Von Michael Reinsch, Göteborg
07. August 2006 Von diesem Montag an sind auch die Leichtathleten beim Musikfestival von Göteborg dabei. Schon seit Freitag abend rockt, jazzt und jubiliert es von bis zu 19 Bühnen in der Innenstadt und am Hafen von Göteborg. Nun sollen auf der Bühne Ullevi-Stadion Carolina Klüft und ihre Landsleute im siebentägigen Wettbewerb mit den Besten Europas für weitere Glanzpunkte sorgen.
"Dies wird das größte Unterhaltungsevent Schwedens in diesem Jahrzehnt", verspricht Claes Bjerkne, als Chef von "Göteborg & Co" erster Vermarkter der Stadt an der Westküste. "Ganz Göteborg wird zum Stadion." Partygirl Nummer eins ist Carolina Klüft. Das schwedische Publikum liegt ihr zu Füßen, seit sie, bei den Europameisterschaften in München vor vier Jahren, mit neunzehn ihre erste Goldmedaille bei den Erwachsenen gewann. Sie sei immer noch ein kleines Mädchen in dieser großen, großen Welt, kokettiert die schlaksige Blonde fünfzehn Siebenkämpfe und drei große Siege später - inzwischen ist sie Olympiasiegerin und zweimal Weltmeisterin geworden. Keinen einzigen Mehrkampf hat sie seitdem verloren.
Mit kindlicher Begeisterung
So hinreißend Carolina Klüft mit dem Publikum im Stadion und an den Bildschirmen flirten kann - hier eine Kußhand für die Ränge, dort ein Zwinkern in die Kamera -, so mitreißend soll ihre Show werden. "Dies ist eine enorm wichtige Veranstaltung für uns", sagt Yngve Andersson, Präsident des schwedischen Leichtathletikverbandes und des Organisationskomitees. "Diese Generation von Athleten ist praktisch die Frucht unserer WM von 1995. Jetzt geht es darum, die nächste Generation zu gewinnen. Eigentlich müßten wir alle zehn bis fünfzehn Jahre eine große Meisterschaft in Schweden veranstalten."
Es ging schon vor der WM los mit der Leichtathletik in Schweden. "Mit Patrik Sjöberg ist der Hochsprung eine Art Kult geworden in Schweden", erzählt Carolina Klüft. Stefan Holm und Kajsa Bergqvist, der Olympiasieger und die Weltmeisterin im Hochsprung, hätten ihm ebenso nachgeeifert wie Dreisprung-Olympiasieger Christian Olsson und ihr Lebensgefährte Patrik Kristiansson, Dritter im Stabhochsprung bei der WM 2003 in Paris. "Ich bin sechs Jahre jünger als er, zu jung. Ich habe Hochsprung in der Schule entdeckt. Dann bin ich im Hof unseres Hauses gesprungen. Mein Vater hatte zwei Stangen aufgestellt, und ich habe alles mögliche dazwischengeschleppt: Stühle, einen Tisch, und da bin ich drübergesprungen."
Lust an der Entdeckung
Die kindliche Begeisterung, die Abenteuerlust und die Lust an der Entdeckung beherrschen die 23 Jahre alte Carolina Klüft immer noch. "Ich muß Spaß haben. Wenn ich keine Freude habe an dem, was ich tue, erreiche ich auch keine guten Resultate. Zweitens will ich immer dazulernen; neue Erfahrungen machen, Orte entdecken, Menschen kennenlernen. Und das dritte ist, immer mein Bestes zu geben, zu sehen, wie weit ich gehen kann." Da hat ein Siebenkampf viel mehr zu bieten als ein Sprint: Er dauert zwei Tage und nicht nur rund elf Sekunden.
In Göteborg wird Carolina Klüft zusätzlich noch einen dritten Arbeitstag einlegen: Am Sonntag, zum Finale der Europameisterschaft und der damit verbundenen Party, will sie zusätzlich zu dem erwarteten Sieg im Mehrkampf auch noch im Weitsprung gewinnen. Die Mehrzahl ihrer neun Millionen sportbegeisterten Landsleute dürfte schon vorher abheben.
Text: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 30
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, dpa/dpaweb, Hausmann, REUTERS