Britta Steffen

Traumhaft schnell

Von Bernd Steinle, Berlin

Doppel-Olympiasiegerin, Weltrekordhalterin - und Studentin: Britta Steffen

Doppel-Olympiasiegerin, Weltrekordhalterin - und Studentin: Britta Steffen

27. Juni 2009 Britta Steffen erinnert sich genau. An diesen einen Moment, als sie in Peking vor dem olympischen Finale über 100 Meter Freistil als einzige der acht Athletinnen im Adidas-Anzug dastand, damals, im August 2008, zu einer Zeit, als Rekorde und Medaillen allein für Schwimmer mit anderen Produkten am Leib reserviert schienen, vor allem für jene mit dem Schriftzug „Speedo“ drauf. „Ich habe mir dann gesagt: Du musst dein eigenes Rennen schwimmen“, sagt sie.

Und tat das mit beinahe mathematischer Präzision. Sie ließ die anderen erst davonziehen, „die sind ja weggeballert wie nichts“, vielleicht, vermutet Britta Steffen, weil sie dachten, mit diesen Anzügen ginge alles. Stimmte aber nicht. Obwohl bei Halbzeit an der Wende Letzte, sammelte Britta Steffen auf dem Rückweg alle wieder ein. Und wurde Olympiasiegerin. „Man muss eben immer bei sich bleiben“, hat sie daraus gelernt.

Bad in der Menge: Britta Steffen umringt von Journalisten

Bad in der Menge: Britta Steffen umringt von Journalisten

Es ist die Woche vor den deutschen Meisterschaften der Schwimmer, Britta Steffen sitzt in einem Café in Berlin und erzählt von diesem einen Moment bei den Olympischen Spielen, weil die erbitterte Debatte über Hightech-Anzüge ihren Sport wieder mal zu erdrücken droht. Es ist, als habe sie geahnt, dass es bei den Titelkämpfen eine Woche später zu einer bizarren Umkehrung der Verhältnisse von Peking kommen könnte.

Ein Schwimm-Anzug „wie von einem anderen Stern“

Denn am Samstag stand Britta Steffen in Berlin vor dem Finale über 100 Meter Freistil am Startblock, und alle blickten wie gebannt auf die glatte, schwarze, glänzende Plastikhaut, in der sie steckte. Auf jenen Hydrofoil-Anzug von Adidas, der „wie von einem anderen Stern“ sei, so Britta Steffen, in dem sie sich im Vorlauf am Donnerstag ihren „zweiten Lebenstraum“ nach dem Olympiasieg erfüllt hatte und in 52,85 Sekunden erstmals unter 53 Sekunden geschwommen war – Weltrekord. Und in dem sie nun im Finale diesen Rekord noch einmal auf 52,56 Sekunden drückte. Kaum war sie aus dem Wasser, verneigte sie sich vor dem Berliner Publikum, vor Familie, Freunden, Fans. Als Dank für „die Woge, die einen hier trägt, die einen nach vorne zieht. Das war schon enorm.“

Doch Britta Steffen hat diese Rekorde auch selbst schon relativiert, hat den Anteil des erst vor kurzem vom Weltverband Fina genehmigten Anzugs daran herausgestellt, der zu den Fabelzeiten beigetragen habe. Ihr Adidas-Markenkollege Helge Meeuw, deutscher Meister und neuer Rekordhalter über 50 Meter Rücken, sagte, ihm habe es fast schon leid getan, dass er die alte Bestmarke seines Rivalen Thomas Rupprath aus dem Jahr 2003 unterboten habe, denn: „Ohne diesen Anzug hätte ich diesen Rekord nicht gebrochen. Diese Entwicklung macht den Schwimmsport kaputt.“

Für 2010 hat die Fina schon neue Zulassungskritierien für Anzüge angekündigt, dann wird – wie viele andere Produkte – wohl auch der Hydrofoil verboten sein. So oder so, Bundestrainer Dirk Lange ist die Diskussion jetzt schon leid. „Wir müssen uns an diese Regeln anpassen, wir können nicht die ganze Entwicklung aufhalten“, sagt er. „Ich finde es sehr bedenklich, wenn sich unsere beste Sportlerin rechtfertigen muss für ein Material, das schließlich alle nützen.“ Und wenn in diesem Begleitgetöse die eigentliche Leistung, die beiden Weltrekorde, so untergeht.

Das Uni-Leben ist für sie der perfekte Ausgleich

Die sind umso bemerkenswerter, da Britta Steffen ihre Vorbereitung gar nicht gezielt auf die deutschen Meisterschaften ausrichten konnte. Zum einen, weil vier Wochen später schon die WM in Rom ansteht, zum anderen, weil sie zuletzt viel Zeit in ihr Studium zur Wirtschafts-Ingenieurin investiert hat. Bis zu zehn Stunden am Tag gingen dafür drauf, Vorbereitung, Laborarbeit, Nachbereitung. So froh sie war, nach der sportlich intensiven Zeit vor Olympia wieder „was für den Kopf zu haben“, so ungewohnt und anstrengend geriet anfangs der Studienalltag. Es war für sie auch eine Art Experiment für die Zukunft, schließlich ging es nach den zwei Goldmedaillen für die 25 Jahre alte Berlinerin auch um die Frage: Weitermachen oder aufhören? Sollte sie noch einmal die Trainingsfron auf sich nehmen, obwohl es sportlich höher gar nicht mehr hinausgehen kann?

Alle wollen alles über diesen Anzug wissen

Alle wollen alles über diesen Anzug wissen

Das drastisch reduzierte Training Ende vergangenen Jahres machte ihr eines schnell klar: „Ich habe mich gesehnt nach dem Sport.“ Sie merkte, dass sie beides braucht, „körperlich und geistig gefordert zu sein“, dass sie beides auf seine Weise genießt. Das Uni-Leben ist für sie der perfekte Ausgleich, es ist wie eine andere Welt, und deshalb ist ihr wichtig, dass der Campus medienfreie Zone bleibt, keine Kameras, keine Interviews.

Weil der ganze Zirkus dort fehl am Platz wäre und weil sie nicht andere dadurch stören will. Sie weiß es zu schätzen, dass sie dort eine unter vielen ist, oft nicht mal erkannt wird. Einmal, erzählt sie, habe eine Gruppe Kasachen sie in einem Kurs gesehen und den Dozenten gefragt, ob das denn die Schwimmerin Britta Steffen sei. Der musste erst mal bei ihr nachfragen, ob das so stimmt.

Kombination Studium und Leistungssport als ideale Lebensform

Aber schwimmen muss jede noch selbst

Aber schwimmen muss jede noch selbst

Manche, sagt Britta Steffen, wunderten sich dann und fragten sie: „Warum machst’n das überhaupt noch?“ Als Doppel-Olympiasiegerin, als Weltrekordhalterin, als Sportlerin des Jahres. Sie macht es, weil sie in der Kombination Studium und Leistungssport die ideale Lebensform für sich gefunden hat. Deshalb will sie ihr Studium auf jeden Fall abschließen und ist auf dem besten Weg dahin, auch, weil ihr Coach Norbert Warnatzsch in der Trainingsgestaltung nun mehr Rücksicht auf das Studium nehme, ihr mehr Freiräume gebe.

Und sie will auch bei der WM in Rom Ende Juli „gut schwimmen“, ihren „inneren Drang“ befriedigen, sich beweisen zu müssen. Auch in dieser Hinsicht, das bewies sie in Berlin, ist sie auf dem besten Weg. Schließlich ist da ja noch jenes Ziel, das für sie bald zum dritten Lebenstraum werden könnte. Denn Weltmeisterin, das war auch Britta Steffen noch nie.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

Losglück oder Pech für die deutsche Mannschaft?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche