America's Cup

Auf stürmischer Fahrt

Von Michael Ashelm, Valencia/Frankfurt

28. November 2006 Gerne kommt Michael Scheeren in diesen Tagen seinen Pflichten als guter Gastgeber nach. Gerade empfing er Freunde, Geschäftspartner wie auch Mitbewerber zur Einweihungsparty, um die Fertigstellung der deutschen Segelbasis im Yachthafen von Valencia zu feiern. Wer beim America's Cup mithalten will, muß sich auf vielen Gebieten großzügig zeigen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz beim teuersten und glamourösesten Segelwettbewerb der Welt.

Als Vorstandsvorsitzender führt Scheeren die erste deutsche Segelunternehmung an, die unter dem Sponsorennamen „United Internet Team Germany“ vom kommenden April an bei den Rennen um die begehrte Trophäe teilnehmen will. Er zeigt seine Genugtuung über den Erfolg des jüngsten Teilprojektes, welches ihm in letzter Zeit am Herzen lag. Beim Gang durchs Gebäude spricht er über die gute Funktionalität und die Nutzungseigenschaften der Werkhallen, Büros und VIP-Räume. Ganz oben auf der Dachterrasse, die im Vergleich zu denen der anderen elf Teams wohl den schönsten Ausblick auf die Regattabahnen im Golf von Valencia bietet, liegen die Gedanken an Probleme fern. „Wir können doch sehr zufrieden sein“, findet Scheeren (Siehe auch: America's Cup: Die Kunst, ein Segelsyndikat auf Kurs zu halten ).

Das bittere Ende eines Seglertraums?

Er müht sich, ein positives Bild zu vermitteln. Doch die Realität sieht anders aus. Schlimmer: Wer sich umhört bei den Segelteams von Valencia, findet gar Stimmen, die munkeln, daß sich das deutsche Syndikat noch abmelden könnte, bevor der erste Startschuß überhaupt gefallen ist. Fünfzig Millionen Euro für nichts? Das bittere Ende eines deutschen Seglertraums? Das mag derzeit unmöglich erscheinen und vielleicht auch nur schlechtmeinenden Kommentaren entspringen. Aber in der Serie von Pannen, Affären und Ungereimtheiten ist in dieser Woche ein neuer Fall hinzugekommen, der nicht darauf hindeutet, daß eine hochmotivierte Crew das Wintertrainingslager nutzt, um voller Tatendrang im nächsten Frühling durchzustarten. Die Entmachtung des Technikchefs Eberhard Magg, immerhin einer der Mitbegründer des ersten deutschen Segelsyndikats beim America's Cup, sorgt für Spekulationen.

Offiziell soll sich der 41 Jahre alte Bootsdesigner vom Bodensee fortan um eine Folgekampagne für den übernächsten Cup kümmern, wie es in blumigen Worten in einer kurzen Mitteilung beim „United Internet Team Germany“ heißt. Doch de facto hat Magg nichts mehr zu melden. Selbst seinen Schreibtisch in Valencia soll er räumen. „Er braucht den Kopf frei für seine neue Aufgabe - und das geht am besten von Deutschland aus“, sagt Scheeren, der ein Wegloben bestreitet. Von Magg ist derzeit nichts zu hören. Doch soviel steht fest: Weniger als fünf Monate vor Beginn der High-Tech-Rennserie kämpft sich das Segelteam mal wieder durch stürmische See.

Es kam noch schlimmer

Eigentlich wollte man heraus aus gefährlichem Gewässer, nachdem vergangenes Jahr der Streit zwischen den Eignern fast zur Liquidation des Syndikats geführt hatte. Als die Gattin des deutschen Bundespräsidenten Ende April in Kiel die Taufe des neuen Bootes vornahm, sahen viele darin ein Zeichen des Aufbruchs. Der Internet-Millionär Ralph Dommermuth hatte das Ruder übernommen und nochmals mit frischem Geld nachgeholfen. Doch bald verflogen die Hoffnungen.

Die Fertigstellung der neuen Rennyacht in der Kieler Knierim-Werft verzögerte sich bis in den August, während die schlecht eingespielte Crew bei den Testregatten auf dem alten Zweitboot von den meisten Konkurrenten abgehängt wurde. Trotzig hielt Skipper Jesper Bank seinen Kurs, im nächsten Jahr das Halbfinale erreichen zu wollen, was inzwischen belächelt wird. Es kam noch schlimmer für die Deutschen.

Eingemottet in einem Zelt

Im September brach der Mast bei einer Ausfahrt auf der alten GER 72 und ging unter. Um sich wenigstens ein paar wichtige Ersatzteile zu sichern, wurden am Ort des Unfalls Bojen für Taucher ausgesetzt. Doch Fischer kappten über Nacht die Seile, so daß eine Ortung für die Bergung unmöglich wurde. Besorgniserregend entwickelten sich die ersten Einsätze mit der nagelneuen GER 89. Die Konstruktion der Kielfinne, des Verbindungsstücks zwischen dem Rumpf und der zwanzig Tonnen schweren Bleibombe, erwies sich als fehlerhaft. Das extrem bearbeitungsintensive Stahlbauteil, welches tonnenschweren Belastungen standhalten muß, riß fast aus der Verankerung.

Schon seit Wochen liegt das Boot eingemottet in einem Zelt hinter der neuen Basis, die Crew wartet auf Ersatzmaterial, während die anderen Teams die Testserien vor Valencia oder in ihren Winterrevieren vor Dubai oder Auckland vorantreiben. „Jeder Tag tut weh, an dem nicht gesegelt wird“, gibt Scheeren zu. Noch spielt er das Problem herunter, spricht von wichtigen Erfahrungswerten und sieht die Situation „voll im Griff“. Der Weihnachtsurlaub der Crew wurde schon mal zusammengestrichen. Würde die Reparatur der neuen Yacht scheitern oder tauchten andere schwerwiegende Konstruktionsmängel auf, wäre die Teilnahme am Cup verloren. Denn nach dem Reglement ist nur die GER 89 startberechtigt.

„Am Ende in die Augen gucken können“

Möglich, daß ein Teil des Desasters dem Technikchef Magg angelastet wird. Doch eher liegt die Vermutung nahe, daß die letzte bekannte deutsche Segelfigur an Bord der Kampagne dem Machtstreben des Star-Skippers Jesper Bank zum Opfer fiel. Dem nach außen smarten Dänen wird von Teilen der Mannschaft ein egoistischer Führungsstil vorgeworfen - zum Nachteil der gemeinsamen Sache. Keine gute Voraussetzung, um mit erfolgreicher Teamarbeit technische Defizite des Bootes auszugleichen.

Doch Bank, der ebenso an technischen Detailplanungen der Yacht beteiligt war wie Magg, hat die Rückendeckung des Financiers Dommermuth und seines vom Firmensitz in Montabaur entsandten Bevollmächtigten Scheeren. Der ehrenamtliche Vorstandschef will sich inzwischen nicht mehr auf Plazierungen festlegen lassen. „Am Ende müssen wir uns alle in die Augen gucken können“, sagt Scheeren. Aber das wird wohl immer schwerer.



Text: F.A.S vom 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 22
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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