepackt, was die wenigsten Menschen packen, und diesen Gedanken lege ich aufs Leben um. Was du anpackst, kriegst du auch im Leben hin.
Welcher Moment Ihres Triumphes ist Ihnen am meisten präsent?
Ich weiß nicht mehr, wie ich an die Hantel gegangen bin, ich weiß nicht mehr, wie ich da rumgesprang. Ich habe nur einen Moment präsent: Wie ich die Hantel über mir habe, und ich weiß, es ist durch, dir kann niemand mehr Gold nehmen. Ein unfassbarer Moment.
Versuchen Sie ihn in Worte zu kleiden.
Es war als wären tausend Ketten um mich gespannt und in diesem Moment reißen alle auf.
Werden Sie jetzt auf der Straße erkannt?
Absolut, egal, wo ich bin, das hat Ballack-Dimensionen erreicht, ungelogen. In Fußgängerzonen geht es noch, aber in jedem Geschäft gibt es Trubel, an jeder Tankstelle, sogar in der tiefsten Pampa.
Sind Sie genervt?
Nein, ich genieße es, und ich denke nicht, dass das Gefühl kippen wird.
Ihnen ist im Sporthilfe-Club der Champions von den anderen Athleten viel Sympathie entgegen geschlagen – im normalen Leben auch oder ist es mehr Neugier?
Wohin ich komme, spüre ich Sympathie. Ich hatte ja auch das Glück, dass alle günstigen Faktoren bei meinem Olympiasieg zusammenkamen.
Welche meinen Sie?
Zunächst habe ich den Olympiasieg in den letzten Wochen vor Peking angekündigt, also Erwartungen geweckt. Dann erfüllte ich im letzten Versuch mit Bestleistung die Erwartungen. Es hat mich auch begünstigt, dass Fabian Hambüchen nicht auch Gold gewonnen hat, der im selben Moment geturnt hat. Es tut mir unheimlich Leid für ihn, aber die Aufmerksamkeit konzentrierte sich so auf mich. Dann hatte ich das Glück, dass die Leute meine Art zu jubeln mochten. Ich habe auf Internetplattformen und Blogs immer wieder Kommentare gelesen, in denen stand: Endlich einer, der nicht so cool und abgebrüht tut, geil, wie er sich freute, auf so einen haben wir gewartet, ungekünstelt. Dann kam die Siegerehrung, als ich das Foto meiner gestorbenen Frau hochhielt. Ich tat das für mich, nicht für die Öffentlichkeit. Aber es tat den Leuten gut zu sehen, dass im Leben immer weitergeht, dass es neue Lichtblicke gibt. Dann, dass ich die Hymne mitsingen konnte, obwohl ich aus Österreich komme. Ich habe den Text im Trainingslager auswendig gelernt, weil ich dachte, vielleicht kannst du das irgendwann gebrauchen. Aber ich tat es auch, weil ich mich sauwohl in Deutschland fühle.
Ihr Gold war durch Ihre persönliche Leidensgesichte ein ganz Besonderes. Sind Sie froh, so offen darüber gesprochen zu haben oder fühlen Sie sich manchmal entblößt?
Nein, ich fühle mich nicht entblößt. Ich sprach nicht darüber, weil ich einen Vorteil daraus ziehen oder mehr Aufmerksamkeit haben wollte. Ich wollte eine Botschaft loswerden. Jeden treffen andere Schicksalsschläge: Rollstuhl, Krebs oder Verlust seines Liebsten, wie in meinem Fall. Ich wollte klarmachen, dass Selbstmitleid dann das Schlimmste ist. Ich habe ja selbst erlebt, wie groß die Gefahr ist und ohne den Sport und andere Leute hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Ich wollte allen in verzweifelten Situationen sagen: Du musst Verantwortung für dich und andere übernehmen, sonst kommst du aus dem Drecksloch nicht heraus. Ich bereue gar nichts. Aber eines ist auch klar: Nach der Sendung Menschen des Jahres“ im Dezember muss mit dem Thema Schluss sein. Nicht alle 80 Millionen Deutsche müssen davon wissen.
Hat der Olympiasieg ihr Leben einfacher oder komplizierter gemacht?
Es war wirklich extrem. Das Telefon hat gar nicht mehr aufgehört zu klingeln, teilweise wurden die Leute unverschämt.
Sind Sie mit der Situation überfordert?
Nein, obwohl ich nicht damit gerechnet habe. Ich glaubte, nach zwei Wochen Trubel wäre alles vorbei. Aber ich kann schon verstehen, warum es so ist. Wäre ich nur so bekannt, weil ich hübsch wäre, wäre mir das vielleicht unangenehm. Aber ich habe vielen Menschen Mut gemacht.
Haben Sie Ihr Gold schon versilbert?
Bis jetzt noch gar nicht. Ich lebe in derselben Situation wie vor dem Olympiasieg. Ich will nichts überstürzen, ich bin ja noch in den Medien präsent. Ich möchte ein richtiges Paket mit einem guten Konzept, mit dem ich mich identifizieren kann.
Haben Sie schon einen Manager?
In diesen Tagen unterschreibe ich den Vertrag mit Alexander Elbertzhagen.
Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit?
Er soll mich beraten und Vermarktungskonzepte entwickeln. Ich würde daran kaputtgehen, wie bisher jede Anfrage selbst entgegenzunehmen. Ich werde aber auch alles prüfen, was er mir vorschlägt und einen unabhängigen Berater in Sachen Steuer und Recht werde ich auf jeden Fall auch hinzunehmen. Ausserdem steht die Klausel im Vertrag, dass im ersten halben Jahr nach Abschluss beide Seiten das Recht haben, ohne Angabe von Gründen, das Verhältnis zu beenden.
Haben Sie Angst, falsche Entscheidungen zu treffen?
Es wird sicher passieren, aber ich habe keine Angst davor. So ist nun mal das Leben, es wäre dann wieder nur eine neue Erfahrung. Man muss intuitiv handeln.
Wovon leben Sie im Moment?
Von der Sporthilfe, dem Verein und vom Verband. Alle anderen Gewichtheber verdienen mehr. Sie sind bei der Bundeswehr angestellt, ich nicht, weil Diabetiker nicht zum Bund dürfen. Der Olympiasieger kriegt weniger als der Rest, aber ich habe mich darauf eingelassen, weil ich es ja über meine Leistung selbst in der Hand hatte, es zu ändern.
Sind Sie jetzt glücklicher als vor Peking?
Zufriedener. Jooaa, zufrieden mit sich selbst zu sein ist Glück genug. Aber Scheißmomente sind auch noch genug da. Was ich immer wieder feststelle und auch hier im Klub: Du lernst wahnsinnig viele Menschen kennen, die unheimlich nett zu dir sind, aber ich merke immer wieder: Eigentlich bist du ein einsamer Mensch. Die wirklich gute neue Bekanntschaft hat schon am nächsten Tag viel weniger Interesse an dir. Das festzustellen tut weh. Man muss sich nicht so sehr um die neuen Freunde kümmern, sondern in erster Linie um die alten. Es gibt viele Schulterklopfer.
Haben Sie viele Heiratsanträge nach dem Olympiasieg erhalten?
Einige Frauen haben Kontakt zu mir gesucht, aber ein Heiratsantrag war nicht dabei. Viele Frauen finden mich interessant, weil ich so viel Herz hab. Das alles geschieht aber nicht plump, sie haben Respekt vor mir.
Sind Sie innerlich bereit für eine neue feste Beziehung?
Ich glaube nicht. Ich zeige mich gerne mit dem anderen Geschlecht, habe Spaß am Smalltalk, um nicht zu sagen, am Flirten. Aber ich erreiche schnell eine Grenze. Ich merke im Gespräch, dass sie meiner Frau das Wasser nicht reichen könnten.

Das Gespräch führte Peter Heß.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS