Von Wolfgang Scheffler
21. April 2008 Golfbegeisterung in Mexiko? Das klingt auf den ersten Blick verrückt: Warum sollten sich in einem Land mit nur 50.000 aktiven Golfer, mit nur 220 Plätzen (ein Viertel davon sind Resort-Plätze für Touristen, alle anderen sind exklusive, für Normalverdiener unerschwinglich teure Privatplätze) auf einmal fast jeder Sportfan unter den 108 Millionen Einwohner des mittelamerikanischen Landes für das Spiel mit Metallhölzern und Eisen interessieren - und das in einem Land in dem das Greenfee meist fünfmal so viel beträgt wie der Tagesverdienst eines Durchschnittsverdieners? Oder anders ausgedrückt: in einem Land, in dem Golf nur für die Superreichen erschwinglich ist?
Die Begeisterung hat einen Namen: Lorena Ochoa. Die 26-jährige Profigolferin beherrscht das Damengolf im Stil ihres männlichen Kollegen Tiger Woods. In der ersten April-Woche gewann sie nach den British Open im Vorjahr das zweite Major nacheinander, die Kraft-Nabisco Championship in Rancho Mirage (Kalifornien), am Sonntag feierte sie bei der Ginn Championship in Reunion (Florida) ihren vierten Sieg - und das auch noch in vier aufeinander folgenden Wochen, ein Coup, der seit 45 Jahren keiner Kollegin auf der LPGA Tour, der lukrativsten Damen-Turnierserie der Welt, gelungen war.
Hundert Reporter senden Tag für Tag in die Heimat
Seit die zierliche junge Frau im April des vorigen Jahres die Schwedin Annika Sörenstam von Platz eins der Weltrangliste verdrängte, eilt sie von Sieg zu Sieg, stellt Rekord auf Rekord auf. Im Vorjahr gewann sie acht LPGA-Turniere, verdiente sie als erste Proette in einer Saison mehr als vier Millionen Dollar Preisgeld (4,4 Millionen). Bei ihren letzten 15 Turnierauftritten gewann sie zehn Mal. In diesem Jahr triumphierte sie bei fünf der sechs Turniere, an denen sie teilnahm, darunter auch die Corona Championship unweit von Mexiko-Stadt. Der Heimsieg hat den Wirbel um das neue Sportidol des Landes noch weiter angefacht. Sie ist eine Ikone. Die meisten Leute wissen zwar nicht, was Golf ist, aber sie wissen, wer Lorena Ochoa ist, sagt Hector Juarez, der Chefredakteur der mexikanischen Golfzeitung Caras Golf.
Das Lorena Ochoa in der Heimat fast jedes Kind kennt, hat mehrere Gründe. Überall in den mexikanischen Städten hängen Plakate, in den sie für alle möglichen Dinge wirbt. Sie hat Werbeverträge mit der größten mexikanischen Bank Banamex, mit Audi, der Fluglinie Aero Mexiko, der amerikanischen Büromittelkette Office Depot, mit der Firma Upper Deck, die Sportsammelkarten vertreibt, mit der Schweizer Uhrenmanufaktur Rolex, dem amerikanischen Golf-Schlägerhersteller Ping und einem amerikanischen Golfschuhfabrikanten (Footjoy). Dazu begleiten sie mittlerweile rund hundert Reporter ihres Heimatlandes bei den Turnieren und senden Tag für Tag lange Berichte.
Mexikanisches Frühstück
Sogar das mexikanische Fernsehen, das sich ansonsten auf Fußball und Boxen konzentriert, hat Golf entdeckt. Aber auch das ist kein Wunder: In diesem Jahr finden erstmals gleich drei Turniere der LPGA Tour in Mexiko statt, eines davon trägt sogar den Namen, der alles möglich macht: Lorena Ochoa Invitational. Damit ist sie in einen illusteren Kreis aufgenommen: Mit Tiger Woods und die Golflegende Arnold Palmer fungieren nur zwei weitere lebende Profigolfer als Namensgeber für große Profiturniere.
Lorena Ochoa ist all der Ruhm, das viele Geld, nicht zu Kopf gestiegen. Vor jedem Turnier in den Vereinigten Staaten lädt sie die vielen Mexikaner, die auf amerikanischen Golfplätzen im Greenkeeping (Platzpflege) und in den Clubhäusern arbeiten, immer zu einem Frühstück ein, um sich persönlich zu bedanken. Sie unterstützt in ihrer Heimatstadt Guadalajara eine Grundschule für 241 Kinder aus sozial benachteiligten Schichten und sorgt mit ihrem Namen dafür, dass die Spenden für dieses Projekt reichlich fließen. So rühmt Carolyn Bivens, die Commissioner (CE0) der LPGA Tour, die Vorzeigefrau ihrer Organisation auch als Klassenbeste, wenn es darum geht, nicht nur eine erstklassige Athletin, sondern auch ein guter Mensch zu sein.
Sie markiert den Weg für junge Spieler
Auch ihren Sport will die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammende Primadonna des Golf in Mexiko voran bringen. Gemeinsam mit ihrem Bruder Alejandro, der auch als ihr Manager fungiert, betreibt sie schon zwei Golfakademien, drei weitere sollen noch dieses Jahr eröffnet werden. Wir wollen Golf in Mexiko in jeder Hinsicht voran bringen. Mehr Spieler, mehr Plätze, mehr Fernsehzeit, sagte Alejandro Ochoa.
Die Geschwister Ochoa wuchsen praktisch auf dem Golfplatz von Guadalajara auf. Welches Talent in der zweitgrößten Stadt Mexikos heranreifte, wurde schnell deutlich: fünfmal nacheinander gewann Lorena Jugend- und Junioren-Weltmeisterschaften, zweimal wurde sie während ihres Studiums an der University of Arizona zur College-Spielerin des Jahres in den Vereinigten Staaten gekürt. Seit sie vor sechs Jahren ins Profilager wechselte hat sie den Sport in Mexiko mächtig vorangebracht. Lorena hat viele Türen geöffnet und markiert den Weg für junge Spieler, sagt Ian Gardner, der Direktor des mexikanischen Golfverbands, wir hatten in den vergangenen zwei, drei Jahren mehr Erfolg bei den Amateuren als je zuvor.
Ein Mexiko, das gewinnt
Aber der Lorena-Effekt reicht weit über ihre Heimat hinaus. Bei jedem Turnier in den Vereinigten Staaten begleiten sie auf ihren Runden viele tausend Immigranten aus Mexiko und Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln. Sie erschließt Golf einen weiteren riesigen Fankreis, den der Hispanics, behauptet Ruffin Beckwith, der Direktor von Golf 20/20 der World Golf Foundation.
Der mexikanische Präsident Felipe Calderon gerät gar ins Schwärmen, wenn er seine junge Landsfrau als Beispiel für alle Bürger des Landes preist: Die Mexikaner sind stolz auf sie. Lorena repräsentiert, das Mexiko, das wir alle gerne sehen möchten, ein Mexiko, dass sich in keine Niederlage fügt, ein Mexiko, das kämpft, ein Mexiko, das neue Weg in der Welt eröffnet, ein Mexiko, das gewinnt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
Wimbledon: Nadal ringt Federer ![]()
Tour-Kommentar: Einladung zu Spekulationen
Ironman: Wellington und McCormack siegen in Frankfurt
Formel 1: Hamilton im Regen eine Klasse für sich
1. DFB-Pokal-Runde: Essen gegen Dortmund, Bayern reisen nach Erfurt
Schauen Sie bei der Tour de France noch zu?
