22. November 2006 Sydney-Olympiasieger Nils Schumann geht bei den gegen ihn gerichteten Dopingermittlungen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in die Offensive. Ich habe mich direkt bereit erklärt, in weiteren Gesprächen alles dafür zu tun, um bei der Aufklärung behilflich zu sein, den Verband zu unterstützen und so zu dokumentieren, daß ich nichts zu verbergen habe, ließ der 800-Meter-Läufer von der LG Eintracht Frankfurt per Pressemitteilung verbreiten und versicherte, niemals gedopt zu haben: Ich habe immer gesagt, daß ich die Grenze des Erlaubten nie überschritten habe und das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert.
Der DLV hatte am Montag nach Einsicht in die Akten des Springstein-Prozesses auf Grundlage der daraus gewonnenen Erkenntnisse sportrechtliche Ermittlungen gegen Schumann, die ehemalige 400-Meter-Weltklasseläuferin Grit Breuer und - wie am Mittwoch bekannt wurde - gegen die frühere U23-Europameisterschaftszweite über 400 Meter Hürden, Ulrike Urbansky (Erfurt), eingeleitet. Alle trainierten einst unter dem wegen Minderjährigen-Dopings zu einer 16monatigen Bewährungsstrafe verurteilten Springstein.
Schumann: Habe mich von Springstein distanziert
Die Vorwürfe gegen Schumann beziehen sich offenbar auf seine Zusammenarbeit mit Springstein zwischen Oktober 2003 und September 2004. Ich habe mich 2004 direkt nach Bekanntwerden der Dopingvorwürfe gegen Thomas Springstein von ihm getrennt und mich von ihm und seinen Methoden distanziert, sagt der 28jährige. Während seiner Zeit unter Coach Springstein hatte Schumann wegen einer zweiten Achillessehnen-Operationen im November 2003 kein einziges Rennen absolviert.
Schumann hat sich inzwischen beim DLV über die Hintergründe des entstandenen Verdachtsmoments informiert. Mittlerweile haben wir die Informationen, was genau der Verband von Herrn Schumann wissen will und wir arbeiten bereits daran, die Fakten zusammenzustellen, sagte sein Manager Frank Thaleiser. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen, aber wir stehen in engem Kontakt mit dem Verband und ich denke, daß wir die benötigte Zeit auch bekommen werden. Noch keine Entscheidung sei bei der Auswahl eines Anwalts getroffen.
Staatsanwaltschaft widerspricht DLV
Die ehemalige Staffel-Weltmeisterin Grit Breuer läßt sich wie schon Lebensgefährte Springstein vom ehemaligen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel vertreten. Der hatte, wie jetzt bekannt wurde, mit Gericht und Staatsanwaltschaft im Prozeß eine Absprache getroffen. Das bestätigte am Mittwoch der Leitende Magdeburger Oberstaatsanwalt Rudolf Jaspers. Diese habe aber nicht enthalten, dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) Akteneinsicht vorzuenthalten. Aufklärung darüber hatte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, gefordert.
Ja, es gab eine Verabredung, sagte Jaspers dem sid. Das sei aber auch nicht der Grund dafür gewesen, daß Springstein mit einer 16monatigen Bewährungsstrafe davon gekommen sei: Die anderen Anklagepunkte wurden eingestellt, weil sie nicht zu einer höheren Gesamtstrafe geführt hätten und damit nicht ins Gewicht fielen.
Jaspers wehrte sich zudem gegen die Darstellung, der DLV habe erst Akteneinsicht nach einer Dienstaufsichtsbeschwerde erhalten. Das ist falsch. Zu dem Zeitpunkt waren die Akten schon auf dem Weg. Zur Verzögerung hätten rein praktische Gründe geführt.
Die Ermittlungen gegen Schumann, Breuer und Urbansky hatte der DLV erst nach Einsicht in die Akten aufgenommen. Außerdem stellte er Strafanzeige gegen den niederländischen Manager Jos Hermens und den spanischen Arzt Miguel Anguel Peraita. Hermens zählte einst auch Schumann und Breuer zu seinen Klienten.
Text: FAZ.NET mit Material vom sid
Bildmaterial: dpa