Radsport

Träumen ist nicht verboten

Von Rainer Seele

Der lange Schatten des Dopings reicht bis an die Radsportbasis

Der lange Schatten des Dopings reicht bis an die Radsportbasis

04. Juli 2009 Nichts gegen den Mont Ventoux, aber der Ottilienberg ist auch nicht zu verachten. Niemals wird dort die Tour de France entschieden werden, vermutlich wird die Tour dort auch niemals Station machen. Doch wenn Tim Barth und sein Team über den Ottilienberg reden, über diesen Landstrich im Norden Baden-Württembergs, wird daraus eine Schwärmerei: diese Landschaft, diese Natur. Es sei eine Wonne, sagen sie, dort Rad zu fahren. Der Radrennfahrer Barth kennt auch den Mont Ventoux, wo in diesem Jahr der Showdown der Tour stattfinden soll, am vorletzten Tag des Rennens. Barth hat sich im Urlaub am Mont Ventoux versucht. „Der Berg hat was“, sagt er, „das macht richtig Spaß.“

Solche Gipfel gehören noch nicht zum Alltag von Barth, er ist ja auch noch nicht Profi, sondern „U 23“-Fahrer beim MLP-Team, das in der Rhein-Neckar-Region angesiedelt ist. Barth, 19 Jahre alt, Gymnasiast, gilt in dieser Mannschaft immerhin als Kletterspezialist, er verkörpert Hoffnung. Er sagt, dass er in den Bergen den Kampf Mann gegen Mann schätze, dass es eine besondere Herausforderung sei, herauszufinden, „wer mit den Schmerzen am besten zurechtkommt“. Und Barth spricht von einem „Hammergefühl“, in der Höhe zu stehen und ins Tal zu schauen, wo die Tortur begann. Er kann dann sehen, was er geleistet hat; es macht ihn zufrieden.

Einst Vorbild der Jugend, heute skeptisch beäugter Vertreter des Bösen: Lance Armstrong
Einst Vorbild der Jugend, heute skeptisch beäugter Vertreter des Bösen: Lance Armstrong

Gerdemann? Das klingt zumindest nach einem Vertrauensvorschuss.

Wenn das auch nur so mit dem Blick nach oben wäre! Damit tut Barth sich inzwischen schwer: An wem soll der junge Bundesligafahrer sich noch orientieren, zu wem kann er aufschauen, wen als ein Idol, als eine Leitfigur betrachten? Früher war das einfacher, da gab es einen Jan Ullrich und einen Erik Zabel und kaum Verdächtigungen oder gar Beweise für Leistungsmissbrauch, jedenfalls die führende deutsche Profigilde betreffend. Und jetzt: deutsche Profis geständig, gesperrt oder ins Zwielicht geraten. Der gesamte Radsport wankt, schwer angeschlagen durch Doping-Affären in Serie.

Natürlich, es gibt Männer wie Jens Voigt, die über sich selbst sagen, dass man ihnen getrost nacheifern könne. „Auf jeden Fall“, sagte noch am Donnerstag in Monte Carlo der Berliner, der seine zwölfte Tour bestreitet. Er folgt angeblich der reinen Lehre des Radsports. „Ich habe nicht gedopt, ich dope nicht, ich werde nicht dopen.“ Allerdings, sagte Voigt einschränkend, sollten die Talente „vielleicht lieber auf Linus gucken“. Auf Linus Gerdemann also, wesentlich jünger als Voigt und eine der neuen Galionsfiguren beim Team Milram. Gerdemann? „Er steht für die junge Generation“, sagt Barth. Das klingt zumindest nach einem Vertrauensvorschuss.

Betrugsgeschichten bringen die Basis in die Bredouille

Aber Linien zu ziehen, zwischen vermeintlich Gestrigen und Emporkömmlingen zu unterscheiden, kann seine Tücken haben. Der Österreicher Bernhard Kohl war 19, als er anfing, systematisch zu dopen. Vor dieser Saison hatte Barth auf Mallorca den erfahrenen spanischen Profi Antonio Colom getroffen und einige Male zusammen mit ihm trainiert. Der Mann vom Team Katjuscha sei ganz nett gewesen, erzählt der Deutsche - unlängst wurde Colom des Epo-Dopings überführt. Wirklich erstaunt darüber war Barth aber offensichtlich nicht. Er sagt: „Eigentlich war es klar nach diesem Frühjahr.“ Da war Colom in bemerkenswerter Form aufgetreten.

Solche Betrugsgeschichten bringen auch die Basis in die Bredouille, ihr schlagen längst ebenfalls Misstrauen und Zweifel entgegen, Sponsoren wenden sich wegen der weitverbreiteten Doping-Praktiken vom Radsport ab, und Rennen - auch in der Bundesliga - werden abgesagt. „Alle werden unter einen Hut gesteckt“, sagt Olaf Grauel, der Geschäftsführer des MLP-Teams. Wie die Dinge sich verändert haben, stellt Barth auch in der Schule fest, immer wieder. Früher wurde er, fast schon bewundernd, häufig gefragt: „Willst du mal die Tour fahren?“ Heute, sagt Barth, werde man dauernd mit dem Doping-Thema konfrontiert. Er findet das sehr lästig.

Mitleid mit Holczer

An diesem Samstag beginnt in Monte Carlo die Tour de France (siehe auch: Tour de France: Die dreckige Tour und Sport-Kommentar: Die Rekord-Tour gibt uns den Rest), und natürlich wird Barth sie am Fernsehschirm verfolgen. Doch er sagt, dass er die Tour nicht mehr wie früher wahrnehme, die Aufmerksamkeit hat nachgelassen. Das hat mit den Doping-Skandalen zu tun, aber auch mit dem Verlust von Bezugspersonen. Mit Sven Krauss vom Team Gerolsteiner zum Beispiel hatte Barth sich einst identifizieren können, doch das Team Gerolsteiner existiert nicht mehr, und Krauss nimmt nicht mehr an der Tour teil. Ohne ihn, sagt Barth, habe er gar keinen richtigen Bezug mehr zur Tour. „Bei ihm weiß ich“, behauptet er, „dass er sauber fährt.“

Bernhard Kohls Geständnis verrät viel über die Abgründe im Radsport

Bernhard Kohls Geständnis verrät viel über die Abgründe im Radsport

Barth hatte schon deshalb eine Nähe zum Team Gerolsteiner, weil er als Öschelbronner dessen Aufstieg erlebte. Jetzt, nach dem Ende des Rennstalls, sagt Barth, dass ihm der ehemalige Teameigner Hans-Michael Holczer leidtue - schließlich sei sein Lebenswerk durch die Doping-Skandale zerstört worden.

Grauel sieht das kritischer, vor allem mag er nicht akzeptieren, dass die Manipulationen einen Teamchef überraschen konnten. „Ich finde es lachhaft, wenn ein Manager sich hinstellt und sagt: Ich habe keine Ahnung.“ Barth hatte früher auch Lance Armstrong als faszinierend empfunden. „Ich habe die ganzen Bücher von ihm gelesen.“ Jetzt geht der junge Deutsche auch zu dem Amerikaner auf Distanz. Die Zuneigung erkaltete, nachdem positive Epo-Proben von Armstrong aus dem Jahr 1999 gefunden worden waren. „Da hat der Mythos Armstrong für mich zu bröckeln angefangen.“ Barth mag den Texaner, der in den Profiradsport und zur Tour zurückkehrte, dennoch nicht in Bausch und Bogen verurteilen, er sagt: „Er ist trotzdem noch beeindruckend.“ Weil er offensichtlich ein „richtig harter Arbeiter“ sei.

„Bei einem Angebot würde ich mich nicht wehren“

Hat der ehemalige Team-Gerolsteiner-Chef Michael Holczer Mitleid verdient?

Hat der ehemalige Team-Gerolsteiner-Chef Michael Holczer Mitleid verdient?

Mancher glaubt, Armstrong könne sich gleich wieder zum Herrscher im Peloton aufschwingen und die Tour gewinnen. Barth ist anderer Auffassung, er rechnet mit dem Spanier Alberto Contador, der 2007 Tour-Sieger wurde und wie Armstrong für das Team Astana fährt. „Ich schätze, dass er es wieder macht, auch wenn ich ihn nicht mag.“ Barth steht dem Team Astana, das in Verruf geraten ist, generell skeptisch gegenüber. Niemals, betont er, würde er sich einer solchen Equipe anschließen.

Aber er hätte, sollte er tatsächlich Profi werden wollen, wohl nicht die große Wahl. Die Zahl der ProTour-Teams hat abgenommen, auch in Deutschland, hier gibt es nur noch das Team Milram. Trotz aller Zwänge: Barth würde den Versuch wagen und seinen Sport zum Beruf machen. Sollte er ein Angebot bekommen, „würde ich mich nicht dagegen wehren“.

Hoffnungsschimmer Prävention

Pompöse Mannschaftsvorstellungen, aber die immergleichen Diskussionen

Pompöse Mannschaftsvorstellungen, aber die immergleichen Diskussionen

Träumen ist keineswegs verboten - selbst im schlingernden Radsport. Barth könnte sich vorstellen, sich als Helfer zu verdingen. Das wäre eine Perspektive für ihn, offenbar hat der Nachwuchsfahrer sich das schon ausgemalt. Er ist der Ansicht, sich dabei auf sicherem Terrain bewegen zu können. Er äußert sich dazu wie ein Radsport-Romantiker: „Da kann man sauber mitfahren.“ Beim MLP-Radteam wird viel von einem sauberen, von einem glaubwürdigen Radsport, von sozialer Verpflichtung geredet. Von einer Umgebung, in der junge Rennfahrer ihrer Leidenschaft frönen und den Sport als positiven Lebensfaktor kennenlernen können. „Wir sind ein sauberes Team“, sagt Manager Rolf Heutling.

Er verweist auf die Strukturen, die dafür geschaffen worden sind, zum Beispiel auf die Zusammenarbeit mit Gerhard Treutlein vom Zentrum für Doping-Prävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Treutlein sagt, dass bei den Jugendlichen das Problembewusstsein geweckt werden müsse. „Die müssen rechtzeitig mit der Realität konfrontiert werden.“ Initiativen wie die des MLP-Teams hält er für sehr wichtig - zumal sie dafür sorgen könnten, dass junge Fahrer sogar in ihrem direkten Umfeld Vorbilder entdecken könnten.

Duales System für die Radsportler

Barth und seine Kameraden haben sich in ihrer Sportgemeinschaft auch einem Ehrenkodex verschreiben müssen: Ihnen wurde verdeutlicht, dass bei einem einzigen Doping-Fall, so Geschäftsführer Grauel, „morgen das ganze Team dichtmacht“. Jeder Fahrer hatte die Möglichkeit, sich das genau zu überlegen - „keiner ist abgesprungen“, sagt Grauel. Er spricht von der Möglichkeit, auch ohne Doping „recht erfolgreich“ sein zu können. Unlängst lag das MLP-Team auf Platz acht in der Bundesliga, es hatte sich kontinuierlich entwickelt. „Die Fortschritte“, schwant Grauel, „werden nun immer kleiner werden.“ Aber das Team versteht sich ja nicht nur als eine sportliche Schmiede, sein Konzept soll auch Lebenshilfen beinhalten, es basiert auf einem dualen System.

Jedem Sportler, sagt Grauel, werde über das Radfahren hinaus die Möglichkeit zu einer Ausbildung oder einem Studium gegeben. Die Fahrer sollen „jederzeit eine Alternative zum Hochleistungssport haben“. Und so im Fall des Falles dem Sog ausweichen können, „den wir aktuell bei den Profis haben“. Das Metier steckt voller Tücken, aber noch nie, sagt Barth, sei er von jemandem in Versuchung geführt worden, noch nie seien ihm Doping-Substanzen offeriert worden. „Natürlich würde ich nein sagen.“ Auf eine Frage jedoch weiß er noch keine Antwort: Ob er denjenigen, der ihm solche Präparate anbietet, „verpfeifen“ würde.

Barth wird sich solche Gedanken weiterhin machen müssen, vor allem dann, wenn er mit dem Sport tatsächlich sein Geld verdienen möchte. Der Radsport sei ja ein schöner Sport, sagt Grauel, er bricht - trotz aller Verfehlungen der Branche - eine Lanze für ihn. „Man hört immer nur Doping, Doping, Doping. Aber es wird immer eine sportliche Leistung bleiben. Das geht in den Diskussionen komplett verloren.“ Der Radsport hat aber doch einen weitaus größeren Verlust hinnehmen müssen, er hat das selbst zu verantworten. Auch ein Fahrer wie Barth, der als ein Versprechen für die Zukunft gilt, spürt, wie steinig der Weg, wie schwierig die Suche nach Halt geworden ist. Wenigstens am Ottilienberg könnte das noch ein bisschen anders sein.

Der Zweifel fährt immer mit - besonders beim Team Astana
Der Zweifel fährt immer mit - besonders beim Team Astana

Nichts gegen den Mont Ventoux, aber der Ottilienberg ist auch nicht zu verachten. Niemals wird dort die Tour de France entschieden werden, vermutlich wird die Tour dort auch niemals Station machen. Doch wenn Tim Barth und sein Team über den Ottilienberg reden, über diesen Landstrich im Norden Baden-Württembergs, wird daraus eine Schwärmerei: diese Landschaft, diese Natur. Es sei eine Wonne, sagen sie, dort Rad zu fahren. Der Radrennfahrer Barth kennt auch den Mont Ventoux, wo in diesem Jahr der Showdown der Tour stattfinden soll, am vorletzten Tag des Rennens. Barth hat sich im Urlaub am Mont Ventoux versucht. „Der Berg hat was“, sagt er, „das macht richtig Spaß.“

Solche Gipfel gehören noch nicht zum Alltag von Barth, er ist ja auch noch nicht Profi, sondern „U 23“-Fahrer beim MLP-Team, das in der Rhein-Neckar-Region angesiedelt ist. Barth, 19 Jahre alt, Gymnasiast, gilt in dieser Mannschaft immerhin als Kletterspezialist, er verkörpert Hoffnung. Er sagt, dass er in den Bergen den Kampf Mann gegen Mann schätze, dass es eine besondere Herausforderung sei, herauszufinden, „wer mit den Schmerzen am besten zurechtkommt“. Und Barth spricht von einem „Hammergefühl“, in der Höhe zu stehen und ins Tal zu schauen, wo die Tortur begann. Er kann dann sehen, was er geleistet hat; es macht ihn zufrieden.

Gerdemann? Das klingt zumindest nach einem Vertrauensvorschuss.

Wenn das auch nur so mit dem Blick nach oben wäre! Damit tut Barth sich inzwischen schwer: An wem soll der junge Bundesligafahrer sich noch orientieren, zu wem kann er aufschauen, wen als ein Idol, als eine Leitfigur betrachten? Früher war das einfacher, da gab es einen Jan Ullrich und einen Erik Zabel und kaum Verdächtigungen oder gar Beweise für Leistungsmissbrauch, jedenfalls die führende deutsche Profigilde betreffend. Und jetzt: deutsche Profis geständig, gesperrt oder ins Zwielicht geraten. Der gesamte Radsport wankt, schwer angeschlagen durch Doping-Affären in Serie.

Natürlich, es gibt Männer wie Jens Voigt, die über sich selbst sagen, dass man ihnen getrost nacheifern könne. „Auf jeden Fall“, sagte noch am Donnerstag in Monte Carlo der Berliner, der seine zwölfte Tour bestreitet. Er folgt angeblich der reinen Lehre des Radsports. „Ich habe nicht gedopt, ich dope nicht, ich werde nicht dopen.“ Allerdings, sagte Voigt einschränkend, sollten die Talente „vielleicht lieber auf Linus gucken“. Auf Linus Gerdemann also, wesentlich jünger als Voigt und eine der neuen Galionsfiguren beim Team Milram. Gerdemann? „Er steht für die junge Generation“, sagt Barth. Das klingt zumindest nach einem Vertrauensvorschuss.

Betrugsgeschichten bringen die Basis in die Bredouille

Aber Linien zu ziehen, zwischen vermeintlich Gestrigen und Emporkömmlingen zu unterscheiden, kann seine Tücken haben. Der Österreicher Bernhard Kohl war 19, als er anfing, systematisch zu dopen. Vor dieser Saison hatte Barth auf Mallorca den erfahrenen spanischen Profi Antonio Colom getroffen und einige Male zusammen mit ihm trainiert. Der Mann vom Team Katjuscha sei ganz nett gewesen, erzählt der Deutsche - unlängst wurde Colom des Epo-Dopings überführt. Wirklich erstaunt darüber war Barth aber offensichtlich nicht. Er sagt: „Eigentlich war es klar nach diesem Frühjahr.“ Da war Colom in bemerkenswerter Form aufgetreten.

Solche Betrugsgeschichten bringen auch die Basis in die Bredouille, ihr schlagen längst ebenfalls Misstrauen und Zweifel entgegen, Sponsoren wenden sich wegen der weitverbreiteten Doping-Praktiken vom Radsport ab, und Rennen - auch in der Bundesliga - werden abgesagt. „Alle werden unter einen Hut gesteckt“, sagt Olaf Grauel, der Geschäftsführer des MLP-Teams. Wie die Dinge sich verändert haben, stellt Barth auch in der Schule fest, immer wieder. Früher wurde er, fast schon bewundernd, häufig gefragt: „Willst du mal die Tour fahren?“ Heute, sagt Barth, werde man dauernd mit dem Doping-Thema konfrontiert. Er findet das sehr lästig.

Mitleid mit Holczer

An diesem Samstag beginnt in Monte Carlo die Tour de France (siehe auch: Tour de France: Die dreckige Tour und Sport-Kommentar: Die Rekord-Tour gibt uns den Rest), und natürlich wird Barth sie am Fernsehschirm verfolgen. Doch er sagt, dass er die Tour nicht mehr wie früher wahrnehme, die Aufmerksamkeit hat nachgelassen. Das hat mit den Doping-Skandalen zu tun, aber auch mit dem Verlust von Bezugspersonen. Mit Sven Krauss vom Team Gerolsteiner zum Beispiel hatte Barth sich einst identifizieren können, doch das Team Gerolsteiner existiert nicht mehr, und Krauss nimmt nicht mehr an der Tour teil. Ohne ihn, sagt Barth, habe er gar keinen richtigen Bezug mehr zur Tour. „Bei ihm weiß ich“, behauptet er, „dass er sauber fährt.“

Barth hatte schon deshalb eine Nähe zum Team Gerolsteiner, weil er als Öschelbronner dessen Aufstieg erlebte. Jetzt, nach dem Ende des Rennstalls, sagt Barth, dass ihm der ehemalige Teameigner Hans-Michael Holczer leidtue - schließlich sei sein Lebenswerk durch die Doping-Skandale zerstört worden.

Grauel sieht das kritischer, vor allem mag er nicht akzeptieren, dass die Manipulationen einen Teamchef überraschen konnten. „Ich finde es lachhaft, wenn ein Manager sich hinstellt und sagt: Ich habe keine Ahnung.“ Barth hatte früher auch Lance Armstrong als faszinierend empfunden. „Ich habe die ganzen Bücher von ihm gelesen.“ Jetzt geht der junge Deutsche auch zu dem Amerikaner auf Distanz. Die Zuneigung erkaltete, nachdem positive Epo-Proben von Armstrong aus dem Jahr 1999 gefunden worden waren. „Da hat der Mythos Armstrong für mich zu bröckeln angefangen.“ Barth mag den Texaner, der in den Profiradsport und zur Tour zurückkehrte, dennoch nicht in Bausch und Bogen verurteilen, er sagt: „Er ist trotzdem noch beeindruckend.“ Weil er offensichtlich ein „richtig harter Arbeiter“ sei.

„Bei einem Angebot würde ich mich nicht wehren“

Mancher glaubt, Armstrong könne sich gleich wieder zum Herrscher im Peloton aufschwingen und die Tour gewinnen. Barth ist anderer Auffassung, er rechnet mit dem Spanier Alberto Contador, der 2007 Tour-Sieger wurde und wie Armstrong für das Team Astana fährt. „Ich schätze, dass er es wieder macht, auch wenn ich ihn nicht mag.“ Barth steht dem Team Astana, das in Verruf geraten ist, generell skeptisch gegenüber. Niemals, betont er, würde er sich einer solchen Equipe anschließen.

Aber er hätte, sollte er tatsächlich Profi werden wollen, wohl nicht die große Wahl. Die Zahl der ProTour-Teams hat abgenommen, auch in Deutschland, hier gibt es nur noch das Team Milram. Trotz aller Zwänge: Barth würde den Versuch wagen und seinen Sport zum Beruf machen. Sollte er ein Angebot bekommen, „würde ich mich nicht dagegen wehren“.

Hoffnungsschimmer Prävention

Träumen ist keineswegs verboten - selbst im schlingernden Radsport. Barth könnte sich vorstellen, sich als Helfer zu verdingen. Das wäre eine Perspektive für ihn, offenbar hat der Nachwuchsfahrer sich das schon ausgemalt. Er ist der Ansicht, sich dabei auf sicherem Terrain bewegen zu können. Er äußert sich dazu wie ein Radsport-Romantiker: „Da kann man sauber mitfahren.“ Beim MLP-Radteam wird viel von einem sauberen, von einem glaubwürdigen Radsport, von sozialer Verpflichtung geredet. Von einer Umgebung, in der junge Rennfahrer ihrer Leidenschaft frönen und den Sport als positiven Lebensfaktor kennenlernen können. „Wir sind ein sauberes Team“, sagt Manager Rolf Heutling.

Er verweist auf die Strukturen, die dafür geschaffen worden sind, zum Beispiel auf die Zusammenarbeit mit Gerhard Treutlein vom Zentrum für Doping-Prävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Treutlein sagt, dass bei den Jugendlichen das Problembewusstsein geweckt werden müsse. „Die müssen rechtzeitig mit der Realität konfrontiert werden.“ Initiativen wie die des MLP-Teams hält er für sehr wichtig - zumal sie dafür sorgen könnten, dass junge Fahrer sogar in ihrem direkten Umfeld Vorbilder entdecken könnten.

Duales System für die Radsportler

Barth und seine Kameraden haben sich in ihrer Sportgemeinschaft auch einem Ehrenkodex verschreiben müssen: Ihnen wurde verdeutlicht, dass bei einem einzigen Doping-Fall, so Geschäftsführer Grauel, „morgen das ganze Team dichtmacht“. Jeder Fahrer hatte die Möglichkeit, sich das genau zu überlegen - „keiner ist abgesprungen“, sagt Grauel. Er spricht von der Möglichkeit, auch ohne Doping „recht erfolgreich“ sein zu können. Unlängst lag das MLP-Team auf Platz acht in der Bundesliga, es hatte sich kontinuierlich entwickelt. „Die Fortschritte“, schwant Grauel, „werden nun immer kleiner werden.“ Aber das Team versteht sich ja nicht nur als eine sportliche Schmiede, sein Konzept soll auch Lebenshilfen beinhalten, es basiert auf einem dualen System.

Jedem Sportler, sagt Grauel, werde über das Radfahren hinaus die Möglichkeit zu einer Ausbildung oder einem Studium gegeben. Die Fahrer sollen „jederzeit eine Alternative zum Hochleistungssport haben“. Und so im Fall des Falles dem Sog ausweichen können, „den wir aktuell bei den Profis haben“. Das Metier steckt voller Tücken, aber noch nie, sagt Barth, sei er von jemandem in Versuchung geführt worden, noch nie seien ihm Doping-Substanzen offeriert worden. „Natürlich würde ich nein sagen.“ Auf eine Frage jedoch weiß er noch keine Antwort: Ob er denjenigen, der ihm solche Präparate anbietet, „verpfeifen“ würde.

Barth wird sich solche Gedanken weiterhin machen müssen, vor allem dann, wenn er mit dem Sport tatsächlich sein Geld verdienen möchte. Der Radsport sei ja ein schöner Sport, sagt Grauel, er bricht - trotz aller Verfehlungen der Branche - eine Lanze für ihn. „Man hört immer nur Doping, Doping, Doping. Aber es wird immer eine sportliche Leistung bleiben. Das geht in den Diskussionen komplett verloren.“ Der Radsport hat aber doch einen weitaus größeren Verlust hinnehmen müssen, er hat das selbst zu verantworten. Auch ein Fahrer wie Barth, der als ein Versprechen für die Zukunft gilt, spürt, wie steinig der Weg, wie schwierig die Suche nach Halt geworden ist. Wenigstens am Ottilienberg könnte das noch ein bisschen anders sein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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